"Hoffnungslosigkeit habe ich eigentlich gar nicht erlebt"

Michael Winter im Gespräch mit Stephan Karkowsky |
Der Großteil der Menschen auf Haiti sei noch nicht ausreichend versorgt, sagt der Unfallchirurge Michael Winter, der bis Anfang März für Ärzte ohne Grenzen im Erdbebengebiet geholfen hat.
Der Großteil der Menschen auf Haiti sei noch nicht ausreichend versorgt, sagt der Unfallchirurge Michael Winter, der bis Anfang März für Ärzte ohne Grenzen im Erdbebengebiet geholfen hat.

Stephan Karkowsky: In New York wird ab heute über den Wiederaufbau Haitis geredet und darüber, wie er finanziert werden soll. Geschätzte 11,5 Milliarden Dollar werden dafür benötigt. Das Beben hat mehr als 230.000 Menschen das Leben gekostet, 1,3 Millionen wurden obdachlos, und noch immer leben rund 600.000 auf der Straße. Der Berliner Unfallchirurg Michael Winter hat das Leid der Menschen selbst erlebt. Er war bis Anfang März für Ärzte ohne Grenzen in Haiti. Guten Morgen, Herr Winter!

Michael Winter: Guten Morgen!

Karkowsky: Am 12. Januar war es, da bebte nahe der Hauptstadt Port-au-Prince die Erde, fünf Tage später waren Sie schon da. Was war da Ihr erster Eindruck?

Winter: Ja, der erste Eindruck war, dass die Situation natürlich außerordentlich chaotisch war, also insbesondere von der medizinischen Perspektive aus gesehen. Es gab unglaublich viele Verletzte, also es geht da bis zu Zahlen über 300.000, die am Anfang einfach nicht versorgt werden konnten, weil im Rahmen des Erdbebens auch die gesamten Krankenhäuser, die gesamte medizinische Infrastruktur zusammengebrochen ist.

Karkowsky: Also Menschen, die zum Beispiel länger als fünf Tage einen offenen Bruch hatten?

Winter: Beispielsweise, ja. Und Ärzte ohne Grenzen war ja vor dem Erdbeben schon vor Ort und hat direkt nach dem Erdbeben mit der medizinischen Versorgung angefangen, aber trotzdem war die Menge der Patienten so überwältigend, dass selbst nach fünf Tagen Patienten noch nicht gesehen wurden. Und als ich kam, hatten wir ein Projekt eröffnet, wo die Patienten nach wie vor, weil die Gebäude unsicher waren, noch auf der Straße lagen. Und das war eine Situation, mit der ich auch noch keine Erfahrung hatte.

Karkowsky: Und als Sie dann wieder abfuhren ein paar Wochen später, Anfang März, wie hatte sich die Situation dann verändert?

Winter: Also sie hat sich unglaublich verbessert. Am Anfang, wie gesagt, die Patienten lagen auf der Straße, hatten provisorische Verbände, am Ende hatten wir ein gut funktionierendes Krankenhaus, das aus Zelten aufgebaut war – nicht, weil es nicht noch Gebäude gab, aber die Patienten wollten einfach keine Gebäude betreten.

Karkowsky: Aus Angst vor Nachbeben?

Winter: Angst vor Nachbeben, und Sie müssen sich vorstellen, dass natürlich die Patienten, die wir da betreut haben, waren Unfallpatienten, die durch das Erdbeben auch verletzt waren. Und dass die natürlich nicht wieder in irgendwelche Gebäude gehen wollten, das war nachvollziehbar. Also neben den körperlichen Verletzungen gab es natürlich auch seelische Traumata, und das hatte zur Folge, dass die Patienten auch natürlich nach wie vor Angst hatten.

Karkowsky: Klar. Wie lief denn so Ihr typischer Arbeitstag ab da?

Winter: Ach, im Grunde genommen gar nicht so viel anders als in Deutschland, nur die Arbeitsintensität war höher. Also man fängt morgens erst mal an und macht Visite. Man muss erst mal gucken ...

Karkowsky: Von Zelt zu Zelt?

