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Frühkritik | Beitrag vom 22.05.2020

Horst Eckert: "Im Namen der Lüge"Die "Hufeisentheorie" in der Zange

Von Ulrich Noller

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Buchcover zu Horst Eckerts "Im Namen der Lüge" (Heyne / Random House)
Der Politthriller als engagierte Literatur: Horst Eckert rät mit "Im Namen der Lüge" dazu, bestimmte Milieus genau im Blick zu haben – vor allem den Verfassungsschutz. (Heyne / Random House)

Hat ein Reichsbürger wirklich aus Eifersucht gemordet? Kommt die RAF zurück? Horst Eckert erzählt in dem Politthriller "Im Namen der Lüge" eine Geschichte, in der die Gefahr von Rechts unterschätzt und die von Links aufgeblasen wird.

Eine Eifersuchtstat, so die Lesart des Todesfalls, dessen Hintergründe die Düsseldorfer Kripo in Horst Eckerts neuem Roman zu ermitteln hat. Der Staatsanwalt will den Fall abschließen, Hauptkommissar Vincent "Che" Veih hat Zweifel: Der Täter ist dem Reichsbürgermilieu zuzuordnen, das Opfer entpuppt sich als investigativ arbeitender Publizist, und es gibt so einige Ungereimtheiten am Tatort.

Das ist der eine Strang, der im Zentrum der Geschichte steht. Der zweite erzählt von Melia Khalid, die beim Verfassungsschutz NRW für den Bereich "Linksextremismus" zuständig ist: Auf Weisung von ganz oben muss sie die Gefahr, die von Links ausgeht, so pointiert zuspitzen, dass sie Zweifel bekommt. Konkret geht es um die Gefahr der Gründung einer neuen RAF-Generation. Die Frage ist: Wie existent ist diese Gefahr tatsächlich?

Zwei außergewöhnliche Biografien

Die beiden Stränge, klar, entwickeln sich zu einem. So kommt angesichts anstehender Wahlen noch die Ebene der Politik ins Spiel, die dieser Roman zugleich auf vielfache Weise auch biografisch spiegelt. Insbesondere in den exponierten Hauptfiguren: Vincent "Che" Veih ist der Sohn einer ehemaligen RAF-Terroristin, was seine Karriere nun nicht eben erleichterte. Und Melia Khalid ist die "heimliche" Tochter eines wichtigen CDU-Politikers mit einer Frau aus dem Senegal – ein ausgesprochen ungewöhnlicher biografischer Hintergrund im NRW-Verfassungsschutz, der ansonsten eher von älteren Herren geprägt ist.

Mit Hilfe dieser beiden Charaktere nimmt der Roman nun die so genannte Hufeisentheorie in die Zange, die besagt, dass die Gefahr durch den Rechtsextremismus ähnlich einzuschätzen ist, wie die von linken Extremisten.

Abgründe der Gegenwart

"Im Namen der Lüge" erzählt eine andere Geschichte, so viel kann man verraten – und zwar als packender, komplexer Politthriller, der die Abgründe und Untiefen der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart mit den Mitteln der Fiktion auf erhellende Weise ausleuchtet. Dabei klingen viele Begebenheiten aus der Realität an – das ist geschickt inszeniert, von den Banküberfällen ehemaliger RAF-Terroristen bis hin zum NSU-Skandal und zum Lübcke-Mord.

Horst Eckert ist so etwas wie ein Urgestein im deutschen Krimibetrieb, seit 25 Jahren veröffentlicht der ehemalige Fernsehjournalist seine Düsseldorfer Polizeithriller. Die Entwicklung seiner Romane weg vom klassischen Polizeiroman hin zum Politkrimi spiegelt auch strukturell gesellschaftliche Prozesse der letzten Jahre. Das Ergebnis kann man auch als engagierte Literatur verstehen, als Mahnung, bei bestimmten Milieus ganz genau hinzuschauen – insbesondere übrigens: beim Verfassungsschutz.

Horst Eckert: "Im Namen der Lüge"
Heyne, München 2020
571 Seiten, 12,99 EUR

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