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Religionen | Beitrag vom 24.06.2018

Homosexueller Pfarrer in Schottland"Das ist es, was Gott will"

Von Etienne Röder

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Pfarrer Markus Dünzkofer vor der St. John's Kathedrale in Edinburgh (Etienne Röder)
Pfarrer Markus Dünzkofer vor der St. John's Kathedrale in Edinburgh (Etienne Röder)

In der schottischen Hauptstadt Edinburgh arbeitet der gebürtige Franke Markus Dünzkofer als Priester. 2017 hat er erstmals zwei Männer getraut – er selbst lebt offen homosexuell und sieht Fortschritte in der liberalen anglikanischen Kirche.

"Wenn Menschen an Kirche denken in Großbritannien, dann denken sie an zwei Dinge: an den Sexismus und die Homophobie. Die schauen uns an und sagen: Warum sind Frauen nicht in Leitungsfunktionen vermehrt vertreten und warum können meine schwul-lesbischen Freunde nicht bei euch heiraten?"

Genau diese Fragen hat sich auch Markus Dünzkofer gestellt. Der gebürtige Franke lebt selbst offen homosexuell und arbeitet in Edinburgh. Und er ist seit fünf Jahren Priester der dort ansässigen schottischen Episkopalkirche. Besuchern präsentiert Dünzkofer die sozialkritische Ausrichtung der Kirche auch gern in Form eines riesigen Wandgemäldes hinter der beeindruckenden Kathedrale: 

"Sieben, acht Mal im Jahr wird hier ein Wandgemälde von einer Künstlerkooperative gemalt, die Künstlerkooperative heißt Artists for Justice. Und wir sind in der Stadt bekannt als die Kirche mit dem Wandgemälde. Wir sind eben da hier, um uns dafür einzusetzen, dass die Obdachlosigkeit beendet wird, dass wir eben patriarchale Strukturen angehen wollen, dass wir Armut beenden wollen, dass wir die Schöpfung bewahren wollen und dass wir uns dafür einsetzen, dass die Gesetze, die immer mehr die sozialen Leistungen beschneiden, dass die verändert werden müssen."

Gesegnet, aber nicht getraut

Eine vielfältige, bunte Kirche – Markus Dünzkofer verkörpert dieses Konzept geradezu beispielhaft. Der Vater war Friese, die Mutter stammte aus Sachsen, er selber war seit dem Studium immer wieder im englischsprachigen Ausland unterwegs. Seit er in Edinburgh seinen Master in Theologie ablegte, hat es ihm die schottische Hauptstadt angetan. Seit fünf Jahren ist Dünzkofer nun Pfarrer bei den liberalen Anglikanern und macht sich für die gleichgeschlechtliche Ehe unter dem Dach der Kirche stark:

"Sehr früh schon in meiner Zeit habe ich immer mal wieder gleichgeschlechtliche Beziehungen gesegnet, aber ich konnte sie nicht trauen. Und für mich persönlich war es eine Art Befreiung, dass ich den gesamten Gottesdienst machen konnte und nicht an einer bestimmten Stelle abbrechen muss."

In Schottland sind Pfarrer seit jeher auch Standesbeamte. Als vor vier Jahren die Ehe für alle auf ziviler Ebene eingeführt wurde, mussten sich die Geistlichen positionieren. Markus, wie ihn hier alle nennen, hat sich positioniert. Und die Gemeinde zog mit und änderte ihr Kirchenrecht:

"Die Gesellschaft hat uns ermöglicht, darüber nachzudenken, aber ich mache das, weil ich eben aus meinen theologischen Forschungen und aus meinem spirituellen Leben heraus durch Gebet und durch eine Auseinandersetzung mit der Bibel und mit Theologie ich zu dem Standpunkt gekommen bin, dass es das ist, was Gott will. Für mich ist es in einer Linie mit der Frage von ethnischen Minderheiten und von Sklaverei. Auch die Frage der Rolle der Frau. Und deswegen ist für mich die Ehe für alle nicht etwas ganz Neues, sondern es ist für mich eine logische Konsequenz auf diesem Weg."

Alle waren den Tränen nah

Im September 2017 war es dann soweit. Dünzkofer wurde der erste Priester im Vereinigten Königreich, der zwei Männer traute. Hier in der St. John's Kathedrale. So logisch und selbstverständlich es auch sein sollte, die Trauung wurde dann doch ein ganz besonderer Moment:

"Ich dachte erst, ich bin da ganz cool und mache eben meine Arbeit, aber es hat mich doch sehr stark bewegt, das muss ich ganz ehrlich sagen. Da waren schon Momente, wo wir alle den Tränen nah waren."

Die Getrauten – Alistair Dinnie und Peter Matthews – sind engagierte Gemeindemitglieder. Ihre Beziehung war bekannt und akzeptiert und so wurde die erste gleichgeschlechtliche Trauung in Schottland für die St. John's Gemeinde ein Freudenfest.

"Und der Bischoff hat dann auch ganz stark theologisch dazu Bezug genommen: Wo auch die Probleme sind, die biblisch-theologischen Probleme, aber eben auch, wie wir damit umgehen. Und dass es eben nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen Sinn macht, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen, sondern auch aus theologischen."