Winter: Ja. Wie gesagt, am Anfang gab es noch keine Zelte, aber genau, von Zelt zu Zelt, man guckt sich Patienten an, und dann wird entschieden, wer muss operiert werden. Dann gibt es eine sogenannte Triage, das heißt, es wird geguckt, wer hat die Hilfe jetzt am nötigsten.

Karkowsky: Und wenn Sie dann die Patienten wieder entlassen haben, wohin haben Sie denn entlassen, es gab ja keine Häuser mehr?

Winter: Wir haben ziemlich viele Patienten auch erst mal in unserer Einrichtung behalten, weil wir nämlich Schwierigkeiten hatten, sie zu entlassen, wie Sie schon sagen. Wohin soll man sie denn entlassen? Aber natürlich mussten wir auch irgendwann Patienten entlassen, weil sonst der Rahmen gesprengt worden wäre. Und wir haben die Patienten, die dann soweit waren, entlassen zu werden, rechtzeitig informiert und ihnen Zeit gegeben, sich drum zu kümmern.

Karkowsky: Haben die Sie angefleht, dass sie noch ein paar Tage bleiben dürfen, weil da hatten sie ein Dach überm Kopf?

Winter: Angefleht ist vielleicht ein bisschen zu viel, aber natürlich wurden wir auch gefragt, ob sie nicht doch bleiben könnten. Und Sie müssen sich vorstellen, zum Teil haben die Leute ja nicht nur ihre Häuser verloren, sondern auch die gesamte Familie und hatten dann auch keine weitere Unterstützung. Und das war dann manchmal ein bisschen schwierig auch zu vereinbaren. Aber in der Regel ging das ganz gut, und wir haben zum Ende auch den Patienten dann ein kleines Kit gegeben, also ein Set mit verschiedenen Utensilien wie ein Zelt, Kochutensilien, Planen, Decken, damit sie erst mal eine Unterkunft haben.

Karkowsky: Wie haben Sie denn die Menschen überhaupt erlebt, Ihre Patienten? Es wird ja immer viel berichtet auch über diese besondere Mentalität der Haitianer.

Winter: Also ich war außerordentlich überrascht. Ich habe eine unglaubliche Solidarität erlebt und eine gute Zusammenarbeit ...

Karkowsky: Hilfsbereitschaft im Krankenhaus ...

Winter: ... Hilfsbereitschaft der Patienten untereinander. Also es gibt da zum Beispiel die Geschichte: Wie gesagt, Ärzte ohne Grenzen war schon vor dem Erdbeben vor Ort, auch unser Gebäude ist zusammengebrochen, es war auch einer unserer internationalen Mitarbeiter verschüttet unter dem Gebäude. Und am Anfang in dem allgemeinen Chaos war nicht klar, gibt es jetzt Hilfstrupps, die sie rausholen können oder sollte man es selber machen, die Gefahr eines Nachbebens war groß, es könnte weiter einstürzen. Die haitianischen Mitarbeiter haben gesagt: Wir können nicht warten, wir können jetzt die Person da nicht liegen lassen bis morgen und hoffen, dass vielleicht irgendjemand kommt. Die haben sozusagen selber ihr Leben eingesetzt, um die Person rauszuholen, und das hat auch funktioniert. Und das ist ein Beispiel. Aber im Krankenhaus ... Ja?

Karkowsky: Ja, ich wollte nur sagen, also ich wollte einmal noch mal sagen, in New York, das ist der Grund, warum wir hier reden, beginnt heute die Konferenz für den Wiederaufbau des zerstörten Haiti. Wir reden darüber mit dem Berliner Unfallchirurgen Michael Winter. Er war bis Anfang März im Erdbebengebiet für Ärzte ohne Grenzen. Herr Winter, Wiederaufbau, das ist unser Stichwort. Sie haben berichtet davon, dass mit bloßen Händen dort unter den Trümmern womöglich noch Überlebende gesucht wurden und gerettet – was hat sich denn in Sachen Wiederaufbau getan seit dem Beben am 12. Januar?

