Homophobie

Russische Kräuter gegen Homosexualität

Putin nutzt die Homophobie in der Bevölkerung, um auf Stimmenfang zu gehen. © picture alliance / dpa / Gail Orenstein
Von Lena Gorelik · 13.12.2013
Die Hatz gegen Homosexuelle kann nicht nur Putin oder Neonazis angerechnet werden. Die internationale Empörung müsste sich gegen Vorurteile und Abneigungen in der gesamten russischen Gesellschaft richten, meint die Schriftstellerin Lena Gorelik.
Waldimir Putin, der Böse, der ewige Herrscher über das arme Russland, ist immer wieder gut für Schlagzeilen, die westliche Menschenrechtler auf Barrikaden gehen lassen. Die Hatz gegen die Homosexuellen allerdings sollte nicht ihm angelastet werden, obschon er auch diesmal nicht frei von Schuld ist.
Die Empörung trifft noch nicht einmal den Richtigen, wenn sie jenen russischen Neonazi anprangert, der Homosexuelle in seine Wohnung lockt und sie filmt, wie er ihre Köpfe rasiert, um auf die entstandene Glatze eine Regenbogenfahne zu pinseln, sie halbnackt tanzen lässt und sie am Schluss zusammen schlägt.
Das noch mehr Empörende ist nämlich, dass der hirnlose Schänder auf dem russischen Facebook-Klon 190.000 Fans hat. Oder dass Wladimir Putin selbst von seinen Kritikern für sein Anti-Homosexuellen-Gesetz gelobt wird. Die internationale Empörung müsste sich also richten: gegen Vorurteile und Abneigungen, die in der russischen Gesellschaft weit verbreitet sind.
Wowereits Outing löste in St. Petersburg Lachen aus
Vielleicht verdeutlichen Erlebnisse wie diese die Stimmung im Land: Als ich einmal in einer Intelligenzija-Runde in Sankt Petersburg Klaus Wowereits Outing erwähnte, löste ich Lachen aus. Niemand war bereit zu glauben, dass ein deutscher Politiker schwul sein könnte.
In Russland gibt es Ärzte, die Medizin studiert haben, Geistesheiler, Heilpraktiker, Magier etc. sowieso, die sich darauf spezialisiert haben, die Krankheit Homosexualität zu heilen. Die Kosten hierfür, sowohl für die Behandlung als auch für die Kräuter, die das Problem ausmerzen sollen, sind beträchtlich - die Einnahmen der Heiler sind es ebenfalls.
Darüber kann man schmunzeln, über Folgendes aber nicht: Männer werden in Russland aus Schwulenhass umgebracht.
Vor kurzem sagte der Vize-Generaldirektor des Staatsfernsehens, Dmitrij Kisseljow, vor laufender Kamera, die Herzen von toten Homosexuellen sollten vergraben oder verbrannt werden, damit sie nicht für Transplantationen genutzt werden. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum hat ergeben, dass 51 Prozent der Russen eine "Zwangsheilung" und strafrechtliche Verfolgung von Lesben und Schwulen befürworten.
Putin mit Anti-Homosexuellen-Gesetz auf Stimmenfang
Solche Einstellungen werden mit der Muttermilch an die Kinder weiter gegeben und tagtäglich in der Schule bestätigt. Deshalb sind Hilfsorganisation wie "Coming Out" vor allem damit beschäftigt, Lesben und Schwulen zu erklären, dass sie eben nicht krank sind und die gleichen Menschenrechte haben wie alle anderen.
Putin setzt das russische Bild von Männlichkeit per se dagegen: nackter Oberkörper, hartes Gesicht, muskulöse Oberarme, beim Jagen, beim Fliegen, beim Fischen, immer allein als der Mann. Mit der Diskriminierung von Homosexuellen findet er Unterstützung aus der Bevölkerung. Dies hilft ihm auf billige Art, von der Kritik an seiner Regierungsführung abzulenken.
Dem Westen zuliebe beteuerte er, dass sich Athleten, Fans und Gäste bei den Olympischen Spielen wohl fühlen werden, unabhängig von ihrer sexuellen Neigung. Aber solange Ikea aus russischen Katalogen die Bilder schwuler Männern entfernt und andere Konzerne wie Coca-Cola, VW, McDonald‘s das Wort "Boykott“ nicht in den Mund nehmen, dürfte es Waldimir Putin bei diesem Versprechen belassen.
Und er wird mit dem nächsten Anti-Homosexuellen-Gesetz auf Stimmenfang gehen. Und Erfolg damit haben, erneut. Wenn aber nicht einmal Wladimir Putin in Schranken gewiesen werden kann, wie geht man dann mit all jenen Feindbildern um, die in der russischen Gesellschaft im Umlauf sind?
Lena Gorelik, wurde 1981 in Russland im damaligen Leningrad geboren und kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Ihre Romane "Meine weißen Nächte", "Hochzeit in Jerusalem" und "Verliebt in Sankt Petersburg" wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihr "Sie können aber gut deutsch", "Lenas Tagebuch" (Hrsg.) und "Die Listensammlerin".
Lena Gorelik
Lena Gorelik© Gerald von Foris/Graf Verlag
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