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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 03.02.2006

Huber: Bonhoeffer verband Glaube mit Verantwortung

Bischof von Berlin und Brandenburg zum 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers

Moderation: Jürgen König

Bischof Wolfgang Huber zu Gast im Deutschlandradio (DRadio)
Bischof Wolfgang Huber zu Gast im Deutschlandradio (DRadio)

Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer wäre morgen 100 Jahre alt geworden. Bischof Wolfgang Huber sagte, Bonhoeffers Glaube habe sich mit einem Gefühl von Verantwortung verbunden. Als Mitglied einer Widerstandsgruppe, die Hitler töten wollte, habe Bonhoeffer vor dem theologischen Problem gestanden, Schuld gegen Schuld abzuwägen.

König: Herr Bischof Huber, lassen Sie uns das Leben des Dietrich Bonhoeffer in einigen Stationen Revue passieren: Er wurde in Breslau geboren, sein Vater war der bekannte Psychiater Karl Bonhoeffer. In was für einer Atmosphäre wuchs Dietrich Bonhoeffer auf?

Huber: Man sagt, dass das eine großbürgerliche, eine bildungsbürgerliche Atmosphäre war, das ist bestimmt auch richtig. Noch prägender ist in meinen Augen, dass es eine Atmosphäre mit vielen Geschwistern war. Eine siebenköpfige Geschwisterschar, da prägt die wechselseitige Anregung natürlich auch vieles, wenn man so will, der geschwisterliche Wettbewerb.

Es gibt viele Züge an Dietrich Bonhoeffer, die in der allgemeinen Diskussion gar nicht so auftauchen: dass er wunderbar Klavier spielen konnte, weil er auch mit seinen Geschwistern so viel musiziert hat, dass er großartig debattieren konnte, weil er das in der Familie gelernt hatte, dann auch mit den Freunden im Grunewald. Da waren eben andere Familien vergleichbaren Zuschnitts, Freundschaften entstanden, Ehen sind daraus entstanden.

Das war eine Atmosphäre, die auch kritisches Selbstbewusstsein befördert hat. Dietrich Bonhoeffers Entscheidung, Theologie zu studieren, galt in diesem ganzen Umfeld als außerordentlich ungewöhnlich und überraschend. Das war kein selbstverständlicher Weg, sondern ein Weg, zu dem er sich ganz bewusst entschieden hat und er hat dabei auch gewusst, dass er mit Gegenwind rechnen musste und hat sich mit diesem Gegenwind auch auseinander gesetzt.

König: Als Dietrich Bonhoeffer begann zu studieren, war er siebzehn Jahre alt, studierte dann in Berlin evangelische Theologie, promovierte, ging für zwei Jahre als Vikar in die deutsche Kirche in Barcelona, habilitierte sich '31 dann wieder in Berlin, war dann Studentenpfarrer und ging dann nach London als Pastor der dortigen evangelischen Gemeinde. Diese Auslandsaufenthalte, wie erklären die sich? War das nur, wie wir heute sagen würden, eine gute Stelle, oder war da auch ein Kosmopolit, der die Welt kennen lernen wollte?

Huber: Man muss ja in der Tat früher anfangen, schon als Student hat er sich von seinen Eltern gewünscht und auch bekommen, einen Studienaufenthalt in Rom. Da wollte er ganz offensichtlich die Fremdheit erfahren, seine intensive Beschäftigung mit der katholischen Kirche hat damit zu tun, dass er sozusagen vor Ort, im Kern dieser Kirche sich damit auseinandergesetzt hat. Schon als Vikar hat er den Hinweis aufgenommen, dass er das Vikariat im Ausland gemacht hat, in Barcelona, ganz ungewöhnlich, und kaum war er dann so weit, war eigentlich noch zu jung, ordiniert zu werden, stand er vor der Frage, nach New York zu gehen zu weiteren Studien, oder, schon damals der Gedanke, nach Indien zu gehen. Und manche sagen, wenn sich das mit Indien konkretisiert hätte, hätte er vielleicht sogar das gemacht.

