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Tonart | Beitrag vom 30.01.2020

House of Jazz in der Alten MünzeDie Neue Musik-Szene in Berlin ist enttäuscht

Rainer Pöllmann im Gespräch mit Andreas Müller

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Schornsteine der ehemaligen Prägeanstalt der Alten Münze am 23.08.2017 in Berlin. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen)
Soll eine "Ankerinstitution" für den Jazz werden, andere müssen draußen bleiben: die Alte Münze in Berlin. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen)

Nach jahrelanger Diskussion steht fest: Berlin bekommt ein Zentrum für Jazz und improvisierte Musik, angesiedelt in der alten Münzprägeanstalt. In Teilen der Musikszene ist die Enttäuschung groß, weil viele Stile ausgeschlossen sind.

Die Alte Münze in Berlin-Mitte, eine ehemalige Münzprägeanstalt, entwickelt sich seit Jahren zu einem Kulturstandort. Hier gibt es bereits Ateliers, Tonstudios sowie Ausstellungsflächen für Zeitgeschichte und zeitgenössische Kunst. Bald soll es hier nun auch ein "Zentrum für Jazz und improvisierte Musik" geben. So hat es der Kultursenat beschlossen. 

Die Idee geht zurück auf eine Initiative des Jazz-Trompeters Till Brönner. Er wollte ein "House of Jazz" etablieren und gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Die IG Jazz und die Jazzunion brachten daraufhin einen Gegenentwurf ein. Nun haben sich die drei Parteien auf einen Kompromiss geeinigt. 35 Millionen Euro soll allein die Einrichtung kosten, hinzu kommen die laufenden Ausgaben. Die Alte Münze soll eine "Ankerinstitution" des deutschen Jazz werden.

Zuschlag für das engste Konzept

Das Problem: Andere Musikrichtungen bleiben in diesem Konzept dabei außen vor. "Komponierte zeitgenössische Musik, eine blühende Szene in Berlin, spielt gar keine Rolle in diesem Konzept", sagt Rainer Pöllmann, Musikjournalist und einer der beiden Leiter von "Ultraschall Berlin", dem Festival für neue Musik von Deutschlandfunk Kultur und rbbKultur.

"Es gibt viele Ensembles, die nicht institutionell gefördert werden und die für ein solches Haus ein Gewinn wären – und umgekehrt. Auch das Musiktheater jenseits der großen Opernhäuser bräuchte ein solches Haus. Auch das wird nicht erwähnt. Von daher ist es problematisch, wer jetzt von vornherein keine Rolle spielen soll, während die anderen Konzepte zunächst offener waren."

"Die Enttäuschung ist teilweise sehr groß", sagt Pöllmann. "Es gibt inzwischen eine neue Musikszene in Berlin, die sehr vielgestaltig ist. Die fühlen sich auf dem Hof stehen gelassen. Sie befürchten, dass der Zug für alle Zukunft abgefahren ist." Denn da die Flächen in der Stadt knapp seien, sei das eine der letzten Möglichkeiten überhaupt, ein solches Zentrum für aktuelle Kultur und Musik mit dem Land als Träger zu etablieren.

"Man fragt sich, warum das engste von den drei Konzepten den Zuschlag bekommen hat", so Pöllmann. Sehr viele der Musiker seien völlig desinteressiert an Genrezuschreibungen und hielten diese für altbackene Diskussionen. In ihrer künstlerischer Praxis seien sie viel weiter.

(leg)

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