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Buchkritik | Beitrag vom 07.08.2020

Ian Mortimer: "Shakespeares Welt"Eine lustvolle Zeitreise

Von Volkart Wildermuth

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Das Cover zeigt das Konterfei Shakespeares und weitere historische Gegenstände aus der Zeit Shakespeares. (Piper Verlag)
Die Fremdheit früherer Jahrhunderte: Ian Mortimer führt durch Shakespeares Lebenswelt. (Piper Verlag)

In vergangene Zeiten reisen, hat großen Charme. Der britische Historiker Ian Mortimer bekommt gar nicht genug davon. Erst reiste er ins Mittelalter, jetzt ins England des 16. Jahrhunderts – und zwar akribisch recherchiert und unterhaltsam erzählt.

Hamlet, Macbeth, die dunkle Lady der Sonette, in vielen Aspekten wirken diese Figuren Shakespeares modern, aber sie sind verwurzelt im goldenen Zeitalter Elisabeths der Ersten, einer Welt voller Gewalt, aber auch voller Wunder. Mit seinem Reiseführer bereitet Ian Mortimer die Leserinnen und Leser vor auf die fremd-vertraute Welt Shakespeares.

Gerüche der Städte

Dabei hat der Brite kein klassisches Geschichtsbuch geschrieben und auch keine Biografie. Vielmehr nimmt der Historiker und Romanautor mit auf eine Zeitreise. Was aßen die Leute, was spielten sie, wie kleideten sie sich? "Was fällt uns wohl zuerst auf, wenn wir das England Shakespeares besuchen?", fragt Ian Mortimer.

"Ich glaube, es werden die Gerüche in den Städten sein. Nach ein paar Tagen allerdings ist es wohl eher die Unsicherheit des Lebens." Denn das kann sehr schnell vorbei sein. Hungersnöte forderten mehr Leben als die Pest. Und wer sich mit den aktuellen Glaubensvorgaben nicht auskannte, landete schnell am Galgen.

Eintauchen in das alltägliche Leben

Aber es gab auch Chancen. Schafzüchter verdienten gutes Geld, deshalb verschwanden auch schon damals die Wälder zugunsten von Weiden. Die Druckerpresse führte nicht nur zu einer Schwemme religiöser Pamphlete, sondern auch zu zahlreichen Selbsthilfebüchern. Gesellschaftlicher Aufstieg war, anders als im Mittelalter, möglich. Aber weil die Kleidung anzeigte, wer man war, sollte man rechtzeitig in guten Stoff investieren.

Die vielen Alltagsdetails machen den Reiz von Mortimers Buch aus. Er berichten von den Sitten bei einem Adelsbankett genauso wie von denen in der Kneipe. Das große Ganze gerät dabei manchmal aus dem Blick. Zur Zeit Elisabeths gab es keine offizielle Statistik. Deshalb reiht der Autor oft viele Einzelbeispiele aneinander. Da wird es schwer den Überblick zu behalten, ob etwa der Brotpreis in Canterbury relativ zum Gehalt einer Zofe eigentlich zu hoch oder zu niedrig ist.

Eine kleine Mogelpackung

Davon abgesehen schafft es Ian Mortimer sowohl ein Gefühl für die Fremdheit des 16. Jahrhunderts zu vermitteln – ein Drittel der Bewohner von Essex stand wegen sexueller Verfehlungen vor dem Kirchengericht –, als auch Verbindungen in die Gegenwart zu ziehen. Dafür steht etwa das Leben der aus heutiger Sicht fast schon feministischen Dichterin Emilia Larnier und natürlich Shakespeare selbst, der allerdings, anders als der Buchtitel vermuten lässt, nur selten zitiert wird.

Dessen Zeitgenossen beschreibt Ian Mortimer so: "Sie fürchten sich, sind aber gleichzeitig euphorisiert und in Liebe entbrannt." Ihre Welt erscheint als lohnendes Reiseziel. Deshalb im Nachgang Shakespeare lesen. Da gibt es dann die ganze Dramatik – ohne den schlechten Geruch.

Ian Mortimer: "Shakespeares Welt. So lebten, liebten und litten die Menschen im 16. Jahrhundert"
Übersetzt aus dem Englischen von Karin Schuler
Piper/München 2020
496 Seiten, 25 Euro

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