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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 22.12.2017

Hugo BaruchKneipier, Antifaschist, Erfinder

Von Jochanan Shelliem

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Der Kurfürstendamm in Berlin im frühen 20. Jahrhundert (imago/Arkivi)
Der Kurfürstendamm zu Beginn des 20. Jahrhunderts: In dieser Gegend Berlins wuchs Baruch auf. (imago/Arkivi)

Früh verlor er seine Familie, musste vor den Nazis fliehen und konnte im Exil nicht bleiben. Hugo Baruch hat in seinem Leben viele Höhen und Tiefen durchlebt. Doch stets gelang es ihm, die Niederlage in einen Sieg zu verwandeln.

Geboren wurde Hugo Cyrill Kulp Baruch am 13. April 1907 in einer Luxuswohnung am Kurfürstendamm 61. Hugo Baruch wächst in einer Traumwelt auf. Im boomenden Kaiserreich gehen die Großen der Bühnenwelt bei seinem Großvater ein und aus, Max Reinhardt, Otto Brahm, und auch der Kaiser erweist dem Bühnenzar von Zeit zu Zeit die Ehre.

Von der unglücklichen Ehe seiner Eltern merkt der kleine Hugo wenig. Der Vater vergnügt sich im Glanz der jungen Filmindustrie. Daisy, die Mutter, geborene Tuchmann sehnt sich nach London zurück, will sich scheiden lassen und wird depressiv.

"Im Januar 1915 wird Daisy geschieden – zwar bekommt sie ihre Mitgift nicht frei, das Gericht legt eine Klausel des Ehevertrags für sie nachteilig aus, allerdings bekommt sie ihren Sohn zugesprochen."

Früher Abschied von Berlin

Kein Wort in seinen Autobiografien über den Abschied von Berlin, Herz zerreißend aber heult der Achtjährige, als er sich von seiner Nanny trennen muss und dann erlebt er sein erstes blaues Wunder:

Aus diesem kindlichen Trauma wird das Kernthema seiner Malerei: der lustvolle Hedonismus seines Vaters und die depressive Abstinenz der Mutter verwandeln sich in die wilden Weibsbilder in seiner Kunst, die gezüchtigt werden. Als aus Hugo Baruch der Maler Jack Bilbo geworden ist, der im Rausch expressionistische Frauenakte auf die Leinwand wirft, entwickelt er die Kunstströmung der "Popologie" – mit breiten Schwüngen malt er Frauen, die sich verweigern, Rückenakte, mit Striemen auf den Pobacken gefesselter Frauen.

"Popologie – ein von mir erfundenes Wort – ist die Ur-Psychologie des Weibes, bewusst oder im Unterbewusstsein."

Der ehemalige Hamburger Punk und malende Provokateur Daniel Richter, der sich nach seinem Rückzug ins Atelier mit Erfolg selbst neu erfunden hat, sieht in Jack Bilbo einen Geistesverwandten und genießt diesen kernig lustvollen Aspekt der Zeichensprache des modernen Malers, der für seine Thesen mit seinem Leben gerade stand und seine Zeitgenossen schockierte.

"Von heute aus wirkt die Popologie tendenziell zwiespältig unter den sich ändernden Betrachtung der Sexualität und der Abbildung der Sexualität von Männern und das ist auch verständlich, trotzdem finde ich das total amüsant, dass jemand ne Kunstrichtung auf der Bewunderung des weiblichen Hinterns aufbaut. Das ist einer der Aspekte, ein anderer ist, dass er sich in der Kunst sehr stark mit sich mit seinen Ängsten, Dämonen, Beschreibung der Welt beschäftigt."

Flucht nach Mallorca

Auch sein Biograf, der ehemalige Millionendieb, der in den 1970ern nach einem Raubüberfall aus dem Gericht in Frankfurt am Main sprang und sich im Strafvollzug zu einem Schriftsteller entwickelte, genießt die Nähe zu dem vom Schicksal gebeutelten, der sich stets neu erfand. Mehr als zwei Jahre hat Ludwig Lugmeier Zeitzeugen und Verwandte von Hugo Baruch alias Jack Bilbo auf Mallorca, in Berlin und London besucht. In einem alten Koffer fand er Briefe, Kunstkritiker und -sammler der Nachkriegszeit gewährten ihm Audienz. Mit exquisitem Vokabular, facettenreich und fachkundig hat Ludwig Lugmeier, selbst ein genialer Hochstapler, der sich nach langer Haft als Märchenerzähler und Schriftsteller neu erfand, das Leben dieses Geistesverwandten recherchiert.

