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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 13.03.2020

HofjudenSchleudersitz beim Fürsten

Von Josefine Janert

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Lippold Ben Chluchim, jüd. Münzmeister und Berater des Kurfürsten Joachims II. Hektor von Brandenburg; wegen angeblicher Zauberei in Berlin hingerichtet; 1530 Prag - 28.1.1573 Berlin. - Bildnis und Hinrichtung Lippolds. - Kupferstich, zeitgenössisch, Berlin (Offizin Leonhardt Thurneyssers im Grauen Kloster). | (picture alliance / akg-images)
Münzmeister Lippolds Hinrichtung 1573 (picture alliance / akg-images)

Im 16. Jahrhundert entstand das Modell der Hofjuden: Männer aus jüdischen Familien versorgten ihre Herrscher mit Kapital und Luxusgütern. Im Gegenzug führten sie ein privilegiertes Leben. Doch ihre Rechte konnten die Hofjuden jederzeit verlieren.

"Mein Prinz, ich bin ein Jude, das heißt, ein geächteter, geschmäheter und verfolgter Mensch, oder vielmehr kein Mensch, sondern ein Geschöpf, welches man wie einen Hund mit Füßen stößt, wenn es arm und elend ist, welchem man kaum Menschenrechte zugesteht, wenn es Geld und Schätze besitzt."

"Der Kronprinz und der Jude" heißt das Kapitel aus dem Roman "Friedrich der Große und sein Hof". Er spielt Mitte des 18. Jahrhunderts und wird 100 Jahre später veröffentlicht.

Geld und Willkür

Luise Mühlbach, seinerzeit eine beliebte Unterhaltungsschriftstellerin, schildert darin, wie der junge Friedrich seine Macht ausbaut und seine Geschäfte ordnet. Der Kronprinz nimmt dafür die Dienste eines sogenannten Hofjuden in Anspruch. Dieser Mann namens Ephraim hat zwar Einfluss auf Friedrich. Doch als der junge Adlige ihm das geliehene Geld nicht zurückzahlen kann oder will, ist er seiner Willkür ausgeliefert. In Mühlbachs Roman sagt die Ephraim-Figur:

"Schlagen Sie zu, Hoheit. Schlagen Sie zu! sagte Ephraim ganz zerknirscht und verzweiflungsvoll, ich verdiene es, geschlagen zu werden, denn ich war ein Thor und ließ mich blenden von dem Glück, einem so edlen, erhabenen und unglücklichen Prinzen mein Geld borgen zu können."

Hocharbeiten bis an den Hof

Thomas Brechenmacher ist der Mann, der Luise Mühlbachs Roman wieder ausgegraben hat. Er ist Professor für deutsch-jüdische Geschichte an der Uni Potsdam. Zusammen mit seinem Kollegen, dem Potsdamer Judaisten Karl Erich Grözinger, erforscht er das Schicksal der sogenannten Hofjuden in Preußen. Seinerzeit nennt man sie auch Hofjuweliere, Münzjuden oder Hoffaktoren – Männer aus jüdischen Familien, die überall in Mitteleuropa als Finanzberater und Finanzbeschaffer für absolutistische Herrscherfamilien tätig sind. 

Religion / Jüdische Religion. - Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71: Preußische Soldaten jüdischen Glaubens bei einem Feldgottesdienst zum Versöhnungstag Jom Kippur vor Metz am 6. Oktober 1870. - Anonym, nach 1870. Druck auf Tuch, 64,5 x 68 cm. Rastatt, Wehrgeschichtliches Museum. (akg-images)Jom Kippur im Deutsch-Französischen Krieg 1870 / Druck auf Tuch (akg-images)

Thomas Brechenmacher erklärt: "Oftmals ist es so, dass die Karrieren derjenigen jüdischen Familien, die es dann später bis zum – in Anführungszeichen – Hofjuden brachten, auf einem tieferen Level beginnen und die sich dann über Indienststellung für bestimmte Adelsfamilien gewissermaßen hocharbeiten.

Also sie fangen für 'ne kleinere Adelsfamilie zu arbeiten an. Und dort arbeiten sie auf befriedigende Weise, dann werden sie weitervermittelt, und dann entstehen persönliche Bekanntschaften. Meistens ist es auch so, dass diese Bekanntschaften dann bei dem späteren Regenten dann in der Jugend begonnen werden. Das heißt: Die lernen die schon kennen, während sie noch Kronprinzen sind oder irgendwo als Jugendliche im Militärdienst."

Nähe zum Herrscher schafft Feinde

Dieses Modell entsteht im 16. Jahrhundert und erlebt seine erste Blütezeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Mitteleuropa ist zerstört und in viele kleine Fürstentümer aufgesplittert. Die dort herrschenden Adligen haben einen enormen Bedarf an Geld und Wirtschaftsgütern, weil sie ihr Land wiederaufbauen und ihre Macht festigen wollen.