König: Bonhoeffer kam 1935 zurück, war schon bei Vorbereitungen zu einer Indienreise, fuhr dann aber nicht, sondern folgte einer Einladung, das Predigerseminar der bekennenden Kirche in Finkenwalde, Pommern zu übernehmen. Von Barcelona und London nach Finkenwalde, Pommern, da denkt man zunächst: Was für eine Diskrepanz! Hintergrund war der Kampf gegen die Nazis und Teil der bekennenden Kirche werden zu wollen?

Huber: Das war der Hintergrund. Bonhoeffer sagt in einem Selbstzeugnis vom Januar 1936, also direkt nach diesem Schritt, seine Entwicklung - wie er sehr selbstkritisch sagt - vom Theologen zum Christen hätte zwei Hauptinhalte gehabt: Das eine war, wenn man diesen Schritt wirklich gehen will, dann muss man ganz bewusst "Ja" zur sichtbaren Kirche sagen und dort seinen Ort finden und zweitens, wenn man das tut, dann gibt es für einen Theologen wie ihn gar keine wichtigere Aufgabe, als diejenige, die künftige Pfarrerschaft möglichst gut vorzubereiten auf ihren Dienst.

Das konnte an den staatlichen Universitäten nicht mehr zureichend geschehen, das war seine Überzeugung. Es konnte auch in denjenigen Kirchen nicht zureichend geschehen, die mit dem Staat kollaborierten, die ihre Eigenständigkeit aufgegeben haben, die von den deutschen Christen, also dem kirchlichen Flügel der NSDAP, beherrscht waren. Deswegen neue, eigenständige Ausbildungsstätten für die jungen Theologen und sei es an einer entlegenen Stelle, zunächst in Zingst, weil erst noch der richtige Ort gesucht werden musste, und dann vor den Toren Stettins, Finkenwalde. Das muss man sich ja nicht als ein vollkommen isoliertes Dorf vorstellen, sondern ganz in der Nähe Stettins gelegen.

König: Sagen Sie uns doch mal bitte ein Wort über den Glauben Bonhoeffers. Es gibt dieses Faktum, 1939 hätte er noch in den USA bleiben können, hätte dort Amt und Professur bekommen können. Er hat gesagt, nein, mein Platz ist in Deutschland, bei diesen Menschen vor diesen unglaublichen Problemen, die sich da ankündigen. Woher die Kraft zu alledem? Da werden Sie wahrscheinlich sagen: Aus dem Glauben. Ich kann mir aber vorstellen, dass das für viele heute, in eher glaubensschwachen Zeiten, nicht nachzuvollziehen ist, und schon gar nicht zu verstehen ist. Was ist das für ein Glaube, der einen befähigt, vielleicht sehenden Auges in eine unheilvolle Situation zu gehen?

Huber: Das ist ein Glaube, der sich mit einer ganz eigenen Form von Verantwortung verbindet, das ist, glaube ich, bei Bonhoeffer das Entscheidende. Er hat ja in der Zeit vor der Entscheidung, die Sie jetzt gerade angesprochen haben, in der Finkenwalder Zeit, vor billiger Gnade gewarnt. Er hat gesagt, der evangelische Glaube lebt tatsächlich ganz und gar aus der Zusage der göttlichen Gnade, das wir also nicht durch unsere eigenen Leistungen Anerkennung vor Gott finden, sondern dass er sie uns schenkt, aber wir müssen aufpassen, dass wir das nicht zu einer billigen Gnade verkommen lassen.

Die Gnade ist teuer, sie ist anspruchsvoll, sie verlangt von uns, dass wir die Gaben, die uns anvertraut sind, auch tatsächlich einbringen. Es ist also nicht hochmütig-elitäres Denken, wenn man sagt, die Verantwortung, zu der ich fähig bin, die soll ich auch tatsächlich wahrnehmen und dabei das Risiko nicht scheuen. Und das Risiko war hoch. Man darf sich das ja nicht zu idealistisch sich vorstellen.

Dietrich Bonhoeffer hatte sich zur Kriegsdienstverweigerung entschlossen, er war ein Pazifist, er sah Hitlers Krieg heraufziehen. Er hatte klar vor Augen, was mit ihm passieren würde, wenn er zum Dienst in Hitlers Armee eingezogen würde und sich dem verweigern würde. Das war die Situation, in der er nach Amerika ging. Und dann konnte er dort nicht bleiben. Er hielt es wirklich physisch nicht aus, er kehrte zurück.