Als der Protegierte Hugo Baruch Geld veruntreut und sich in New York als Opfer ausgeben will, findet er sich in der Lower Eastside Manhattan auf der Straße wieder. Mittellos und hungrig schreibt er sich als Jack Bilbo eine phantastische Biografie. Als er nach Berlin zurückgekehrt von den Nazis als vermeintlicher Gangster verfolgt und zusammengeschlagen wird, zimmert er sich aus einer Bretterbude auf Mallorca seine erste Bar und heißt nun Käpt’n Bilbo. Aus jeder Niederlage wird ein Sieg, aus jeder Kerbe ein Fanal. Dass er Boxer werden wollte, ist wohl wahr, dass er Leibwächter von Al Capone geworden – eher nicht.

"1934 – ein erfolgreiches Jahr, wie Fotos beweisen: Die Bar, von innen und außen, an der Theke eine Traube von Gästen; die Getränkekarte in englisch und spanisch; eine Liste mit Prominenten, die es sich in »el primer bar de Sitges« gut gehen lassen und Jack selbst – mit Strohhut, Pfeife und einem Revolver: halb Schrebergärtner, halb Gangster."

Am 17. Juli 1936 ergreifen die faschistischen Generäle Orgaz und Franco die Macht.

"Ich beschloss, nach Barcelona zu fahren, um gegen die Faschisten mitzukämpfen. Meine beiden Kellner, deutsche Emigranten, begleiteten mich. Wir steckten Revolver ein. Überall stand die Bevölkerung auf den Straßen."

Neues Leben in London

Grundlage seines Lebens ist die Sehnsucht nach dem Horizont. Viel Glück ist stets dabei, auch als der Rebell nach dem Zusammenbruch der Spanischen Republik vor Franco flüchtet, sich durch das besetzte Frankreich mit einem gefälschten niederländischen Pass nach London durchschlägt und eine Galerie eröffnet. Seine Ausstellungstitel lesen sich wie das who is who der modernen Malerei.

Unzählige Male muss Jack Bilbo existenzielle Niederlagen einstecken, doch ungebrochen steht er immer wieder auf.

Zum Jahreswechsel 1947/48 wird Jack Bilbo – zu diesem Zeitpunkt ist er in Großbritannien ein anerkannter Maler – für die französische Wochenschau Pathé um eine Grußbotschaft zum Neuen Jahr gebeten. Breitbeinig steht er vor seinem Haus in Weybridge – mit Hemingwayscher Statur und Seemannsbart ist bereits der Skipper, der er noch werden wird – während der Reporter von Pathé in sauberem Tweed und Gummistiefeln die Uferböschung der Themse erklimmt und ihm das Mikrophon entgegenstreckt, hinter Jack Bilbo eine seiner voluminösen Statuen aus Beton.

Ob er wirklich ernsthaft antworten solle, fragt Jack Bilbo mit verschmitztem Blick. Das wäre wohl angebracht, sagt der Reporter von Pathé und klettert für den nächsten Take in die Böschung zurück.

"Jeder Idiot kann eine Kugel in einen Menschen schießen. Es braucht einen klugen Mann, um die Kugel aber wieder herauszuholen. Immer gegen etwas zu sein und zu zerstören, ist dumm. Das hat der letzte Weltkrieg, an dessen Folgen wir heute noch immer leiden und dessen Wunden und Zerstörungen immer noch nicht überwunden sind, allzu bitter bewiesen. Lasst uns daher klug sein, lasst uns produktiv sein, um weitere Kriege zu verhindern."

Zurück nach Berlin

Wie sehr Jack Bilbo die Freiheit liebt, wie sehr er die Abwesenheit von Grenzen zum Atmen, lieben, leben braucht, wird im Februar 1949 deutlich, als er den dünnen grauen Brief des britischen Home Office in seinen kräftigen Händen hält, mit dem ihm die Staatsbürgerschaft der Insel verweigert wird.

Also zerstörte er sein Paradies und verlässt den festen Boden, der ihm bis dahin Kraft und Ruhe gegeben hat. Nach einer Odyssée auf seinem seeuntüchtigen Küstensegler findet er erst als kranker, alter Mann in seiner Hafenspelunke am Kurfürstendamm wieder eine Heimat. Und selbstverständlich zieht seine Bar alle Intellektuellen, Träumer an und Lebedamen und die Haute vollée.

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Ludwig Lugmeier: "Die Leben des Käpt'n Bilbo" - Sich neu zu erfinden, ist nicht schwer
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 19.12.2017)

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