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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.09.2012

Hubert Hüppe: Sportvereine müssen sich mehr für Behinderte öffnen

Paralympics-Resümee: Die Briten haben den Deutschen beim Umgang mit Behinderungen etwas voraus

Hubert Hüppe im Gespräch mit Jörg Degenhardt

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Hüppe lobt die Begeisterung der Briten (hier die Schlussfeier bei den Paralympics 2012) (Jonathan Brady)
Hüppe lobt die Begeisterung der Briten (hier die Schlussfeier bei den Paralympics 2012) (Jonathan Brady)

Bei den Paralympics in London hätten die Briten einen unverkrampften Umgang mit dem Thema Behinderung gezeigt, lobt Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Das einzige Manko sei die geringe Teilnahme von geistig Behinderten an den Spielen gewesen.

Jörg Degenhardt: Jetzt sind sie Geschichte, die Wettkämpfe, und die Frage ist, was bleibt von diesen Spielen für den Behindertensport, überhaupt für die Menschen mit Handicap, wie man immer so sagt. Verschwinden sie jetzt wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein? Ich habe mit Hubert Hüppe gesprochen. Der Christdemokrat ist der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Der Chef des Deutschen Behindertensportverbandes, Borcher, hat vom Sommerwahnsinn gesprochen, vom zweiten Olympia. Haben Sie die Paralympics auch so begeistert?

Hubert Hüppe: Natürlich haben die mich begeistert. Ich durfte ja auch ein paar Tage da sein. Ich war schon mal auf zwei Winterspielen der Paralympics, und ich kann mich noch erinnern, vor sechs Jahren, da war es so, da wurden noch Schulklassen da hingekarrt, damit überhaupt ein paar Zuschauer da waren.

Und jetzt, Tatsache ist, wie sie schon sagten, sie kriegten kaum Karten. Man musste sich die Karten kaufen, die Stadien waren voll, und zwar alle Stadien. Ob vom Schießen über Judo, Sitzvolleyball bis zum Olympiastadion.

Und in der Tat, es war ja nicht weniger Aufmerksamkeit vorhanden, zumindest nicht in London selber, auch nicht in Großbritannien selber. Es gab den Channel Four, wo von morgens bis abends, nur von Reklame unterbrochen, die Spiele gezeigt wurden, wo es Interviews mit behinderten Sportlern gab, auf jeder Presse war jeden Morgen auf der ersten Seite ein Bild, meistens natürlich eines britischen Goldmedaillengewinners. Und, ja, es war einfach eine super Stimmung, und ich hab so etwas noch nicht erlebt. Und wenn man bedenkt, dass der erste öffentliche Bericht in Deutschland im Fernsehen "Gesundheitsmagazin Praxis" mal gezeigt wurde – da gibt es doch große Unterschiede.

Degenhardt: Sie haben gerade diesen britischen Kanal Channel Four erwähnt. Da war ja auch die Rede von den Übermenschlichen, von den Super Humans, so wurden die Athleten genannt auf der Insel. Finden Sie eigentlich diese Beschreibung angemessen oder kann sie nicht vielleicht auch irritieren, zum Beispiel die, die so schwer beeinträchtigt sind, dass sie kaum sportliche Chancen haben?

Hüppe: Ja, natürlich ist es immer so. Aber das haben wir ja bei den Olympischen Spielen auch. Ich guck mir das an und weiß, dass ich nie so Volleyball spielen kann, obwohl ich gerne Volleyball spiele. Wenn ich unsere Goldmedaillengewinner beim Beachvolleyball sehe – es ist ja nicht so, dass man glaubt, man könnte das auch alles machen, was die dort machen.

Das sind unter der Gruppe der Menschen mit Behinderung welche, die eben sehr hohe Leistungen bringen. Dass das nicht bei jedem so ist, dass auch nicht alle Gruppen da sind, also die Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung sind ja nur in kleinem Maße dabei gewesen. Das ist sicherlich noch ein Mangel.

