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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.03.2014

Horrordroge Chrystal Meth"Fürs Gehirn schädlicher als Kokain"

Das Hochgefühl kommt prompt, die folgende Depression hält extrem lange an

Roland Härtel-Petri im Gespräch mit Ulrike Timm

Trauriges Sensibelchen (Stock.XCHNG / Martin R.W)
Auf den Kick folgt der Absturz: Das normale Leben macht keinen Spaß mehr, weil ein chronisches Entzugssyndrom da ist, (Stock.XCHNG / Martin R.W)

Die Droge Chrystal Meth ist deshalb so gefährlich, weil der Wirkstoff darin extrem hoch dosiert ist. Nur wenige Einnahmen bringen den Hormonhaushalt im Gehirn völlig aus den Fugen. Die Regeneration dauere länger als ein Jahr, sagt der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri. Die Folgen: Freudlosigkeit, mangelnder Antrieb und unerträgliche Gereiztheit – bis zum nächsten Kick.

Ulrike Timm: Crystal Meth hat den Ruf einer Partydroge. Man kann endlos feiern und ist gut drauf – beim ersten Mal. Denn Experten gilt das Suchtmittel als hochgefährlich, es macht oft schon beim ersten Mal abhängig, schädigt Nervenzellen und ruiniert Körper, Geist und Seele. Crystal Meth erreichte Deutschland von der tschechischen Grenze aus, vor allem in Sachsen ist die Droge verbreitet, auch an den Schulen. Über die Wirkung von Crystal Meth wollen wir gleich mit einem Suchtmediziner sprechen, heute wurde eine erste Studie des Bundesgesundheitsministeriums veröffentlicht, die sich auch mit dieser Droge beschäftigte und die es inzwischen eben bis an die Schulen gebracht hat. Und dazu sagte die Drogenbeauftragte Marlene Mortler in bestem Verwaltungsdeutsch:

O-Ton Marlene Mortler: Die Studie hat auch gezeigt, dass die Erstkonsumenten immer jünger werden. Also, es beginnt bereits mit 14, 15 Jahren. Das ist eigentlich erschreckend. Das heißt für mich, dass wir flächendeckend an Schulen herangehen müssen und in den Schulen geschlossen fragen müssen: Welche Erfahrungen habt ihr, habt ihr Konsum? Ich finde, in der heutigen Zeit ist das überhaupt kein Problem mehr, weil die technischen Möglichkeiten das hergeben. Am Ende hat man dann, wie ich meine, ein sehr regionalspezifisches Ergebnis und mit diesem Ergebnis kann man dann gezielt Prävention in den bestimmten Schulen vor Ort umsetzen.

Timm: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler. Und am Telefon ist jetzt der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri, schönen guten Tag!

Roland Härtel-Petri: Ja, hallo!

Timm: Wie genau wirkt denn diese Droge, was macht sie aus Ihrer Sicht so gefährlich?

"Aus einem Mauerblümchen wird eine Prinzessin"

Härtel-Petri: Ja, ich kann das gleich erklären, aber das, was die Frau Mortler gesagt hat, wenn man sie beim Worte nimmt – und ich hoffe, das wird getan –, ist eine Ankündigung von Studien zur Prävalenz, die wir seit Jahren endlich fordern. Denn Crystal wird ja nasal konsumiert, es ist eine hochkonzentrierte, hochreine Substanz. Es ist nicht vergleichbar mit diesem Pervitin, dieser Panzerschokolade aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern der Konsument nimmt nasal 80 bis 100 Milligramm auf einmal ein und dann hat der natürlich ein Hochgefühl, alles, was er tut, macht ihm Spaß, er fühlt sich super, aus einem Mauerblümchen wird die Prinzessin und, und, und.

Timm: Und was wird aus super beim zweiten oder dritten oder vierten Mal?

Härtel-Petri: Na ja, danach kommt erst mal so ein Kater, dass natürlich das genaue Gegenteil eintritt, dass man depressiv ist, dass man sich zu nichts mehr motivieren kann, das hält am Anfang drei, vier, fünf Tage an. Die meisten haben dann noch das Gefühl, dass sie es noch kontrollieren können, sie versuchen, es zu kontrollieren, weil, sie wissen ja, dass man davon abhängig wird. Aber dann – und das haben viele Patienten einfach klar so gesagt – kommt dann irgendwann der Moment, wo man eigentlich nur noch in Gedanken bei dieser Substanz ist, man will dieses Erlebnis wieder haben.

Und dann macht es ohne Substanz, das normale Leben, auch keinen Spaß mehr, weil ein chronisches Entzugssyndrom da ist, weil dann eben Dopamin und Serotonin nicht nur erschöpft ist, die Speichervorräte, und auch nicht nur die Rezeptoren, da wo das andockt, abgebaut wurden, sondern weil die Nervenzellen abgestorben sind. Und dann kann man sich eben nicht mehr motivieren, oder besser die Ausläufer der Nervenzellen. Weil, möglicherweise kann es ja wieder regenerieren, weil die Ausläufernervenzellen, die können sich erholen.

