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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.11.2016

Hofmann-Sieber/Sieber: "Wilde Gene"Das unberechenbare Genom

Von Michael Lange

Modell eines DNA-Moleküls (imago/Westend61)
Modell eines DNA-Moleküls (imago/Westend61)

Leicht, lebendig und verständlich - so bringen die beiden Biologen und Science-Slammer Helga Hofmann-Sieber und Timo Sieber Forschungsergebnisse der Molekulargenetik auf den Punkt. Sie zeichnen dabei ein grelles Bild unserer wilden, sprunghaften Gene.

Molekulargenetik muss nicht kompliziert oder langweilig sein. Selbst neueste Forschungsergebnisse lassen sich leicht, lebendig und verständlich auf den Punkt bringen. Und wer könnte das besser als zwei erfolgreiche Science-Slammer, die auch auf einer Comedy-Bühne für Stimmung sorgen können?

Helga Hofmann-Sieber und Timo Sieber haben gelernt, in zehn Minuten ein meist junges Publikum in ihren Bann zu ziehen. Obwohl oder gerade weil sie über Wissenschaft reden: schnell, originell, locker, flapsig und rotzfrech. Was auf der Bühne funktioniert, das gelingt dem Paar jetzt auch in Buchform. Dabei kopieren sie nicht eins zu eins die Scherze, die auf der Bühne funktionieren. Statt auf knallige Effekte oder zotige Witze setzen die beiden auf einleuchtende Vergleiche, einfache Metaphern und schräge Alltagsgeschichten.

Begeisterung, die ansteckend wirkt

Ribosomen, Promotoren und Transposons: Weder komplizierte Themen oder Fachausdrücke sparen die beiden Molekularbiologen aus. Sie erklären, wie springende Gene in unserem Erbgut herumhüpfen, wie Viren mit molekularen Tricks unser Erbgut überlisten und wie erste Lebensformen aus RNA auf sich allein gestellt auf der frühen Erde zurechtkamen. Alles auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Der Inhalt könnte auch in einem modernen Lehrbuch der Molekularbiologie stehen. Statt auf Didaktik oder Vereinfachung setzen sie auf Begeisterung, und die wirkt ansteckend.

Hofmann-Sieber und Sieber ziehen wirklich alle Register. Das reicht von lustigen Cartoons über ein selbstverliebtes literarisches Genom-Quartett bis zu skurrilen Anekdoten aus der Wissenschaftsgeschichte. Und dann taucht immer wieder Tante Hilde auf. Ihr unangemeldeter Besuch stellt den Haushalt der Gastgeber auf den Kopf. Das ist unterhaltend und schräg, doch immer wieder stellt sich bei seitenlangen Exkursen die Frage: Was hat das mit Wissenschaft zu tun? Manchmal sehr wenig. Aber schon eine Zeile später ist man wieder bei springenden Genen, hinterhältigen Viren oder vernetzten Ökosystemen im eigenen Darm.

Ein mitunter naiver Blick auf die Wissenschaft

In grellen Farben zeichnen die Autoren ein neues Bild des Genoms, wie es sich in der Forschung derzeit etabliert. Unser biologisches Erbgut ist demnach keine starre Einheit, kein unveränderliches Buch des Lebens. Vielmehr ist es ständig in Bewegung, kopiert, tauscht aus und verändert sich selbst. Manchmal gezielt, manchmal scheinbar sinnlos. Längst haben die Wissenschaftler begriffen, dass unsere Gene wild, egoistisch und nicht immer berechenbar sind.

Pannen oder Fehlentwicklungen wie bei der Gentherapie spart das Buch keineswegs aus. Dennoch erscheint der Blick der beiden auf die Wissenschaft optimistisch und zuweilen naiv. Es lässt sich einfach nicht verheimlichen: Die Autoren sind waschechte Wissenschafts-Nerds. Wer bereit ist, sich von ihrem Fable für die Welt der Gene anstecken zu lassen, erfährt viel Neues, sogar solche Informationen, die nicht in Lehrbüchern oder Fachartikeln zu finden sind.  

Helga Hofmann-Sieber/Timo Sieber: Wilde Gene – Vom verborgenen Leben in uns
Rowohlt-Verlag, Reinbek 2106
288 Seiten, 12,99 Euro

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