Humor mit Körpereinsatz

Moderation: Frank Meyer · 22.07.2008
Zu Beginn seiner Karriere in den 70er-Jahren sei Otto Waalkes von den amerikanischen Stand-up-Comedys inspiriert worden, meint der Humorforscher Christian Hempelmann. Eines seiner Markenzeichen sei daher ein sehr körperlicher Humor, der aber grundsätzlich unpolitisch sei, betont Hempelmann anlässlich des 60. Geburtstags des Komikers.
Frank Meyer: Otto Waalkes ist heute 60 geworden, und bei allen Otto-Betrachtungen gibt es so eine Art Grundton, nämlich: Der Mann war früher großartig, heute ist er, na ja, eher peinlich. Der Linguist Christian Hempelmann beschäftigt sich unter anderem mit der Erforschung des deutschen Humors. Christian Hempelmann, im jüngsten Magazin der "Süddeutschen Zeitung" konnte man zum Beispiel lesen: "Was Otto heute zu bieten hat, das ist unreifer Humor für ein erschreckend unreifes Volk, das seine Sehnsucht nach der Fürsorge und Zuwendung, die Kleinkinder ge-nießen, auf einen alten Mann projiziert, der wie ein Baby plärrt und Grimassen schneidet. Oh, oh, Otto …" Das ist ja eine interessante These, in der Freude an kin-dischen Otto-Witzen zeige sich ein erschreckend unreifes Volk. Was halten Sie denn davon?

Christian Hempelmann: Ich weiß nicht, das ist ein Grundton, der durchzieht die Humorkritik eigentlich seit es sie gibt, 150 Jahre vielleicht, dieses Kulturpessimisti-sche und dann gleichzeitig Völkerpsychologische. Man schaut sich dann einen Ko-miker an und denkt gleich, man hat die Seele des Volkes erfasst. Bloß weil Otto viel-leicht nicht mehr von geistigen Größen getragen wird und seine Kalauer nicht mehr ganz die Tiefe erreichen wie vor 20 Jahren muss das ja nicht heißen, dass Deutsch-land den Bach runtergeht.

Meyer: Und da wird ja unterschieden, so, wie Sie es jetzt auch ansprechen. Heute setzt man sich eher kritisch mit Otto auseinander, aber damals, als er aufstieg in den 70er-Jahren, da wird auch heute gewürdigt, wie er damals Autoritäten veralbert habe, die den Deutschen damals hoch und heilig waren, der Schlager zum Beispiel oder die Priester. Würden Sie denn sagen, er hatte damals einen anarchischen, einen au-toritätskritischen Humor in seinen Anfängen?

Hempelmann: Eigentlich ist Otto ja durchgängig grundsätzlich unpolitisch gewe-sen. Er hat dann vielleicht schon Statussymbole der bürgerlichen Gesellschaft paro-diert, aber nie direkt die Politik angegangen. Und das ist vielleicht auch was, was ihn unterscheidet von der bis dahin eher bierernsten deutschen Szene, die ja dominiert war auch von diesem politischen Kabarett, dem ach so ätzenden, wie ich finde.

Meyer: Und neben diesem Unterschied, was hat Otto noch Neues in den deut-schen Humor eingebracht?

Hempelmann: Diese Bühnenpräsentationsform der zweiten Welle des amerikani-schen Stand-ups hat ihn sicherlich inspiriert, die im Zuge der 60er-Jahre in Amerika wichtig war, und dann eben auch der körperliche Humor, der hoffentlich bei ihm nicht kokaininspiriert war, wie es hier oft der Fall war.

Meyer: Es gab jetzt beim Fernsehsender RTL, das ist ja auch so eine Art Haus-sender von Otto geworden, die haben schon vor sechs Wochen die Otto-Geburtstagsshow veranstaltet und da wurde verkündet, Otto habe den Grundstein für alles gelegt, was wir heute in Deutschland Comedy nennen. Würden Sie das auch so sagen? Ist er der Gründervater für das, was uns heute so tagein tagaus im deut-schen Fernsehen begleitet?

