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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.09.2019

Homi K. Bhabha über Migration und AusgrenzungWem gehört dieses Haus – und wer entscheidet das?

Von Vivien Leue

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Der indische Theoretiker des Postkolonialismus, Homi K. Bhabha (imago/GlobalImagens)
Flucht sei ein Akt der Würde, sagte Homi K. Bhabha bei der Ruhrtriennale. (imago/GlobalImagens)

Der Harvard-Professor Homi K. Bhabha ist einer der bedeutendsten Denker kultureller Vielfalt. Bei der Ruhrtriennale sprach er über neuen Nationalismus und Migration: Statt immer zu sagen "Wir sind alle gleich", müssten Unterschiede anerkannt werden.

Homi K. Bhabha begann seine Rede mit Musik. Mit einem Song, dessen Text seine Freundin Toni Morrison geschrieben hat, eine der bedeutendsten afro-amerikanischen Schriftstellerinnen, die vor einem Monat mit 88 Jahren gestorben ist. 

Wem gehört dieses Haus, fragt Morrison in ihrem Song – und Bhabha spricht gut eine Stunde darüber, warum diese Frage hochaktuell ist. "Discrimination and degradation are two faces of the same coin of barbaric nationalism."

Weltweit greife ein barbarischer Nationalismus um sich, der sich durch systematische Diskriminierung und der Abwertung von Einzelnen, wie auch ganzen Bevölkerungsgruppen, auszeichne. Dabei blieb Bhabha an diesem Abend nicht nur im Theoretischen, sondern übte auch offene Kritik:

Staatsoberhäupter als ansteckende Krankheiten

"The phalanx of male leaders, that straddle the world today: Trump, Modi, Maduro, Bolsonaro, Duterte, Putin, Netanjahu, Salvini, Orban, Xi, are not politicians of charisma, they are in my view politicians of miasma." 

Statt durch Charisma zu wirken, seien viele aktuelle Staatsoberhäupter wie ansteckende Krankheiten, unter denen viele Bürger zu leiden hätten – in den USA aktuell zum Beispiel die mexikanischen Einwanderer. Sie würden quasi aus ihren Häusern vertrieben. Waren sie jahrzehntelang noch akzeptiertes Mitglied der amerikanischen Gesellschaft, als Kiosk-Betreiber, Köche, Gärtner, Geschäftsmänner, würden sie jetzt als Kriminelle, Vergewaltiger, Schmarotzer dargestellt – ihnen solle das Haus also nicht mehr gehören, und in der post-faktischen Diskussion könnten sie sich kaum dagegen wehren.

"Things that may not even be true come in a post fact alternative truth world to stand for their truth, just because they are spoken from a place of authority. It doesn’t matter what their reference is."

Denn Unwahrheiten werden – so Bhabha – mittlerweile allein dadurch wahr, dass eine Autorität sie ausspricht. Das habe, sagt der Harvard-Professor, Hillary Clinton wahrscheinlich den Wahlsieg gekostet – weil sie auf post-faktische Diskussionen nicht genug eingegangen sei.

Die Flucht ist ein Akt der Würde

Aber nicht nur die Mexikaner verlieren in den USA gerade ihr Haus. Weltweit leiden Flüchtlinge und Randgruppen unter dieser neuen Art der Politik und Kommunikation, die auf Diskriminierung und systematische Abwertung setzt. Sie werden kleingeredet, im besten Falle als Opfer gesehen. Dabei sei, das wiederholt Bhabha an diesem Abend in Bochum immer wieder, gerade ihr Akt der Flucht bemerkenswert – für ihn ist die Flucht sogar ein Akt der Würde, der als solcher anerkannt werden muss.

"I am talking about dignity in extremity."

Um diese Würde zu verstehen, müssen wir allerdings anerkennen, dass wir anders sind, fordert Bhabha.

"We are in a very different almost agonistic position and we got to understand that difference. There is not time for the soft blurr 'we are all the same' – no! We got to understand that."

Wir sind nicht alle gleich

Wir haben keine Zeit, so der Kulturtheoretiker, für ein romantisches "Wir sind alle gleich". Denn erst wenn wir erkennen, dass wir aus einer privilegierten Position heraus agieren, dass wir eben nicht dem Tod ins Auge blicken, könnten wir auch erkennen, welch Akt der Würde in einer Flucht stecke.

Dieser Gedanke hat die Zuhörer am Abend in Bochum am meisten beeindruckt.

Wenn man sich mit Migration beschäftigt, sieht man zu oft das Opfer-Sein und das Getrieben-Sein und nicht mehr die eigene Entscheidung, das hat er sehr deutlich gemacht und das fand ich auch eine sehr schöne Art, wie er das gemacht hat.

Dass in ein Schlauchboot steigen, übers Mittelmeer zu fahren ein Zeichen der Würde ist, ein Zeichen dafür ist, an eine Zukunft glauben zu wollen. Und dass wir das auch tatsächlich achten müssen als Zeichen der Würde.

Wem gehört dieses Haus – und wer entscheidet das überhaupt? Diese Frage, die Homi K. Bhabha in Bochum gestellt hat, ist an diesem Abend natürlich nicht beantwortet worden. Aber er hat vielen Zuhörern Denkanstöße gegeben, die den Diskurs darüber erweitern könnten.

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