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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.09.2007

Hüterin des Wagnerschen Erbes

Oliver Hilmes: "Herrin des Hügels", Siedler, München 2007. 496 Seiten

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Das Festspielhaus auf dem "Grünen Hügel" in Bayreuth (AP)
Das Festspielhaus auf dem "Grünen Hügel" in Bayreuth (AP)

Nach dem Tod von Richard Wagner wurde seine Witwe Cosima zur unumstrittenen Verwalterin des Wagnerschen Erbes. Wie sie das Festspielunternehmen in Bayreuth leitete und Wagners Musik zum großen Durchbruch verhalf, zeigt Oliver Hilmes in seinem Band "Herrin des Hügels".

Es ist gewiss nicht leicht, eine Biographie über jemanden zu schreiben, den man nicht besonders sympathisch findet. Der Historiker Oliver Hilmes hat damit freilich schon durch seine Alma Mahler-Werfel Biographie aus dem Jahre 2004 Erfahrung, in der er der Karriere-Witwe und Liebhaberin aller Künstler zuleibe gerückt war ("Witwe im Wahn", Siedler 2004). Nun also Cosima Wagner, die ebenfalls mit viel Antisemitismus aufwarten kann, aber nur einen, wenn auch entscheidenden Eheskandal, ihr eigen nennt.

Als Tochter des Pianisten Franz Liszt und der Schriftstellerin Marie d’Agoult 1837 geboren, wuchs Cosima Liszt zunächst in Paris auf und kam erst als junge Frau nach Deutschland. In Berlin heiratete sie 1857 den Dirigenten Hans von Bülow, einen Schüler sowohl ihres Vaters als auch Richard Wagners. 1864 zog das Ehepaar von Bülow mit Wagner nach München, wo dieser in König Ludwig II. von Bayern einen neuen und großzügigen Gönner gefunden hatte. Zwischen Richard und Cosima entwickelte sich ein Liebesverhältnis. Nach mehrjähriger Dreiecksbeziehung wurden Cosima und Hans von Bülow 1869 geschieden und Cosima heiratete Richard. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits zwei Töchter von Bülow und zwei von Wagner; das letzte Kind, Siegfried, wurde 1869 bereits in Scheidung geboren und galt als einziges offiziell als Wagners Sohn.

Cosima und Richard Wagners Beziehung war von Anfang an eine Arbeitsgemeinschaft, in der sich Cosima ganz dem Werk Richards, dessen Förderung und Verbreitung widmete; modern gesagt wurde sie zu seiner Managerin und als solche unentbehrlich. Das Großprojekt der Gründung eines privaten Opernhauses in Bayreuth und von Festspielen sowie den Bau der Familienvilla "Wahnfried" bewältigte das Ehepaar in den 1870er Jahren gemeinsam und nach Richard Wagners Tod 1883 leitete Cosima Wagner das Festspielunternehmen bis zur Übergabe an Sohn Siegfried 1908 selbst. Überzeugend zeigt Hilmes, wie die – selbst hochmusikalische – Cosima Wagner sich zur Hüterin von Richard Wagners musikalischem und gesamtskünstlerischem Erbe stilisierte und sich gerade mittels ostentativer weiblicher Unterordnung eine uneinnehmbare Machtposition im Wagnerkreis schuf.

Dass Hilmes Cosima Wagner weder als eine sehr sympathische noch sicherlich auch sehr glückliche Person darstellt, ist mehr als verständlich. Die Mischung aus engstirniger Provinzialität und pathetischem Künstlergrößenwahn sowie Deutschnationalismus, Antisemitismus und später dann auch Nationalsozialismus, welche die Atmosphäre in Bayreuth, den Familienclan sowie den Wagnerkreis insgesamt kennzeichnet, ist nicht sonderlich attraktiv. Noch auch das straff geführte und private Gefühle niederwalzende Familienunternehmen mit seinen kultur- und gesamtpolitischen Ansprüchen.

Andererseits will Hilmes durchaus nicht nur den Bayreuther Klüngel darstellen, welcher die zweite Hälfte von Cosima Wagners Leben beherrscht und mit dem ihre öffentliche Person als Meister-Witwe identifiziert wird, sondern auch die Privatperson Cosima Wagners näher beleuchten. Fast das halbe Buch ist ihren ersten vierzig Jahren, also Kindheit, Jugend und den beiden Ehen gewidmet. Gerade hier muss aber kritisch bemerkt werden, dass Hilmes nicht nur Cosima Wagner persönlich, sondern allgemein den Bedingtheiten weiblicher Existenz im bürgerlichen Zeitalter keine überbordende Sympathie entgegenbringt, so dass sich fragen lässt, warum er sich als Biograph ausgerechnet auf solche Frauenfiguren kapriziert. Seine Charakterisierungen der Geschlechterverhältnisse, der bürgerlichen Rollenzwänge und Weiblichkeitsideologien, in denen Cosima Liszt sozialisiert wird, bleibt um vieles hinter der zeitgenössischen historischen Forschung zurück und aus seinen eingängigen Schilderungen liebloser Kindheiten folgen recht platte Psychologisierungen.

Glücklicherweise ist Hilmes aber insgesamt doch eher zurückhaltend mit psychologischen Interpretationen und überlässt es vielfach dem Leser, aus den ausführlich dargestellten Quellen seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Sein Buch – erstaunlicherweise die erste seriöse wissenschaftliche Darstellung von Cosima Wagners Leben und Wirken – gewährt damit auf jeden Fall einen spannenden Einblick in ein Stück deutscher Geschichte aus der grünen Provinz.

Rezensiert von Catherine Newmark

Oliver Hilmes: Herrin des Hügels. Das Leben der Cosima Wagner
Siedler, München 2007
496 Seiten, 24,95 Euro

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