Hempelmann: Ich glaube nicht. Er war einer der wichtigsten Vertreter zu einer ge-wissen Zeit und – wie Sie das ja auch in dem Anspann berichtet haben – versucht, das noch etwas weiter zu tragen. Aber es gibt ja andere Größen, die gar nicht dieses Format aufgegriffen haben. Wer sicherlich in seiner Tradition zumindest teilweise steht, ist in der Tat Helge Schneider, der meiner Meinung nach der derzeit beste deutsche Komiker ist.

Meyer: Vielleicht können wir uns mal so eine kleine deutsche Humorgeschichte anschauen. Vorhin wurde auch schon Heinz Erhardt als ein Vorgänger wiederum von Otto genannt. Wenn wir mal so eine Linie aufmachen: Heinz Erhardt am Anfang, in der Mitte Otto und als neueres Beispiel vielleicht so jemand wie Mario Barth, der ja gerade aufsehenerregenderweise das ganze Berliner Olympiastadion gefüllt hat mit Leuten, die seine Witze hören wollten. Was, würden Sie sagen, sind da die wichtigs-ten Unterschiede zwischen Erhardt, Otto und Mario Barth?

Hempelmann: Alle haben einen eigenen Präsentationsstil, der stark körperlich auch ist, am wenigsten allerdings Barth, finde ich, am stärksten sicherlich Otto, und am prägnantesten vielleicht Erhardt, wo man den Kontrast des etwas robusteren, reiferen Mannes, der sich bürgerlich anzieht, mit einer gewissen Bühnenpräsenz hat. Strukturell ist der Humor sicherlich am unterschiedlichsten. Das, was man feinen Humor nennt, wo Information geschickt vorenthalten wird, bevor die Pointe sie dann dem Publikum zur Verfügung stellt, das hat sicherlich am meisten Erhardt, Otto auch noch in seinen besten Zeiten, als er noch die guten Schreiber hatte, am wenigsten dann wiederum Barth. Wenn es um Inhalte geht, ist es ja immer leicht, mit sexuellem und im deutschen Kontext speziell auch mit Fäkalhumor und aggressivem Humor gegen bestimmte Gruppen Lacher zu erzielen. Das hat Erhardt überhaupt nicht ge-tan, Otto sehr wenig, und wenn, dann auf sich selber gerichtet, als lächerliche dum-me Figur, Barth macht es aber sehr stark. Das sind die wichtigsten Unterschiede.

Meyer: Wenn man das jetzt überträgt auf die ganze deutsche Humorszene, müss-te man von dem, was Sie beschrieben haben, jetzt sagen, der deutsche Humor ist in den letzten Jahrzehnten gröber geworden, er handelt immer mehr mit Sexgeschich-ten und mit Fäkalgeschichten? Kann man das als Generalentwicklung festhalten?

Hempelmann: Ich glaube, dass der Humor dieser Art einfach präsenter geworden ist, weil man sich medialerseits nicht mehr schämt, den hochzubringen, aber gege-ben hat es das schon immer. Geben wird es das auch immer, und es gibt immer auch feinere Gegenstimmen, so wie eben Helge Schneider, den ich ja schon erwähnt habe, und auch andere Komiker. Ich bin nicht ganz so kulturpessimistisch.

Meyer: Sie arbeiten jetzt schon längere Zeit in Amerika, können deshalb auch ver-gleichen, worüber man in den USA lacht, worüber man in Deutschland lacht. Was sind Ihnen denn da für entscheidende Unterschiede aufgefallen?

Hempelmann: Es gibt im Moment hier eine wiederum neue Generation des Stand-up-Humors, die auf das Absurde und auf so komplexe logische Spiele mehr abzielt, solche Leute wie Demetri Martin oder Eugene Murman. Das habe ich jetzt im Deut-schen noch nicht erlebt, wobei ich hier natürlich auch mehr Zugang zu lokaleren, kleineren Sachen habe und Deutschland eben nur kenne, was mir medialerseits prä-sentiert wird. Ansonsten – inhaltlich finde ich immer auffallend tatsächlich, dass ich als Deutscher Fäkalhumor natürlich auch super finde, hier dann aber meist damit doch auf die Nase falle. Das ist hier nicht so angesagt.

Meyer: Otto Waalkes wird heute 60 Jahre alt. Über Otto und den deutschen Humor habe ich mit dem Humorforscher Christian Hempelmann gesprochen. Vielen Dank für das Gespräch!