Timm: Dopamin und Serotonin, das sind die Stoffe im Körper für die guten Gefühle, die vielleicht einen Moment einen Kick bekommen durch diese Droge. Sie sagen aber, es würden auch Nervenzellen absterben. Nun habe ich mal gelernt: Nervenzellen, die absterben, kriegt man nicht wieder! Heißt das, die Langzeitfolgen beginnen unter Umständen mit dem ersten Konsum?

Härtel-Petri: Ja, theoretisch beginnen die ersten Langzeitfolgen mit dem ersten Konsum. Das Positive ist, dass es nur die Ausläufer der Nervenzellen sind, die sogenannte Axone, und die können wieder einsprossen. Das ist die gute Nachricht. Aber die schlechte Nachricht ist, dass das eben über ein Jahr dauert, zum Teil anderthalb Jahre, bis sich das einigermaßen normalisiert hat. Und das ist eine Phase, wo dann jemand mit einer ständigen Freudlosigkeit, mit einer Antriebslosigkeit leben muss, so ein Montagmorgensyndrom, was ja heute vielleicht viele sich noch dran erinnern, heute Morgen, die eine Fünftagewoche haben, und das hört halt eben dann über ein Jahr nicht auf. Und das sind ja Menschen meistens, die konsumieren, die haben Leistungsansprüche, die wollen sich identifizieren mit den Werten, und dann funktionieren sie nicht! Also, dazu, dass sie sowieso depressiv sind, werden sie noch depressiver, weil sie ihren eigenen Ansprüchen, ihrem Ich-Ideal nicht entsprechen können.

Timm: Nun haben Sie über diese Droge ein ganzes Buch veröffentlicht und haben letztlich auch … Der gedankliche Faden zieht sich durch, das sei eigentlich so gefährlich wie Heroin, das Zeug. Was passiert denn, wenn Betroffene versuchen, das abzusetzen, Crystal Meth?

"Der Begriff Modedroge ist völlig falsch"

Härtel-Petri: Ja, diese Begriffe immer mit dem "Was ist jetzt wie gefährlich" … - Also, Heroin ist der Killer, daran stirbt man, weil man eine Atemlähmung bekommt, wenn man das zu viel nimmt, und an Crystal stirbt man jetzt nicht so schnell. Aber Heroin ist überhaupt nicht neurotoxisch, deshalb mag ich diese Vergleiche nicht so gerne. Und auch der Entzug von Heroin ist körperlich viel, viel unangenehmer, da lohnt sich, den Film "Trainspotting" anzuschauen, diese Durchfälle, diese Magenschmerzen, so was hat man nicht bei Crystal.

Bei Crystal hat man aber dieses furchtbare Freudlosigkeitsgefühl, auch diese Gereiztheit, die viele ja in die Behandlung erst bringen, dass der Partner geschlagen wird, die Kinder geschlagen werden, das sind auch sehr unerträgliche Gefühle, die wir ja auch möglichst weg haben wollen. Und dann kommt es eben auch sehr rasch zu Rückfällen, weil die Menschen das nicht ertragen können. Körperlich ist das nicht so schlimm ...

Timm: Was weiß man denn derzeit über Langzeitfolgen, wenn es noch eine Modedroge ist für viele?

Härtel-Petri: Dieser Begriff Modedroge ist völlig falsch. Wir haben Erfahrung mit dem kristallinen Methamphetamin in den USA seit Anfang der 90er-Jahre, mit gutem Studienergebnis. Kristallines Methamphetamin ist bei uns in Oberfranken seit 1995 richtig am Markt, seit 1997 haben wir uns damit beschäftigt. Und die Studienlage zu den Langzeitfolgen ist exzellent.

Wir wissen, dass es eine Einschränkung aller täglicher Tätigkeiten gibt, die vorausschauende Planung, einen Tag durchzustrukturieren, Konzentrations- Aufmerksamkeitsstörungen, Störung der Impulskontrolle, die eben auch langfristig da bleiben. Mittlerweile gibt es zusätzlich dazu auch diese schönen Bildgebungsverfahren, die alle immer mit Vorsicht zu genießen sind, aber die Datenlage ist erdrückend. Diese Substanz ist aufs Hirn schädlicher als Kokain.

Timm: Wir sprechen mit dem Suchtmediziner Roland Härtel-Petri, heute wurde die erste Studie zu Crystal Meth des Bundesgesundheitsministeriums veröffentlicht. Wenn Sie sagen, na ja, gut, es gibt schon viele Untersuchungen zu Langzeitfolgen, dann ist ja das Bundesgesundheitsministerium spät dran!

