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Tonart | Beitrag vom 27.03.2017

Howard Shore auf "Herrn der Ringe"-TourEin musikalisches Vermächtnis

Von Vincent Neumann

Der Filmkomponist Howard Shore vor einem Plakat des "Herrn der Ringe" (Jörg Carstensen/dpa)
Der Filmkomponist Howard Shore vor einem Plakat des "Herrn der Ringe" (Jörg Carstensen/dpa)

Howard Shore ist der Komponist des Soundtracks der Spielfilm-Triologie "Herr der Ringe". Auf dieses eine Werk nun reduziert zu werden, ist für Shore kein Problem, denn die Musik für diesen Film ist sein musikalisches Vermächtnis.

"Das ist doch eine große Ehre für mich! Wenn ich schon ein musikalisches Erbe haben soll – dann ist es toll, dass meine Arbeit mit diesen großartigen Filmen von Peter Jackson und dem Buch von Professor Tolkien in Verbindung gebracht wird. Das macht mich stolz!" ("The Great River" aus "The Fellowship of the Ring")

Andere Komponisten wirken genervt, geradezu frustriert, wenn ihr jahrzehntelanges Schaffen in der öffentlichen Wahrnehmung auf den einen, ganz großen Erfolg reduziert wird. Nicht so Howard Shore – für ihn ist der monumentale Soundtrack zur "Herr der Ringe"-Trilogie sein musikalisches Vermächtnis, das ihn seit mehr als 15 Jahren auf Schritt und Tritt begleitet: "Ich liebe die Filme immer noch. Ich hab mir auch diese Aufführungen schon oft angeguckt – manchmal komplett, manchmal nur einzelne Teile, die ich besonders mag."

Für die Präsentation der "Herr der Ringe"-Deutschlandtour ist Howard Shore eigens aus New York angereist – so viel bedeuten ihm noch heute die zeitlosen Themen, die er für die berühmten Charaktere aus Mittelerde geschrieben hat. Im Berliner Hotel Adlon erklärt der heute 70-Jährige bereitwillig, warum das so ist, und wie er am Ende einer langen Reise bei Richard Wagner gelandet ist: 

"Ich habe insgesamt fast vier Jahre am 'Herrn der Ringe' gearbeitet. Am Anfang galt mein Interesse eigentlich eher der italienischen Oper: Verdi und Puccini. Über die Jahre habe ich dann aber immer mehr Bruckner gehört, und das hat mich schließlich zu Wagner geführt. Seine Leitmotiv-Technik hat immer schon eine Rolle gespielt, aber eine richtige Verbeugung vor ihm gibt es dann erst am Ende der Trilogie, im allerletzten Stück von 'Die Rückkehr des Königs'. Damit bedanke ich mich sozusagen bei Richard Wagner für seine Idee, musikalische Themen mit Charakteren, Objekten oder ganzen Kulturen zu verknüpfen, um so bestimmte Emotionen auszudrücken."

Shore gibt den Einfluss Wagners bereitwillig zu 

Wo J.R.R. Tolkien – angesprochen auf mögliche Parallelen zu Richard Wagners "Ring des Niebelungen" – ausgesprochen gereizt reagierte, gibt Howard Shore den Einfluss von Wagner bereitwillig zu; sein Einsatz der Leitmotivtechnik gilt bis heute als beispielhaft für die Filmmusik: wiederkehrende Themen für bestimmte Figuren, Objekte oder ganze Völker, die nun noch einmal ganz anders zur Geltung kommen. Denn der live zum Film aufgeführte Score geht weit über das normale Kinoerlebnis hinaus: Es verschiebt sich – durchaus gewollt – die Gesamt-Wahrnehmung, das Verhältnis zwischen Bild und Musik.

"Es gibt auf jeden Fall eine Veränderung: Das Orchester, die Solisten und die Chöre sollen nicht wie im Film gemischt werden, sondern so, als ob sie ein Sinfonie-Konzert spielen. Die Musik bekommt also eine ganz andere Rolle. Interessant ist aber auch, was mit dem Bild passiert, wenn sich die Musiker nicht zurücknehmen müssen: Das bekommt dadurch nämlich eine ganz andere Power; Bild und Musik verstärken sich gegenseitig – das ist eine völlig neue, erweiterte Film-Erfahrung."

"Für den Dirigenten und das Orchester ist das natürlich etwas ganz besonderes – sie sitzen nicht im Graben, sondern auf der Bühne und müssen fast durchgehend spielen. Aber das scheint sie eher zu motivieren."

Eine Tour, für die er andere Projekte ruhen lässt

Rund drei Stunden dauert jeder Teil der "Herr der Ringe"-Filmtrilogie, von denen jeweils mehr als 90 Prozent mit Musik unterlegt sind. Aber nicht nur für die mehr als 200 beteiligten Instrumentalisten und Sänger bedeutet eine solche Live-Performance des Soundtracks mehr Arbeit und mehr Bühnenpräsenz als sonst – auch Howard Shore selbst hatte im Vorfeld der Tour Anlass genug, aktuelle Filmprojekte erstmal zur Seite zu legen.

"Ich musste die Scores zu den einzelnen Filmen tatsächlich erstmal umarbeiten – für die Bühne gibt es andere Anforderungen als für das Studio. Und dann hab ich auch viel Zeit auf die Synchronisation mit dem Bild verwendet – das hat jeweils ungefähr ein Jahr gedauert, also drei Jahre insgesamt!" 

Auch wenn Howard Shore die anstehenden Konzerte in Deutschland nicht selbst dirigieren wird – eine erneute Rückkehr in die Klangwelt von Mittelerde könnte sich der 70-Jährige unter gewissen Voraussetzungen durchaus vorstellen. "Der Herr der Ringe" und auch dessen Vorgeschichte, "Der Hobbit", sind zwar auserzählt; mit dem "Silmarillion" gibt es aber noch eine weitere Sammlung von Mittelerde-Geschichten aus der Feder von J.R.R. Tolkien, die auf eine Verfilmung wartet – und das vielleicht sogar mit Musik des dreifachen Oscar-Preisträgers Howard Shore.

"Ich bin für alles offen, und ich würde mich sogar darauf freuen, noch einmal nach Mittelerde zurückzukehren. Aber es müsste natürlich alles passen: der richtige Moment, die richtige Produktion, die beteiligten Leute – damit die Zusammenarbeit so gut funktioniert wie beim "Herrn der Ringe."

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