Winter: Na ja, also es ist die Frage, wie man Wiederaufbau definiert: Wiederaufbau der Gebäude, was ja die meisten wahrscheinlich darunter verstehen, oder Wiederaufbau der gesamten Struktur oder der Infrastruktur. Also wir als medizinische Organisation waren daran beteiligt, die medizinische Infrastruktur wieder aufzubauen, und bis heute haben wir 26 Krankenhäuser aufgebaut, die in erster Linie Zeltkrankenhäuser sind, und haben damit einen Teil dazu beigetragen, wieder die medizinische Infrastruktur aufzubauen. Wenn es jetzt um Gebäude geht, da sind wir noch ganz weit von entfernt. Also im Augenblick ...

Karkowsky: Sieht man nicht in Port-au-Prince an jeder Ecke Maurer stehen, Bautrupps, die halt versuchen, zumindest aus dem Material, was sie noch finden können, wieder Häuser zusammenzuzimmern, Dächer draufzusetzen, damit die Menschen wieder ein Dach überm Kopf haben?

Winter: Also ehrlicherweise muss ich sagen, ich war die größte Zeit im Krankenhaus, ich habe im Prinzip gar nicht so viel gesehen. Wenn wir mal von unserem Krankenhaus zu unserer Base gefahren sind, dann hat man schon Leute gesehen, die zumindest Gebäude, die halb eingestürzt waren, zertrümmert haben, um vielleicht Steine zu gewinnen und so weiter, aber ich habe jetzt noch kein Gebäude gesehen, das wieder neu aufgebaut wurde in der Zeit.

Karkowsky: Wo schlafen denn die noch bis zu 600.000 Obdachlosen derzeit?

Winter: In Behelfscamps, also in sozusagen quasi als Flüchtlingslagern unter, ja, Plastikfolien, Pappkartons und Wellblech im Augenblick.

Karkowsky: Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen für die kommende Regenzeit ausreichend versorgt sind?

Winter: Also ich würde behaupten, dass der Großteil der Menschen nicht versorgt ist. Wir reden ja über 1,3 Millionen Obdachlose, und ja, 60 Prozent davon sollen laut Statistik keine vernünftige Behausung haben. Also ich bin, nein, also ziemlich sicher sind die meisten Leute noch nicht ausreichend versorgt.

Karkowsky: Was ändert sich denn dann für den Einsatz einer Organisation wie Ärzte ohne Grenzen? Also die Unfallhilfe, die Soforthilfe kurz nach dem Beben ist ja was anderes als das, was jetzt geschehen muss.

Winter: Na ja, also man muss unterscheiden. Wir als medizinische Nothilfeorganisation sind erst mal für die medizinische Versorgung zuständig, und natürlich ändert sich damit auch die medizinische Notwendigkeit. Am Anfang gab es Unfälle, jetzt mit der Regenzeit, den Patienten oder den Menschen auf engstem Raum in den Camps, das bedingt dann andere medizinische Probleme. Dann kann es zu Seuchen kommen, also Malaria, Typhus, Denguefieber, Cholera, Masern – das sind alles Sachen, auf die man sich vorbereiten muss. Wir sind natürlich jetzt nicht spezialisiert, um Gebäude zu errichten.

Karkowsky: Und wie ist Ihr Eindruck insgesamt, jetzt nachdem Sie ja nun einige Wochen dort verbracht haben, ist das Hoffnungslosigkeit oder sagen Sie, nein, die schaffen das schon, aber es wird noch, wie lange, zehn Jahre dauern?

Winter: Also Hoffnungslosigkeit habe ich eigentlich gar nicht erlebt, sondern das Gegenteil. Und ich glaube, die Haitianer sind ja nun auch einiges Elend gewöhnt, also durch die Regierung zum Teil, aber auch durch Naturkatastrophen, die es vorher schon immer gab. Und der Fokus liegt ganz eindeutig auf nach vorne gerichtet, auf die Zukunft. Die Leute sind motiviert und arbeiten daran, ihr Land auch wieder aufzubauen. Aber ob das zehn Jahre dauert oder ob das 20 Jahre dauert, das kann, glaube ich, niemand richtig einschätzen.

Karkowsky: Dann bedanke ich mich für dieses Gespräch beim Berliner Unfallchirurgen Michael Winter. Er hat bis Anfang März für Ärzte ohne Grenzen im Erdbebengebiet in Haiti geholfen. Wir haben das geführt anlässlich der Konferenz für den Wiederaufbau des zerstörten Haiti, die heute in New York beginnt.