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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.09.2010

Hommage an Suzushi Hanayagi

Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der japanischen Choreografin

Von Elisabeth Nehring

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Eine filmische Reise durch Japan zeigt das Lebenswerk von Suzushi Hanayagi. (AP)
Eine filmische Reise durch Japan zeigt das Lebenswerk von Suzushi Hanayagi. (AP)

"KOOL - Dancing in my mind" ist Performance, Dokumentarfilm und Videoporträt zugleich. Regisseur Robert Wilson zeigt die Lebensgeschichte der japanischen Tänzerin und Choreografin Suzushi Hanayagi, die an Alzheimer erkrankte.

"Der bewegendste Moment war, als sie ihre Hand ausstreckte und sie schüttelte – es war das einzige Körperteil, das sie überhaupt noch bewegen konnte. Das machte sie drei, vier Mal. Und ich nahm ihre Hand nicht, aber ich machte mit meiner eigenen Hand eine Geste – und daraufhin machte sie auch eine Geste! Und ich realisiert, dass es da in ihr eine Erinnerung gab – genau in dieser Bewegung. Als sie sprach – und sie sprach nach fast drei Jahren das allererste Mal wieder – sagte sie, sie tanze in ihrem Geist. Das war sehr bewegend und ich begann ihre Situation auf eine andere, neue Weise zu begreifen."

Robert Wilson hat diese Geschichte immer wieder erzählt – den Moment der Widererkennung durch den Körper, der sogar das Schweigen der an Alzheimer erkrankten Suzushi Hanayagi durchbrechen konnte. Der Dokumentarfilm "Kool - dancing in my mind" zeigt Wilson auf der Fahrt durch Osaka, Suzushi Hanayagi im Rollstuhl – und, genau wie die in die Performance eingespielten Bilder, immer wieder den Auslöser der Erinnerung: ihre Hände, sehr alt und knorrig, an Wurzelwerk eines uralten Baumes erinnernd.

Die Performance zeigt Rekonstruktionen jener Wilson-Arbeiten, für die Hanayagi choreografiert hat – markante, präzise Gruppenszenen aus "Knee Plays: The civil wars" zum Beispiel, in denen sich die Darsteller in schwarzen oder weißen Anzügen stilisiert über die Bühne bewegen, aber auch Neubearbeitungen von Choreographien Suzushi Hanayagis und Szenen, die von ihr inspiriert wurden. Ein Duett beeindruckt dabei besonders: Zwei männliche Tänzer treffen mit ihren ganz unterschiedlichen Tanzstilen aufeinander. Der Indonesier Illenk Gentille zeigt traditionelle ostasiatische Bewegungen – gespreizte Finger, gebogener, gerundeter Oberkörper –, die Sequenz des Amerikaners Jonah Bokaer vereint mit ihren gradlinigen, fast geometrischen Bewegungen Elemente des Klassischen, Modern und Postmodern Dance.

Von Suzushi Hanayagi sind diese beiden Traditionen des Tanzes benutzt worden – doch dass sie sich darin immer zuhause gefühlt hat, kann man nicht sagen. In den eingespielten Zitaten wird deutlich, dass sie den Umgang mit zwei ästhetischen Welten als Teilung empfunden hat, als zwei Seiten, die in ihr wohnen, die sie aber hat lange nicht vereinbaren können – das Östliche und das Westliche, das Traditionelle und das Avantgardistische. Über die Hintergründe dieser Unvereinbarkeit erzählt Robert Wilson Folgendes:

"In der Zeit, als mir Suzushi das erste Mal begegnete, war sie wirklich etwas durcheinander.
Sie hatte in Japan diese sehr strenge, traditionelle Tanzschule durchlaufen, die sie besucht hatte, seit sie zwei Jahre alt war. Dort hatte sie jeden Tag gelernt, wie man geht, steht oder sich auf eine bestimmte Weise bewegt. Und später lernte sie dort auch die männliche Rollen des NO-Theaters, von denen sie wusste, dass sie die nie aufführen würde, probte viele, viele Stunden mit ihren Lehrern – mit strikter Disziplin und sehr rigidem Training, das physisch sehr herausfordernd war und wenig Zeit ließ für soziale Kontakte.

Sie hatte sich entschieden, ihr Leben dem japanischen Tanz zu verschreiben – nicht wissend, ob sie von der führenden Hanayagi-Familie überhaupt akzeptiert werden würde. Es war eine große Sache, als sie in 1959 entschied, die Hanayagi-Familie und auch Japan zu verlassen – sie ging nach New York, um bei Martha Graham zu studieren. Damit war sie das schwarze Schaf der Familie, sie hatte desertiert. Und die Familie schaute auf sie herab – so etwas tat man nicht!"

Was die Bilderwelt Robert Wilsons und die zweifach inspirierte Welt Suzushi Hanayagis verbindet, geht über die ästhetische Strenge hinaus ins Ideelle: Beide haben stets die Suche nach puren Bewegungen beschworen, einer Bewegung, die nicht über sich hinausweist, keine Geschichte erzählt, nicht einmal Gefühle ausdrückt, sondern als reine Gegenwart nur für sich steht. Mit dieser Überzeugung haben die beiden Künstler einander vollkommen ergänzt.

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