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Interview | Beitrag vom 10.05.2021

Humboldt Forum Eine Raubkunst-Recherche und schwere Vorwürfe

Götz Aly im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Eine historische Aufnahme zeigt das Luf-Boot vor der hernsheimschen Handelsstation auf Matupi, einer Insel in Papua-Neuguinea, 1903 (Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / Richard Parkinson)
Historische Aufnahme des Luf-Boots vor einer Handelsstation auf Matupi, einer Insel in Papua-Neuguinea (1903). (Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / Richard Parkinson)

Götz Aly hat die Geschichte des Luf-Bootes dokumentiert, eines zentralen Ausstellungsstücks im Humboldt Forum. Er geht davon aus, dass es sich um Raubkunst handelt. Seine Recherche könnte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Bedrängnis bringen.

Stephan Karkowsky: Rauben, plündern, schänden und morden, das waren offenbar die Methoden, mit denen deutsche Kaufleute in Kolonialzeiten fremde Kulturgüter zusammenrafften, um damit die Völkerkundemuseen zu füllen, wie sie damals noch hießen. Dieses Bild zeichnet der Berliner Politikwissenschaftler und Historiker Götz Aly in seinem Buch "Das Prachtboot". Er will beweisen, dass das zentrale Ausstellungsstück des Humboldt Forums in Berlin, das Luf-Boot, nicht rechtmäßig erworben wurde. Wie sind Sie denn darauf gekommen, dass mit der offiziellen Geschichte vom angeblich sauberen Erwerb dieses Bootes etwas nicht stimmt?

Ein Urgroßonkel in der Südsee

Aly: Ich habe mich mit der Südsee beschäftigt, weil ein Urgroßonkel von mir bei der Eroberung dabei war und wir dort eine Insel hatten, die Aly hieß, und kam dann auf diese Kunstgegenstände, habe mich eingelesen. Ich kannte das Luf-Boot gut, weil ich vor über 40 Jahren mit meinen Kindern immer im Ethnologischen Museum war. Damals habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, wie es nach Berlin gekommen war.

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Karkowsky: Ich fasse mal zusammen, was Sie rausgefunden haben: Da ist diese Insel Luf im heutigen Papua-Neuguinea, deutsche Händler stoßen auf Widerstand bei den 400 Inselbewohnern. Die kaiserliche Kriegsmarine hilft aus mit zwei Strafexpeditionen, zerstört die Lebensgrundlage der Bewohner, die Häuser, die Kanus, rottet quasi die Bewohner aus, ohne jeden Einzelnen ermorden zu müssen. Und dann nimmt sich ein Händler, Eduard Hernsheim, was übrig bleibt, darunter das Prachtboot, und verkauft es an das Berliner Museum.

Aly: Ja, genauso war es.

Karkowsky: Ihr Buch liest sich sehr spannend, weil Sie die Täter mithilfe von Indizienbeweisen überführen anhand ausgiebiger Quellenstudien. Und Sie klagen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz an, weil diese zur Eröffnung des Humboldt Forums noch davon ausgegangen ist, rechtmäßiger Besitzer dieses Prachtbootes zu sein. Konnte man die Wahrheit nicht wissen oder wollte man nicht?

50 von 400 Inselbewohnern überlebten

Aly: Das ist eine Erzählung, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt eingebürgert hat. Vorher ist nie darüber berichtet oder geschrieben worden, ob das Boot den Bewohnern der Insel, die noch lebten – das waren ungefähr 50 von ursprünglich 400 –, weggenommen oder abgekauft worden war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man dann irgendwann erfunden, es sei rechtmäßig erworben worden durch den Händler Hernsheim und an das Museum verkauft worden. Das ist alles nicht wahr, das kann man ganz leicht herausfinden, die Quellenstudien sind ganz einfach. Es hat sich keiner die Mühe gemacht, und es war bequem für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das einfach zu behaupten und zu glauben.

Eine Transport-Kiste mit dem ersten Ausstellungs-Großobjekt, einem ozeanischen Luf-Boot aus dem Ethnologischen Museum, wird im Humboldt-Forum in den Ausstellungssaal im ersten Obergeschoss gehoben.  (picture alliance / dpa / Soeren Stache)Das Luf-Boot schwebt ins Humboldt-Forum: Bereits 2018 wurde es in einer riesigen Transportkiste vom Ethnologischen Museum in den Schloss-Nachbau versetzt. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Karkowsky: Wer Ihr Buch liest, fragt sich, ob überhaupt irgendein Exponat der riesigen Berliner Südseesammlung nach heutigen Maßstäben legal erworben wurde und moralisch unverdächtig ist.