Für die jüdischen Finanzberater ist so ein Job am Hof ein Schleudersitz: Wenn es gut läuft, können sie Geld verdienen, und ihre Familie gewinnt an Einfluss. Gleichzeitig sind sie Intrigen und antijüdischen Ressentiments ausgeliefert. Thomas Brechenmacher:

"Wer hat welche Nähe zum Herrscher? Und wenn so ein Jude den Anschein erweckt, und wenn es vielleicht tatsächlich so ist, dass er 'ne sehr enge Nähe zum Herrscher hat: Das kreiert Feinde, welche, die sich zurückgesetzt fühlen, oder welche, die denken: Eigentlich müsste ich doch den Draht zum Hof haben, warum hat dieser Jude das?"

Paria in der Hofgesellschaft

Auch wenn der Hofjude nicht mehr gebraucht wird oder wenn ein vom Fürst angeordnetes Finanzgeschäft misslingt, können die Vorurteile blitzschnell in Mordlust umschlagen:

"Wenn im Kreis der Untertanen etwas ruchbar wurde, konnte der Herrscher immer leicht sagen: Naja, das ist ja die Idee der Juden gewesen und nicht meine Idee! Also, diese Sündenbock-Funktion war ganz deutlich gegeben. Der Jude, der eigentlich nicht zur Gesellschaft gehört, dringt in die Hofgesellschaft vor durch die Protektion des Fürsten. Er bringt’s zu großem Reichtum.

Er ist aber wirklich nicht Teil der Hofgesellschaft, sondern er wird immer noch eben als der Paria der Gesellschaft angesehen. Und es ist völlig klar: In dem Moment, wo die Protektion wegbricht, versucht man, ihn mit Vorwürfen, mit Anschuldigungen aus dem Weg zu räumen."

Neid und Hass auf Joseph Süß Oppenheimer

Manche Hofjuden müssen mit ihrer Familie das Land verlassen, andere enden in Armut. Schlecht ergeht es ihnen auch, wenn ihr Auftraggeber plötzlich stirbt.

Ein berühmtes Beispiel ist Joseph Süß Oppenheimer, bis 1737 Hoffaktor des Herzogs Karl Alexander von Württemberg. Noch an dessen Todestag beginnt eine Revolte gegen dessen fortschrittliche Wirtschaftspolitik, und Oppenheimer wird unter Hausarrest gestellt. Neid und Hass gipfeln in einem Gerichtsprozess, in dem man Oppenheimer unter anderem Hochverrat, Beraubung staatlicher Kassen und sexuellen Umgang mit Christinnen vorwirft, der ihm laut einem ungeschriebenen Gesetz verboten ist.

Oppenheimer wird gehenkt und sein Leichnam sechs Jahre zur Schau gestellt. Die Nazis verarbeiten seine schaurige Geschichte in dem antisemitischen Film "Jud Süß".

"Verhindern, daß ihre Zahl wächst"

In Preußen siedeln sich trotz harter Restriktionen immer mehr jüdische Familien an. Doch 1752 schreibt König Friedrich der Große in seinem Politischen Testament:

"Wir haben dieses Volk nötig, um bestimmten Handel in Polen zu treiben, aber man muß verhindern, daß ihre Zahl wächst und sie nicht nur auf eine bestimmte Zahl von Familien sondern auf eine bestimmte Zahl von Köpfen festlegen, ihren Handel beschränken und sie hindern, Unternehmungen im großen zu machen, denn sie sollen nur Kleinhändler sein."

Trotzdem gelingt es manchen Hofjuden, ihren Reichtum zu mehren – auch zum Wohle ihrer jüdischen Gemeinden. Zu ihnen gehört der königlich-preußische Hoffaktor Veitel Heine Ephraim, der für seine Familie eine prachtvolle Residenz bauen lässt. Sein Sohn Ephraim Veitel Ephraim gründet 1799 die Ephraim Veitel Stiftung, die wohl älteste jüdische Stiftung in Deutschland. Die Kapitalerträge fließen unter anderem in eine Lehranstalt und die Unterstützung von Armen und Kranken.

Was bleibt, ist das Ressentiment

Im 19. Jahrhundert ist die Zeit der absolutistischen Herrscher vorbei. Das Finanzsystem hat sich verändert. In der bürgerlichen Gesellschaft können einige ehemalige Hofjuden als selbstständige Finanzberater Fuß fassen, etwa die Bankiers Mendelssohn und Eskeles. Viele dieser Familien konvertieren zum Christentum. Was bleibt, sind die Ressentiments gegen Juden, die Friedrich der Große schon 1752 formuliert hatte:

"Die Juden sind von allen diesen Sekten die gefährlichsten, weil sie den Handel mit den Christen schädigen und weil sie für den Staat unbrauchbar sind."

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