Hunger nach Gerechtigkeit

Von Matthias Bertsch |
In der DDR gehörte die "internationale Solidarität" praktisch zur Staatsräson. Doch hinter den Parolen verbarg sich oft wenig praktisches Tun, was vor allem kirchlich engagierte Menschen bemängelten. Vor 40 Jahren, im Herbst 1971, wurde deshalb das ökumenische Netzwerk INKOTA gegründet.
Am Anfang von INKOTA stand ein Mann, der sich schon im Nationalsozialismus nicht mit Ungerechtigkeiten abfinden wollte. Lothar Kreyssig hatte als Richter in Brandenburg gegen die Ermordung behinderter Menschen protestiert und wurde deswegen in den Ruhestand versetzt.

Nach dem Krieg gründete der tief gläubige evangelische Christ nicht nur die Freiwilligenorganisation Aktion Sühnezeichen, sondern, mit Unterstützung zahlreicher Prominenter wie Willy Brandt und Heinz Galinski, die "Aktionsgemeinschaft für die Hungernden", die um Spenden für die Länder des Südens bat. Gut zehn Jahre später war die Aktionsgemeinschaft einigen evangelischen und katholischen Studentengruppen zu unpolitisch. Sie luden im Herbst 1971 in Halle zu einer Tagung unter dem Motto: "Aufbruch gegen die Weltarmut", erzählt der langjährige Geschäftsführer von INKOTA, Willi Volks:

"Es war klar, aus kirchlichen Kreisen sollte auch etwas getan werden gegen den Welthunger, und dadurch, dass wir in der DDR waren und eigentlich diese ganze Frage der Solidarität und der Zusammenarbeit mit Staaten des Südens ein staatliches Monopol der Regierung war, kam also die Idee auf, dass man selbst etwas tun müsste gegen den Welthunger, das war dieser zentrale Ausgangspunkt auch 1971, wo die Tagung einberufen wurde und wo dann als letztes sozusagen INKOTA als wesentliches Ergebnis dieser Tagung entstanden ist."

INKOTA, war die Abkürzung für INformation, KOordination und TAgungen.

"Also unabhängige Informationen waren zu DDR-Zeiten schlecht zu bekommen, über die geschlossenen Grenzen hinweg, das war die eine Geschichte, das Zweite war, dass man mit seinem Engagement, was sowieso sehr beschnitten war, nicht alleine bleibt, sondern dass man sich vernetzt und koordiniert, Informationen heranbeschafft und sich dann darüber austauscht. Insofern: der Name war Programm."

Der Kampf gegen den Hunger ist bis heute ein zentrales Thema bei INKOTA. Das Netzwerk bietet beispielsweise in Schulen oder Kirchen Seminare an, bei denen der Dokumentarfilm "Hunger" gezeigt wird. Hier ein Ausschnitt aus dem Film-Trailer:

"Wir machen gerade eine wirklich schlimme Zeit durch. Hülsenfrüchte und Weizen gingen nicht, Baumwolle war ganz schlecht. Manchmal denke ich an Selbstmord."

"Wenn man den Film dann in ner Gemeinde zeigt, oder bei jungen Leuten, hat man immer wieder den Effekt, dass die Leute sagen: Mein Gott, dass das so schlimm ist, wusste ich nicht. Der Film zeigt zum Beispiel in Indien, dass sich Bauern umgebracht haben, also Selbstmord begangen haben, weil sie nicht mehr wussten, wie sie ihre Schulden bezahlen können, weil sie sich bei großen Saatgutkonzernen wie Monsanto so hoch verschuldet haben, um ihr Saatgut zu bezahlen, gentechnisch verändertes Saatgut, dass sie keinen Ausweg mehr gesehen haben als sich selbst das Leben zu nehmen."

Es sei wichtig, dass es nicht bei diesem "schlimm" bleibe, betont Evelyn Bahn, die bei INKOTA für das Thema Welternährung zuständig ist.

