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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.04.2007

Hollywood-Größe als blutiger Anfänger

Milos Forman inszeniert Oper im Nationaltheater Prag

Von Bernhard Doppler

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Hollywood-Regisseur Milos Forman bei den Proben zu "Ein gut bezahlter Spaziergang" am Prager Nationaltheater. Im Hintergrund der tschechische Dirigent Libor Pesek. (AP)
Hollywood-Regisseur Milos Forman bei den Proben zu "Ein gut bezahlter Spaziergang" am Prager Nationaltheater. Im Hintergrund der tschechische Dirigent Libor Pesek. (AP)

Der Filmemacher Milos Forman konnte sich in Prag einen alten Traum erfüllen: Erstmals inszenierte er für die Bühne. Die Jazz-Oper "Ein gut bezahlter Spaziergang" aus den 60er Jahren kam beim Publikum, darunter Ex-Präsident Vaclav Havel, gut an. Oscar-Preisträger Forman gab sich bescheiden: Als Theatermann sei er noch ein Anfänger, betonte er.

Dicht gedrängtes Gewühle im prunkvollen Balkonfoyer des Prager Nationaltheaters, Minister, Intendanten, auch der ehemalige Präsident Vaclav Havel zeigen sich. Milos Forman ist nach Prag zurückgekommen und hat sich zu seinem 75. Geburtstag einen Wunsch erfüllt, nämlich endlich einmal Theater zu inszenieren, und gleich im schönsten Haus, im prunkvollen Nationaltheater, dem Opernhaus oder wie es genannt wird, in der "goldenen Kuppel über der Moldau".

Um Milos Forman bei der Premierenfeier immer seine beiden Zwillingssöhne Peter und Matje, die ihm bei Bühnenbild und Regie assistiert haben; doch den Arm legt Milos meist um die Schultern des Dirigenten, Libor Pesek, ein international renommierter Dirigent, der auch in den fünfziger Jahren seine Karriere in der Tschechoslowakei begann.

"Es ist schon 57 Jahre vorbei, dass wir zwei als 18-Jährige zusammen im Showbusiness begannen, und nach 57 Jahren sind wir wieder zusammengetroffen. Und obwohl ich nie im Theater oder in der Oper gearbeitet habe - und Libor, soviel ich weiß, auch nicht in dieser Oper - haben wir das gemacht. Am Ende unserer Karriere sind wir blutige Anfänger und dafür bedanken wir uns."

Milos Forman erzählte in seiner Biographie, er wäre so wie sein älterer Bruder viel lieber zum Theater gegangen, die Luft hinter der Bühne hätte ihn fasziniert, aber für eine solche Ausbildung gab es keine Möglichkeit und die Filmschule war zunächst nur ein schlechter Ersatz. Nun, nach mehr als einem halben Jahrhundert, hat er mit seinen Söhnen freilich keine richtige Oper inszeniert, sondern eine Revue, ein Kabarett, eine tschechische Legende aus den 60er Jahren belebt, das Semafor-Theater der Komiker Jiri Slitr und Jiri Suchy.

"Dobre placena prohaczka" (gut bezahlter Spaziergang) ist die Zusammenstellung zweier Stücke des Semafor-Theaters. Eines davon hatte Forman vor 40 Jahren fürs Fernsehen bearbeitet und daraus eine verrückte Scheidungs- und Erbschaftsgeschichte mit einer Millionärin aus Liverpool gemacht.

Und Jiri Slitr - 76 jährig - spielt nach wie vor mit, weinerlich bürokratisch, einen Briefträger. Als eine Stimme die Zeitangabe 19 Uhr 07 verlauten lässt, unterbricht der Briefträger seine Amtshandlung und feiert sein siebenjähriges Dienstjubiläum, sich in einen Himmel voll Tauben und Briefträgerinnen, die auch gleich am Fenster erscheinen, träumend. Mit Picassos Tauben können sie es allemal aufnehmen.

Dobre placedna prochazka (gut bezahlter Spaziergang) ist eine turbulente, frivole, surreale Geschichte, vergnüglich in dem Mobiliar der Sixties badend. Meist liebt man sich in einer unglaublich engen dreieckigen Badewanne. Die Einfälle gehen Milos Forman und seinen Söhnen nie aus. Ein Humor voller Kraft, schwarz, surreal, bissig. Und man ist an Formans tschechische Filmkomödien vor 1968 erinnert, die die Stupidität des sozialistischen Alltags als Ausgangspunkt nahmen und sie ins Absurde drehten.

Beeindruckend und überraschend, welch surreale Energie in jenem Prager Vorfrühling steckte, welche Potenz in jenem Humor. Das kleine absurde Theater als große Oper, das ist also durchaus angebracht.

Sehr viel Jugend findet sich übrigens auch bei der Premierenfeier. Und wenn die alten Herrn des Prager Frühlings, Komiker, Kameramänner und Theaterleute, einer in Hollywood, einer später Präsident, sich im Balkonfoyer wieder treffen, scheint es weit mehr als nur ein nostalgisches Treffen zu sein. Beginn einer Neuentdeckung. Wenn man in Prag ist, sollte man sich eine Aufführung nicht entgehen lassen, zumal sie englisch und deutsch untertitelt ist.

Oder wenigstens: Man sollte sich noch einmal Formans letzte Komödie vor dem Einmarsch 1968 ansehen: Den "Feuerwehrball". Es brennt und auch die Feuerwehr kann keinem mehr helfen.

Kulturpresseschau

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