Härtel-Petri: Ich beobachte das ja schon seit längerer Zeit und da sind sehr, sehr gute Mitarbeiter. Und ich denke, es ist immer eine Frage, wie die Politik bestimmte Dinge beeinflusst. Und ich habe mich sehr gefreut zu hören, dass jetzt endlich das geschieht, was vorher hätte geschehen sollen. Ja, und ich weiß einfach … Ich glaube, die Mitarbeiter des Ministeriums waren da auch immer schon sehr in die Richtung, dass mal ein bisschen mehr geschaut werden muss.

Da muss Geld in die Hand genommen werden, um zu gucken, wie weit ist es denn? Wir stochern doch im Misthaufen rum und wissen es nicht! Und wir suchen da nicht eine Stecknadel, sondern wir suchen da leider ein größeres Problem und wissen nicht, wie groß es ist.

Timm: Was wäre denn aus Ihrer Sicht am dringlichsten zu tun, um die Stecknadel im Misthaufen zu finden?

Härtel-Petri: Na ja, es ist ja keine Stecknadel, es ist …

Timm: Es ist mehr, es ist selber ein Misthaufen!

Härtel-Petri: Wir müssen wissen, welche Farben haben die Stecknadeln … Nein, wir müssen wissen, und das ist genau das, was Sie gesagt haben, in den Schulen, wie in dieser Altersgruppe der unter 20-Jährigen, wie häufig wird es tatsächlich schon konsumiert, wie leicht kommen die Leute an die Droge dran und was ist die Vorstellung davon, wie gefährlich ist es. Momentan tut sich leider da nicht viel.

Gestern der "Tatort" mit Til Schweiger ging ja da, wo Crystal, diese Angst gezeigt wurde davor, dass Hamburg überschwemmt werden könnte. Das wurde da sehr schön aufgegriffen, mit auch sehr realistischen Ängsten. Und dann muss man wissen, nehmen wir mal an, wir hätten hier eine Prävalenz, das bedeutet, dass hier schon mal im Oberfranken östlich von Bayreuth zum Beispiel 15 Prozent der Jugendlichen das schon mal ausprobiert haben, dann wissen wir, wir müssen und können eine breitflächige Aufklärung machen und brauchen keine Angst mehr haben, dass irgendjemand Lust bekommt, die Substanz einzunehmen, wenn er diese positiven Beschreibungen von mir hört, dass natürlich alles damit mehr Spaß macht.

Timm: Aber hängt denn die Verharmlosung der Droge eventuell auch mit der Geschichte zusammen? Also, in abgeschwächter Form soll das ja beim Militär gang und gäbe sein, das zu nehmen, seit Jahrzehnten, und lange galt zum Beispiel Pervitin als Stoff für das kleine Managerdoping zwischendurch.

"Wenn ich das nasal einnehme, ist das sofort im Hirn"

Härtel-Petri: Ja, genau, das ist genau eines dieser Probleme, dass einfach lange nicht verstanden wurde, weil, die Mediziner sind ja dann immer so ein bisschen chemisch orientiert, dass es natürlich auf die Menge ankommt, die jemand einnimmt, und auf die Konsumform. Wenn ich das nasal einnehme, ist das sofort im Hirn. Das ist nicht eine kleine Tablette wie Ecstasy, was in den 80er-, 90er-Jahren genommen wurde, was geschluckt wurde mit einer ganz kleinen Wirkstoffmenge, die dann so nach zwei Stunden mal gewirkt hat, das ist eine Substanz, die macht einen Kick.

Und auch wenn natürlich Heinrich Böll als berühmtestes Opfer, auch abhängiges Opfer dieses oral eingenommenen Pervitins, einer damals ja als Medikament gedachten Substanz … Der hat wahrscheinlich in einem Monat nicht so viel genommen wie ein heutiger Abhängiger an einem Tag. Und der war auch schon abhängig. Und das ist eben das, was die ganze Zeit immer noch da ist, ja, das ist ja die Panzerschokolade! Und alle Medikamente, wir Ärzte haben ja nun mal einen guten Ruf und wenn wir ein Medikament verschreiben oder geben oder die Pharmafirmen, da ist ja ein Vertrauensverhältnis. Und ich sage: Nein! Wir sprechen auch nicht von Diamorphin bei Heroin, sondern wir sprechen von Heroin!

Timm: Der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri über die Droge Crystal Meth, die aus seiner Sicht – und nicht nur aus seiner Sicht – hochgefährlich ist. Heute gab es die erste Studie dazu der Bundesregierung, und Roland Härtel-Petri hat dazu ein Buch veröffentlicht. Wenn Sie also sich weiter informieren möchten, können Sie es lesen: "Crystal Meth. Wie eine Droge unser Land überschwemmt". Herzlichen Dank, Herr Härtel-Petri!

Härtel-Petri: Vielen Dank, auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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