Aly: Ich habe neben diesem großen Boot – das großartig ist und sicherlich zum Weltkulturerbe gehört – Tausende von Gegenständen und Objekte gestreift bei meinen Studien. Ich habe dann auch die Inventare durchgesehen im Ethnologischen Museum – das geht übrigens ganz schnell und einfach.

Auf all diesen Gegenständen ruht der Verdacht, dass sie unrechtmäßig im Zuge von Strafexpeditionen geraubt wurden oder unfair gegen Glasperlen und Tabak der Marke "Nigger Head", wie man damals sagte – das war das Allerbilligste, was man bekommen konnte auf dem Markt –, eingetauscht worden sind.

Ich glaube, dass die Beweislast umgekehrt werden muss, das heißt, die heutigen Besitzer müssen beweisen, dass sie etwas rechtmäßig erworben haben, und das können sie in fast allen Fällen nicht.

Karkowsky: Ganz besonders tragisch liest sich in Ihrem Buch auch, wie mit der Geschichte der Überlebenden auf der Insel Luf umgegangen wurde.

Strafexpeditionen, Krankheiten und Ausbeutung

Aly: Bis vor Kurzem noch hat Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, behauptet, es habe dort einen Bevölkerungsrückgang gegeben; und es wurde dann immer dazugesagt: weil die Menschen beschlossen hatten, sich nicht mehr zu vermehren und nicht mehr weiterleben wollten.

Das ist alles gelogen, das ist Quatsch. Das hat zu tun mit den Strafexpeditionen, mit dem Abholzen der Insel, mit dem Anlegen von Plantagen, also mit der Ökonomisierung, auch mit dem Einschleppen von Krankheiten, mit dem Schänden von Frauen. Die Kolonialherren haben alles, einschließlich der Menschen, plötzlich als ihr Eigentum betrachtet, mit dem sie schalten und walten konnten, wie sie wollten.

Karkowsky: Haben Sie denn Hermann Parzinger vor Veröffentlichung Ihres Buches mit den Vorwürfen konfrontiert?

Aly: Nein, dieses Buch ist ja erst langsam gewachsen. Ursprünglich hatte ich nur an einen größeren Aufsatz gedacht, und erst ganz am Schluss haben wir uns jetzt auch getroffen. Ich hoffe, dass dieses Buch wirksam ist und dazu führt, dass zu den Objekten, die jetzt schon im Humboldt Forum stehen oder ausgestellt werden sollen, sehr schnell die Kolonialgeschichte dokumentiert wird.

Ich habe ja nun externe und sehr billige Provenienzforschung geleistet. Man kann das ausdehnen auf alle anderen Gegenstände und Objekte, die ja großartig sind und oft einmalig auf der ganzen Welt: Dass man dazuschreibt, wie der koloniale Hintergrund war und die Besucher des Humboldt Forums damit konfrontiert. Wie es dann weitergeht, das müssen wir heute noch nicht beschließen, das sehen wir dann.

Den Weg der Raubkunst genau dokumentieren

Karkowsky: Obwohl es in Ihren Augen Raubkunst ist – und Sie belegen das recht eindeutig in Ihrem Buch –, sollen diese Relikte weiter ausgestellt werden?

Aly: Ja, natürlich. Sie sind nun da, und wir schreiben einfach dazu: Es ist Raubkunst, sie sind unter diesen Umständen hierher gekommen. Diese Vernichtungsaktion auf der Insel Luf, das kann alles genau dokumentiert werden, aber auch für viele andere Inseln und das ehemalige deutsche Kolonialgebiet, und natürlich auch für die Kolonialgebiete anderer Nationen, kann das alles gezeigt werden.

Bei der Strafexpedition – so nannte man das damals – gegen die Insel Luf im Jahr 1882/83 sind an die hundert Gegenstände gestohlen worden und ins Völkerkundemuseum nach Berlin gekommen, während alles andere dort vernichtet wurde. Die sind heute noch da. Ich schlage vor, dass man sie neben dem Luf-Boot aufstellt, in einer Vitrine zeigt und genau dokumentiert, unter welchen Umständen die Sachen nach Berlin gekommen sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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