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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2006

Humorvolles aus dem Iran

Gesellschaftskömödie aus der Zeit vor den Mullahs

Rezensiert von Barbara Wahlster

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So verhüllt sind die Frauen in Zoya Pirzads Roman "Die Lichter lösche ich" nicht. (AP)
So verhüllt sind die Frauen in Zoya Pirzads Roman "Die Lichter lösche ich" nicht. (AP)

Iran, Ende der 60er Jahre, vor der Zeit der Islamischen Republik: Clarisse und Violet, Alice, Nina und Sophie sind die Heldinnen eines vielstimmigen und leichten Zeitbildes aus einem Land, das noch nicht so monolithisch geschlossen war wie unter den Mullahs. "Die Lichter lösche ich" wirft einen humorvollen Blick auf die Missgeschicke des Lebens. Ein positives Zeichen aus einem Land, aus dem überwiegend schlechte oder beunruhigende Nachrichten kommen.

Die Frauen heißen Clarisse und Violet, Alice, Nina und Sophie – und sie alle gehören zu einem weit verzweigten Familien- und Freundeskreis inmitten der Ödnis des iranischen Südens, einem Zentrum der Erdölindustrie. Sie bilden eine Überlebensgemeinschaft der besonderen Art. Nicht nur, weil die neuen Verdienstmöglichkeiten sie in den 60er Jahren in diese Enklave geführt haben - weit weg von ihrer städtischen Herkunftskultur in Teheran, Isfahan oder Tabris.

Trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen schafft die Zugehörigkeit zur überschaubaren armenischen Minderheit einen besonderen Zusammenhalt – mit eigenen christlichen Schulen, Clubs und Wohltätigkeitsorganisationen. Dieser "Parallelwelt" mit wenigen Kontakten nach "draußen" setzt die Autorin ein Denkmal.

Gleichzeitig scheint immer wieder auch die Begrenztheit dieses Kosmos auf, etwa wenn Clarisses Mann, der Ingenieur mit linken Überzeugungen, die Fixierung auf die eigene Leidensgeschichte der Armenier ablehnt und stattdessen die katastrophalen Armutsverhältnisse gleich in der näheren Umgebung beschreibt.

Clarisse, 38 Jahre alt und Mutter von drei Kindern, wirkt wie der Fixpunkt des turbulenten Universums mit seinen Alltagsroutinen, kleinen Gehässigkeiten und subtilen Konfliktpotential. Doch Einfühlung, Beobachtung, Takt und Taktik setzen ihr zu, zumal sie oft unentschlossen ist, ob sie den jeweiligen Situationen mit ihrer optimistischen, pessimistischen oder nörglerischen Seite begegnen soll.

Also beschreibt sie möglichst genau die alltäglichen Begebenheiten, Irritationen und Dialoge, fängt die Stimmen und ihre Eigenheiten ein, hält den Stereo-Effekt fest, wenn die Zwillingsmädchen sprechen, die strapaziösen Argumentationen ihrer unverheirateten Schwester, die sich hochschaukelnden Neckereien bei Tisch. Denn immer sitzt man in unterschiedlichen Konstellationen beisammen und wie in einem Film ziehen die Wortfetzen vorbei, in kurzen Szenen, die sich durch neuen Besuch, ein Telefonklingeln oder Themenwechsel schlagartig verändern.

So wird Clarisse über ihre Selbstbefragungen hinaus zur Chronistin der Gerichte und Gerüchte, der Erzählungen und Lieder, der Marken und Moden in den 60er Jahren. Ihr Sohn hat Alain Delon und Romy Schneider an seine Zimmerwand gepinnt, aus Teheran kommt die Verbindung zur Welt mit Aufnahmen von Nat King Cole oder Büchern französischer Autoren.

Dabei entdeckt Clarisse Emil, den neuen Nachbarn von Gegenüber, als Seelenverwandten, als aufmerksamen Zuhörer und poetisch veranlagten Freund, der neue Töne und aufregende Untertöne in ihren eingefahrenen Alltag bringt. Bis der Witwer den Reizen der jüngeren und ungebundenen Violet erliegt.

Aus dieser Hochzeit jedoch wird nichts, da hatte die resolute Mutter Emils ihre eigenen Gegenstrategien. So wird auch der 15-jährige Armen befreit von seiner Verliebtheit zu Emily, der mutwilligen, hinterhältig destruktiven Tochter aus gutem Haus. Clarisses Schwester Alice schließlich heiratet einen Holländer und verläßt den geschützten Familieraum in Abadan.

Zoya Pirzad hat ein wunderbar vielstimmiges und leichtes Zeitbild aus dem Iran der 60er Jahre geschrieben, als die Gesellschaft noch nicht so monolithisch geschlossen war wie unter den Mullahs. Dass dieser humorvolle Blick auf die Missgeschicke des Lebens und die Verwicklungen des Alltags sich nach dem Erscheinen 2001 zu einem mehrfach ausgezeichneten Bestseller entwickelt hat, ist ein positives Zeichen aus einem Land, von dem wir überwiegend schlechte oder beunruhigende Nachrichten hören.


Zoya Pirzad: Die Lichter lösche ich
Aus dem Persischen von Susanne Baghestani
Suhrkamp Verlag,
22,90 Euro

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