"Wie kauf ich ein, wie viel Lebensmittel sind eigentlich in meinem Kühlschrank, die ich dann wieder weg schmeiße, weil sie entweder vergammelt sind oder weil sie mir doch nicht schmecken, also ein bewussteres Konsumverhalten im Sinne 'was kauf ich ein', das sind schon Fragen, die wir im Anschluss an den Film mit den Leuten diskutieren, und gerade deshalb ist es auch wichtig, dass wir nicht nur den Film zeigen und dann gehen wir wieder, sondern wir sprechen mit den Leuten, wir fangen das auf, was durch ihren Kopf geht, und viele sagen: 'Ja, was können wir denn jetzt tun?' Und da geben wir Anregungen."

INKOTA arbeitet aber nicht nur in Deutschland, sondern unterstützt auch Projekte in Mittelamerika, Vietnam und Mosambik.

"In Mosambik arbeiten wir mit dem Kleinbauernverband UNAC zusammen, und UNAC hat gerade für uns eine Studie erstellt über eine Plantage, wo Jatropha angebaut wird. Jatropha ist eine ölhaltige Nuss, aus der man Biodiesel herstellen kann, und hat untersucht, wie sich dieses Projekt auf die lokalen Gemeinden auswirkt."

Während Biosprit hierzulande meist unter dem Gesichtspunkt der Verträglichkeit für Motoren diskutiert wird, stehen für INKOTA die Menschen in Mosambik im Vordergrund. Lebensmittel gegen den Hunger der Armen statt Nutzpflanzen für den Energiehunger der Reichen, lautet die Forderung, die sich auch an Lufthansa richtet. Die Fluggesellschaft nutzt den Biokraftstoff aus Mosambik:

"Wir wollen erstens aufzeigen, wo bekommt Lufthansa das Biokerosin her, und zwar, dass dieses Biokerosin hergestellt wird aus Jatropha, was aus einem Land stammt, in dem 35 Prozent der Bevölkerung unterernährt sind, darauf wollen wir erst mal aufmerksam machen und dann Lufthansa damit konfrontieren, was bedeutet das, falls sie zukünftig noch mehr Biokerosin verwenden wollen."

Sollte Lufthansa nicht reagieren, sei auch eine Kampagne denkbar – ähnlich wie die Kampagne für saubere Kleidung, an der sich INKOTA seit 20 Jahren beteiligt. Ziel ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungsindustrie. Im Fokus stand dabei in letzter Zeit eine Sparte, über die bislang wenig geredet wurde: die Outdoor-Branche.

"Das Erstaunliche ist auch, dass die KonsumentInnen, die sich Outdoor-Kleidung kaufen, viel stärker auch nicht bloß ein gutes Produkt haben wollen, sondern auch damit verbinden, dass sie eigentlich interessierte Leute sind, die an der Umwelt nicht bloß als Wanderer teilhaben wollen, sondern auch, dass die erhalten wird, und dass dadurch auch ne recht hohe Aufgeschlossenheit da ist, wie denn faire Arbeitsbedingungen hergestellt werden können."
Markenfirmen wie Jack Wolfskin oder Vaude, so Berndt Hinzmann, der die Kampagne bei INKOTA koordiniert, seien dem Verlangen der Konsumenten und der Kampagne nachgekommen und inzwischen einer Überprüfungsinstitution beigetreten: der "Fair Wear Foundation". Ein Beispiel dafür, dass die Arbeit des Netzwerkes manchmal auch Erfolg hat.

40 Jahre nach der Gründung kommen die meisten Mitgliedsgruppen von INKOTA zwar immer noch aus den östlichen Bundesländern, aber die Vernetzung im Kampf für mehr Gerechtigkeit ist längst international. Nur in einem wirkt INKOTA fast verstaubt: im Namen. Auch Willi Volks gibt zu, dass er kaum noch zeitgemäß ist.

"Das hat einfach was mit Herzblut zu tun, das hat was mit Tradition zu tun, mit dem, womit die Leute sich verbunden gefühlt haben mit INKOTA, wenn sie länger dabei sind. Also das ist 'ne gewisse Schwierigkeit, so was zu verändern. Bislang lieben wir INKOTA immer noch so, dass es immer noch INKOTA heißt"," (lacht), ""und das werden wir wohl so schnell nicht hinkriegen, dass wir das verändern."

Infos im Web: Das entwicklungspolitische Netzwerk INKOTA
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