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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.11.2015

Ibrahim Amirs "Stirb, bevor du stirbst"Spaß an Präzisionsarbeit

Von Elske Brault

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Benjamin Höppner, Birgit Walter, Nicola Gründel und Margot Gödrös in "Stirb, bevor du stirbst". (Schauspiel Köln / © David Baltzer)
Benjamin Höppner, Birgit Walter, Nicola Gründel und Margot Gödrös in "Stirb, bevor du stirbst". (Schauspiel Köln / © David Baltzer)

Regisseur Rafael Sanchez hat am Schauspiel Köln die Dialoge von Ibrahim Amirs Komödie "Stirb, bevor du stirbst" in einen so temporeichen Schlagabtausch verwandelt, dass man lautes Lachen unterdrückt - aus Angst, den nächsten Satz zu verpassen.

Alt und einsam und ein bisschen dement zu sein, kann auch seine Vorteile haben. Vielleicht nicht für einen selbst, aber für die Nachbarin. Diese Magda, etwa dreißig, eine orientalische Sexbombe in hautengem Rock, aber mit Kopftuch, platzt bei Gertrud in die Wohnung und stellt sich als neue Hausgenossin vor. Magda hat eine Spezialität aus dem Libanon gebacken (das ist nett) und zieht bei der alten Dame alle Schubladen der Kommode auf (das ist aggressiv).

Bis zum Ende des Stücks werden wir nicht erfahren, woher genau Magda stammt oder warum sie weiterhin wie eine züchtige Muslima ein Kopftuch trägt, obwohl sie zugleich gegen die patriarchalen Strukturen des Islam rebelliert. Nur eines bekommen wir deutlich mit: Magda weist jede kulturelle, religiöse oder regionale Zuschreibung empört zurück. Was sie freiwillig von sich erzählt, könnte aus dem Mund jeder bayrischen Katholikin kommen: Sie war drei Jahre unglücklich verheiratet mit einem Schwaben namens Hannes, von dem sie sich seiner Untreue wegen hat scheiden lassen. Und sie will Köchin werden.

Ibrahim Amir thematisiert in "Stirb bevor du stirbst" die Funktionsweise menschlicher Wahrnehmung und Kommunikation: Je nachdem, ob wir uns über Besuch freuen wie die alte Gertrud oder ihn als Belästigung empfinden wie ihre wenig später heimkehrende Tochter Sabine, erscheint die neue Nachbarin aufgeschlossen oder aufdringlich, als eine Bereicherung am Abendbrotstisch oder eine Belästigung. Das ist, in kürzester Form, der Ursprung unterschiedlicher Positionen, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht.

Eine Schneise in den Dschungel der Vorurteile

Sabine würde, wenn sie könnte, wohl alle rauswerfen, so wie sie Magda aus der Wohnung wirft. Die 50-jährige Krankenschwester hat mit Hilfe von Mutter Gertrud ihren Sohn Philipp allein aufgezogen. Gerade hat er Abitur gemacht, ein wenig ist in der Zeit vor den Prüfungen der innere Kontakt zu ihm abgerissen. Aber dass der Junge gar nicht mehr erreichbar sein sollte für sie, das kann Sabine dann doch nicht glauben.

Als ein Polizist bei ihr in der Wohnung auftaucht und verkündet, Philipp sei mit einem Freund nach Syrien gegangen, in den Dschihad, den Heiligen Krieg, der Junge habe bereits seit geraumer Zeit auf der Internetseite "Stirb bevor du stirbst" Kontakt zu Salafisten gepflegt, da schmeißt Sabine diesen Kommissar raus und holt die Nachbarin Magda wieder rein. Die scheint dann doch das kleinere Übel. Und schließlich braucht Sabine Hilfe von irgend jemandem, der sich mit "diesen Typen" auskennt.

Wenn Ibrahim Amirs Figuren solch überraschende Allianzen schließen, schlagen sie für einen winzigen Moment eine Schneise in den Dschungel der Vorurteile, wird statt der Einordnung eines Bildes: "Nachbarin, Kopftuch, aufreizend gekleidet, hört laute Musik = rücksichtslose Schlampe" oder später in der Moschee "Mann mit Vollbart, Blut befleckt = Hassprediger" der Zugang möglich zu dem Menschen. Dem entspricht in Dirk Thieles Bühnenbild eine naturalistisch nachgebaute Wohnung mit Tür und Hausflur, bloß dass sich unerwartet am anderen Ende auch eine Schiebetür öffnen kann oder der Polizist urplötzlich wie vom Bühnenhimmel gefallen einfach da steht.

Spaß an Präzisionsarbeit

Für so viele absurde Wendungen, wie "Stirb bevor du stirbst" bereit hält, bräuchte es allerdings viele weitere Falltüren, Dachluken und Seitenausstiege. Als Muslimas verkleidet, begeben Mutter Sabine, Großmutter Gertrud und Nachbarin Magda sich zu der Moschee, von der Sohn Philipp zahlreiche Broschüren bezogen hat. Der Imam dort verweigert anfangs jede Auskunft, empfindet es als Zumutung, dass man ihn für einen Extremisten, einen Täter, hält, obwohl er doch offensichtlich ein Opfer ist: Seine Moschee wurde von Rassisten mit Farbe und schließlich gar mit Schweineblut beworfen. Doch dann stellt sich heraus, dass sein eigener Sohn Mustafa der Kumpel an Philipps Seite ist. Ob die beiden tatsächlich auf dem Weg in den Heiligen Krieg oder vielleicht doch nur in den ersten ungestörten Paarurlaub sind, darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Regisseur Rafael Sanchez hat mit einem glänzend aufgelegten Ensemble die Dialoge in einen so raschen Schlagabtausch verwandelt, dass man lautes Lachen unterdrückt ob der Gefahr, den nächsten Satz zu verpassen. Hier hatten offenbar alle Spaß an Präzisionsarbeit, und der Zuschauer hat es auch. Bemerkenswert auch, dass es kein Multi-Kulti-Ensemble braucht, um ein Multi-Kulti-Stück zu spielen.

Benjamin Höppner als Imam gibt absolut glaubwürdig den gläubigen Traditionalisten: In einem Moment erregt er Mitleid, weil seine Frau sich von ihm hat scheiden lassen und damit für ihn zerbrochen ist, was er doch als das höchste Ziel und Glück ansieht: Eine heile Familie. Im nächsten stellt sich heraus, dass er sich diese Familie nicht anders als in hergebrachter Rollenverteilung vorstellen kann, der Mann bei der Arbeit, die Frau am Herd. Nicht nur die Frau hat sich da scheiden lassen, auch der Zuschauer zieht das Mitleid wieder ab.

Den meisten Applaus erntet zum Schluss Margot Gödrös als Großmutter Gertrud. Klar, die leicht verwirrte Alte ist eine Traumrolle, aber man muss sie auch so selbstverständlich, so ganz natürlich zwischen Würde und Witz balancierend geben wie Gödrös. Im Theater kann es eben von Vorteil sein, alt und einsam und ein bisschen dement zu sein. Wären wir Zuschauer es auch, dann hätten wir nicht mehr die Anfangsszene im Kopf, die Regisseur Sanchez am Ende noch einmal spielen lässt mit gleichem Text – in anderer Rollenverteilung. Das Ergebnis ist, statt des Konflikts: Friede – Freude – Eierkuchen. Wäre es gleich so gelaufen, die Welt wäre um ein wenig Wohlwollen reicher. Aber das Theater um eine grandiose Komödie ärmer.

 

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