Dann hat sein Schwager Hans von Dohnanyi ihm die Möglichkeit verschafft, im Amt Canaris, in der militärischen Abwehr zu arbeiten, seine ökumenischen Kontakte einzubringen für die Konspiration, die dort in einer Zweigstelle des militärischen Geheimdienstes stattfand. Eine unglaubliche Situation und Hans von Dohnanyi sagt dann hinterher in einem Gespräch zu seiner Frau: Wir haben das ja alles nicht als Politiker getan, wir haben es getan, weil wir es aus Anstand tun mussten.

König: Als Teil einer Verschwörergruppe ging es ja darum, Hitler zu töten. War der Tyrannenmord für Bonhoeffer irgendwann sittlich erlaubt?

Huber: Eigentlich ist die Vorstellung ja absurd, dass wir darüber etwas in Bonhoeffers hinterlassenen Schriften finden könnten, denn wir müssen uns ja klar machen, er musste jeden Augenblick damit rechnen, dass er inhaftiert wird, dass seine Manuskripte gefunden und gelesen werden. Also ist das Unwahrscheinlichste, was es überhaupt geben kann, dass wir auf diese Frage aus seinen Schriften eine klare Antwort entnehmen können.

Faktum ist, das können wir. In Bonhoeffers Manuskripten zur Ethik gibt es einen Abschnitt, dessen Schlüsselwort ist "Schuldübernahme". Ein Wort, das ich vor Bonhoeffer noch nirgendwo in der theologischen Ethik gefunden habe. Was meint er mit Schuldübernahme? Er meint, es gibt Situationen, in denen du handeln musst, und schuldig wirst, wenn du auf das Handeln verzichtest, wo aber die Situation gleichzeitig so ist, dass du, indem du handelst, Schuld auf dich lädst und dann musst du die schwierigste Abwägung vornehmen, die es überhaupt geben kann, nämlich die Abwägung zwischen Schuld und Schuld. Und du kannst dir nicht einbilden, dass du mit reinen Händen aus dieser Situation herauskommst, sondern du musst dir folgende Frage stellen: Nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern ob eine künftige Generation leben kann. Darauf kommt es an.

Dies war die Frage, von der her Bonhoeffer den Schritt in die Konspiration, die auf die gewaltsame Beseitigung Hitlers zielte, getan hat, nicht in einer Verharmlosung der Tötung, sondern in dem Bewusstsein, dass der Gewalt, die faktisch Tag für Tag ausgeübt wurde, auf andere Weise nicht begegnet werden konnte.

König: Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet. Sie haben die Schriften schon erwähnt, die von ihm bleiben, also sie haben die Ethik erwähnt. Was würden Sie einem Leser, der uns vielleicht jetzt zuhört und sich fragt, was kann ich lesen von Bonhoeffer, was würden Sie empfehlen? Für jemanden, der interessiert ist, aber nicht vom Fach ist.

Huber: Ich würde ihm als erstes die Briefe aus der Haft empfehlen und damit er nicht vor einem dicken Buch erstarrt, würde ich den 5. Band der neuen Auswahlausgabe ihm empfehlen, wo wir auf 240 Seiten die drei großen Briefwechsel aus der Haft haben, die bisher noch nirgendwo zusammen standen: Nämlich den Briefwechsel mit den Eltern, dann den Briefwechsel mit Eberhard Bethge, seinem Freund in der Mitte, den großen theologischen Briefwechsel und den Briefwechsel mit seiner Braut, mit Maria von Wedemeyer im dritten Teil.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass uns das gelungen ist, diese Briefwechsel jetzt zusammenzuführen und ich bin davon überzeugt, wer das gelesen hat, der tut den Schritt dann zu den Aufzeichnungen aus der Haft. Da ist ja das Besondere, dass Bonhoeffer zunächst die Erfahrung der Verhaftung dadurch verarbeitet hat, dass er literarische Versuche unternommen hat: Eine Erzählung, ein Drama, ein Romanfragment.

Und dann hat er wieder so viel Kraft gewonnen gehabt, dass er sich wieder der Theologie zuwenden konnte, und große theologische Entwürfe geschrieben hat. Und am Schluss dieses Bandes stehen dann die zehn Gedichte aus dieser Haftzeit mit dem wunderbaren, vielen auch bekannten Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen" als letztem dieser zehn Gedichte.

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