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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2008

Hohes Potential, bescheiden umgesetzt

Uraufführung von Theresia Walsers "Monsun im April" am Nationaltheater Mannheim

Von Stefan Keim

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Ein Vorhang (Stock.XCHNG / Billy Alexander)
Ein Vorhang (Stock.XCHNG / Billy Alexander)

In "Monsun im April" spielt Theresia Walser mit den Genres Thriller und Komödie, hat ein paar großartige Wortschöpfungen parat und erzählt in leichter, sprachverspielter Weise von Einsamkeit und Beziehungslosigkeit. Leider schaffen die Schauspieler es nicht, den andeutungsreichen Text in einen spannungsvollen Schwebezustand zu bringen. Sie ziehen sich auf klar konturierte Rollenklischees zurück.

Der Mantel hängt noch da, ein gelber Farbtupfer vor farblosen Vorhängen. Doch seine Besitzerin ist verschwunden. Einfach so, ohne Erklärungen. Maja hat provisorisch ihren Job übernommen. Aber alles erinnert an Frau Firm. Die Sekretärin erzählt nur von ihr und ihren Gewohnheiten, Frau Firms Gatte taucht ständig in der Firma auf.

Außerdem fallen zwei Menschen in Majas Leben ein, an die sie keine Erinnerungen hat. Die beiden behaupten, eine wilde Nacht in Brüssel gemeinsam durchzecht zu haben. Dabei habe Maja erzählt, ihre Situation im Büro müsse sich verändern. Und das haben Udo und Petra - so heißen die ungebetenen Gäste - als Auftrag interpretiert, etwas zu unternehmen.

Theresia Walser, die jüngste Tochter des großen Martin, ist eine Sprachkünstlerin. Sie liebt das Rätselhafte, den Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und (Alb-)Traum. Der Titel ihres neuen Stückes "Monsun im April" deutet an, dass die Welt wieder aus dem Ruder geraten ist. Denn im Frühjahr ist in Indien, wo Majas Ex-Lover gerade an einem Bauprojekt scheitert, Trockenzeit.

Theresia Walser spielt mit den Genres Thriller und Komödie, erfindet außerdem einige schöne Worte: "Menschheitsverbesserungsdepp" zum Beispiel. Oder Majas demente Mutter findet, ein richtiger Sommer brauche eine "Weltuntergangsverdunkelung über dem Esstisch". In leichter, sprachverspielter Weise erzählt die Autorin von Einsamkeit und Beziehungslosigkeit. "Einzelgespenster" und "Beziehungskrüppel" nennt sie der alte Herr Firm (Edgar M. Böhlke). Nur Udo und Petra, die Besucher aus Brüssel, haben so etwas wie eine funktionierende Partnerschaft. Aber sie könnten auch Psychopathen sein.

In Interviews hat Theresia Walser oft erzählt, sie habe es nicht so gern, wenn ihre Stücke mit viel Musik und Bühnenzauber aufgepeppt werden. Sie fordert Konzentration auf die Sprache, die eine eigene Musikalität entfaltet. Uraufführungsregisseur Burkard C. Kosminski, Schauspieldirektor des Nationaltheaters Mannheim, gehorcht ihr aufs Wort. Ein paar Klänge Schubert - die leicht verfremdeten Einleitungstöne der "Winterreise" - durchwehen den Abend. Was Kosminski dem Text entnommen hat, denn Majas Mutter trauert darum, dass ihre Tochter nicht Sängerin geworden ist, oft Schubert-Lieder zerstört habe, weil ihr das Gespür für Rhythmus fehlt.

Florian Ettis Bühne zeigt ein paar Stühle, ein Klavier und helle Abhänger, durch die sich die Schauspieler oft auf die Bühne wühlen. Nichts lenkt ab, das ganze Gewicht der Uraufführung liegt auf den Mannheimer Darstellern. Leider schaffen sie es nicht, den andeutungsreichen Text in einen spannungsvollen Schwebezustand zu bringen. Sie ziehen sich auf klar konturierte Rollenklischees zurück. Isabelle Barth spielt Maja als kernige Powerfrau in Reiterkluft, doch die Melancholie eines weiblichen Jockeys ohne Pferd zeigt sie nicht. Anke Schubert liefert eine boulevardtaugliche Karikatur einer Sekretärin, ohne monströse Züge in der Figur zu entdecken.

Viele Pointen und ungemütliche Doppeldeutigkeiten des Textes werden verschenkt. Lediglich Ragna Pitoll und Klaus Rodewald halten das seltsame Pärchen Petra und Udo schön auf der Schwelle. Sind sie sympathische Außenseiter, die ein Leben ohne Geld ausprobieren wollen? Oder wahnsinnige Killer jenseits jeder Moral, deren Zuneigung sehr gefährlich werden kann?

Burkhard C. Kosminski hat sein Ensemble überschätzt. Die Theatermagie, die Theresia Walsers Text verlangt, können sie nicht erreichen. Da bräuchte es doch eine Regie, die Atmosphäre schafft und die Szenen fokussiert. So sieht man in Mannheim ein Stück mit hohem Potential, bescheiden umgesetzt.

Nächste Termine: 19., 21. Dezember, 2., 7. Januar

"Monsun im April"
Von Theresia Walser
Uraufführung am Nationaltheater Mannheim
Inszenierung: Burkhard C. Kosminski
Bühne: Florian Etti
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Musik: Hans Platzgumer
Dramaturgie: Ingoh Brux
Darsteller:
Udo: Klaus Rodewald
Petra: Ragna Pitoll
Majas Mutter: Gabriela Badura
Maja: Isabelle Barth
Frau Gust: Anke Schubert
Paul: Sven Prietz
Herr Firm: Edgar M. Böhlke

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