Aber man muss ja nicht immer nur den Mangel sehen, man muss auch mal die Fortschritte sehen. Also es wird jetzt sogar demnächst ein Film in die Kinos kommen, das "Projekt Gold", Ende Februar, wo über fast zwei Jahre lang drei paralympische Spiele auch beim Training und bei ihrem Kampf für Leistung gefilmt werden. Also all das ist neu, und ich denke mal, genauso wie für mich als Junge, sag ich mal, mancher Fußballer ein Beispiel war, ist für manchen jungen Menschen mit Behinderung auch ein paralympischer Sportler ein Vorbild.

Degenhardt: Brauchen wir im Behindertensport noch Vorzeigeathleten, oder gerade erst recht, wie zum Beispiel Marianne Burkenhagen oder eben auch Birgit Kober, um mal im Lande zu bleiben?

Hüppe: Ja klar, auch diese Vorbilder brauchen wir. Und es gibt ja noch jede Menge andere. Und auch alles das ist immer – dann hört man ja auch immer sofort die Kritiken, man darf nicht über die Medaillen sprechen. Natürlich spricht man über die Medaillen. Ich spreche bei Olympia auch über die Medaillen. Und wir brauchen auch Vorzeigeathleten.

Jeder, das ist ja überhaupt, wenn man für Leistungssport ist, ob bei behinderten oder bei nichtbehinderten Sportlern, da zählt ja vor allen Dingen auch das Vorbild. Man will so sein wie die. Ich wollte auch so sein wie die, und ich habe es nicht geschafft, aber trotzdem bin ich dann ab und zu, wenn ich so was im Fernsehen gesehen habe, bin ich noch mal schneller rausgegangen, habe geguckt, ob ich nicht ein paar Kumpels finde, mit denen ich Fußball spielen kann oder irgendwas anderes machen kann. Und wenn jetzt mehr Menschen mit Behinderung sagen, oh, das möchte ich jetzt auch mal, das fände ich auch toll, dann, denke ich, hat das auch einen gesellschaftlichen Wert, wie es die anderen Spiele auch haben, die Olympischen Spiele.

Degenhardt: Viele haben ja auch die unverkrampft-fröhliche Art der Briten, der Gastgeber, und gleichzeitig den respektvollen Umgang dieser mit dem Thema Behinderung gelobt. Haben uns da die Briten etwas voraus?

Hüppe: Ja, offensichtlich schon. Also wir haben ja in Deutschland immer noch das große Problem der Trennung. Also das heißt, bei uns werden ja schon im Kindergarten behinderte Kinder von nicht behinderten Kindern getrennt, obwohl das überhaupt keinen Sinn macht. Und dadurch kommt man ja auch in getrennte Welten. Und deswegen gibt es ja auch die Probleme, die Menschen mit Behinderung haben. Also, immer wenn ich mit Betroffenen spreche, dann sagen die mir, eines der größten Probleme, das sie hätten, wäre, das Nichtbehinderte nie gelernt haben, mit ihnen umzugehen. Andere nennen die dann auch die sogenannten Schwerstmehrfachnormalen.

Und da muss, denke ich mal, auch mehr passieren, natürlich wäre es mir zum Beispiel auch lieber, dass mehr Vereine sich öffnen, dass es eben nicht den Versehrtensportverein und den Deutschen Behindertensportverein gibt, sondern dass insgesamt die Vereine sich mehr für Menschen mit Behinderung öffnen, dass auch der Schulsport auch bei Regelschulen – wir wollen ja, dass auch immer mehr behinderte Schüler in Regelschule gehen, dass dort die nicht beiseite stehen müssen, sondern dass wir da auch die Bundesjugendspiele und dementsprechend öffnen, die Trainingsmethoden entwickeln, und vielleicht haben wir auch mal den Zeitpunkt, wo ein behinderter Athlet auch Sportlehrer werden kann.

Degenhardt: Die Paralympics sind Geschichte. Dem Behindertensport werden sie aber wohl noch eine ganze Weile gut tun. Am Telefon war der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe. Herr Hüppe, vielen Dank für das Gespräch!

Hüppe: Ich bedanke mich!


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