Dünzkofers Argumentation stützt sich auf eine strukturanalytische Lesart der heiligen Schrift:

"Es gibt acht Stellen in der Bibel, die sich mit homosexuellen Beziehungen beschäftigen. Interessanterweise werden die Frauen immer ausgeblendet, aber die Männer sind da immer ganz stark im Vordergrund. Was für mich schon ein Indiz dafür ist, dass es ein patriarchales Problem ist und nicht ein sexuelles Problem."

Gegner dieser neuen Linie gibt es zuhauf. In der eigenen Gemeinde, aber auch um die Ecke bei den englischen Anglikanern. Denn auch, wenn beide Kirchen unter dem Dach der anglikanischen Weltgemeinschaft zusammenfinden, theologisch und kirchenrechtlich gehen sie getrennte Wege. So werden in Schottland bereits seit 1994 Frauen ordiniert und seit 2002 können sie auch zu Bischöfinnen geweiht werden. Auch beim Zölibat gibt es Unterschiede zwischen englischen und schottischen Anglikanern:

"Und da zum Beispiel es immer noch so ist, dass Pfarrerinnen und Pfarrer, die gleichgeschlechtlich lieben, sich verpflichten müssen, zölibatär zu leben. Und wir eben gesagt haben, nö, Beziehungen sind erlaubt, auch sexuelle Beziehungen sind erlaubt, solange sie eben im Rahmen dieses kirchenrechtlichen Eheverständnisses sind."

Mit dieser Auffassung stehen die Schotten in der Weltgemeinschaft jedoch ziemlich allein da. Anglikanische Bischöfe aus den USA, Lateinamerika und Afrika haben bewirkt, dass die schottische Episkopalkirche aufgrund ihrer Haltung zur gleichgeschlechtlichen Ehe von der anglikanischen Weltgemeinschaft für die kommenden drei Jahre suspendiert wurde. Doch diese restriktive Linie ist nur eine Strömung innerhalb der Kirchen weltweit.

"Ich denke, die Gefahr ist da jetzt, in so einen umgekehrten Rassismus reinzugeraten ganz schnell und zu sagen: Die Kirchen im Süden, die Afrikaner, die Südamerikaner, die Asiaten. Weil genauso wie es bei uns Leute gibt, die dagegen sind, es in den Teilen der Welt auch Menschen gibt, die uns heimlich oder nicht so heimlich anfeuern und sagen: 'Das ist gut, was ihr macht.' Die Realität ist natürlich schon so, dass es sowohl in Nigeria, in Kenia, in Singapur auch schwule und lesbische Menschen gibt. Wenn Menschen uns dann erzählen, dass sie auf der einen Seite in ihrer Realität erleben, wie gefährlich es ist, offen schwul und lesbisch zu leben und dann zu wissen, dass es Kirchen gibt, wo sie ganz akzeptiert werden, dann ist das wirklich auch ein Hoffnungszeichen für sie."

"Dann sind wir Versuchskaninchen"

Neben dem Hoffnungssignal gibt es aber auch besorgniserregende Auswirkungen. In Kenia werden die Anglikaner von fundamentalen Islamisten als "Schwulenfreunde" diffamiert. Auch bei dieser schwierigen Frage bleibt nur der Weg des Glaubens. Jede Gemeinde müsse da ihren eigenen Weg finden, sagt Dünzkofer:

"Wenn es von Gott ist, dann wird es weiterhin wachsen, und wenn es nicht von Gott ist, dann wird diese Bewegung irgendwann absterben. Und ich bin bereit, da jetzt zu sagen: Dann sind wir eben Versuchskaninchen und schauen wir mal, was passiert."

Dünzkofer hatte sich auf das Bischofsamt im Verwaltungsbezirk Dundee beworben. Gewählt wurde er nicht: 

"Also ich denke schon noch, dass für Frauen und sexuelle Minderheiten es schon noch so eine decke gibt, die man durchstoßen muss, wo man zwei, drei Mal besser sein muss als heterosexuelle Männer. Aber im Prinzip, muss ich sagen, hat Sexualität mit dem Ganzen ganz wenig zu tun."

Doch er wird weiterhin dafür eintreten, dass die Kirche selbst patriarchale und diskriminierende Strukturen – wenn nötig – offen anprangert:

"Und eine spannende Geschichte ist auch: Wir haben hier eine Frau, die Sklavin war, in den westindischen Inseln, noch bevor die Sklaverei im Britischen Empire verboten wurde. Und die kam mit ihrer Familie hier nach Schottland und hat dann ihr restliches Leben als Mitglied dieser schottischen Familie verbracht, obwohl sie eigentlich eine befreite Sklavin war. Und die liegt bei uns eben auf dem Friedhof. Und das ist so eine Geschichte, die wir eigentlich gerne erzählen, um zu zeigen, dass sich eben Gesellschaft immer wieder wandelt. Und das, was mal ganz normal war in der Gesellschaft – wie Sklaverei – jetzt, gerechter maßen total verpönen. Und das ist für mich so ein Moment, wo ich sage: Da können auch mal Gräber Geschichten erzählen."

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