Hörspielmagazin, vom 27.03.2019

Hörspiele im öffentlichen RaumRadioortung-App für Berlin, Köln und Dresden

Stasi-Geschichte an Originalplätzen oder ortsbezogene Zukunftsvisionen? Mit der Radioortung-App von Deutschlandfunk Kultur erlaufen sich Hörer*innen ihre eigenen Hörspiele im öffentlichen Raum. Ein Kulturtipp für Berlin, Köln und Dresden!

RADIOORTUNG - Hörspiele für Selbstläufer (Sebastian Wagner/Pony Pedro)
In Berlin, Dresden und Köln können sich Hörer*innen mit der RADIOORTUNG App Hörspiele selbst erlaufen. (Sebastian Wagner/Pony Pedro)

Eine Art Geocaching mit kleinen Hörstücken - das ist das Gerüst des Hörspielprojekts "Radioortung" vom Deutschlandfunk Kultur. Ein Gerüst, das an unterschiedlichen Orten von unterschiedlichen Künstlergruppen mit Geschichten gefüllt wird. Die Orte: Dresden, Berlin oder Köln. Via GPS-Ortung schalten sich hier Hörspiele in den öffentlichen Raum ein, erzählen dazu Geschichten, bieten Reisen in die Vergangenheit oder entwerfen Visionen für die Zukunft.

Es liegt an den Hörer*innen, diese an den Orten verborgenen Geschichten zum Leben zu erwecken. Denn bei diesem Radiokunstprojekt handelt es sich um Hörspiele, die sich die Hörer*innen selbst erlaufen. Unterwegs mit dem Smartphone und der Radioortung-App hören sie die Hörspielminiaturen unter freiem Himmel: Ein Stück Berliner Stadtgeschichte rund um den Alexanderplatz, Stasi-Geschichte an Originalorten in Dresden und Berlin oder Kölner Zukunftsvisionen - so wird das Medium Hörspiel mobil und interaktiv.

Hörspiele für Flaneur*innen

Das Hörstück "Verwisch die Spuren!" der Medien- und Performancegruppe LIGNA gibt Hörer*innen die Möglichkeit, sich ein Stück Berliner Stadtgeschichte zu erlaufen: Was soll in Berlin mit dem Gelände zwischen Alexanderplatz und Schlossplatz in Berlin Mitte geschehen? Mit dem abgerissenen Palast der Republik, dem inzwischen halb wieder errichteten Stadtschloss? Wie wird diese Landschaft den Archäologen in 4000 Jahren erscheinen?

"Verwisch die Spuren!" lädt zum Flanieren ein und dazu, den urbanen Raum in mehreren Schichten und in seiner ganzen Vieldeutigkeit zu betrachten: Welche Spuren hinterlässt die Geschichte, welche Spuren hinterlässt eine Gesellschaft und welche Spuren werden verwischt? Welche Spuren hinterlassen wir, wenn wir uns mit Mobiltelefonen durch den Raum bewegen, wenn wir durch unsere Bewegung das Hörspiel in Gang setzen?

Ein begehbares Stasi-Archiv von Rimini Protokoll

Das Autoren-Regie-Kollektiv Rimini Protokoll widmete sich einem anderen Teil der deutschen Geschichte:

Für "50 Aktenkilometer" ziehen Rimini Protokoll Stasi-Akten aus den Archiven in die Gegenwart von Berlin-Mitte. Für das Hörspiel haben Betroffene erstmals Akteneinsicht bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR beantragt.

Mitten in der Lifestyle-Kapitale Berlin stoßen Hörer*innen bei ihrem Radioortungs-Spaziergang auf Observationsberichte, Persönlichkeitsbilder, Operativpläne, Gedächtnisprotokolle und Originaltöne aus den Archiven. Mit dem Blick auf die vertraute Alltäglichkeit der Stadt und den Tönen und Aufzeichnungen von damals im Ohr, stellt sich für Hörer*innen ein seltsames Vexierbild her.

In "10 Aktenkilometer Dresden" erzählen 50 Menschen, wie sie die Überwachung durch die Staatssicherheit erlebten, rekonstruieren die Situation und stellen ihre Geschichte den über 10 Kilometern Stasi-Akten entgegen, die im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde in Dresden lagern sollen. Die Dresdner Innenstadt wird zum hörbaren, subjektiven Archiv und die Hörer*innen sind gefordert, sich Geschichten zu erlaufen und sich selbst zu positionieren.

Akustische Vorwegnahmen zukünftiger Ereignisse

In Köln hat das Regie- und Autorenduo Hofmann&Lindholm die Grenzen der Stadt um ihre potenzielle Zukunft erweitert: Für das "Archiv der zukünftigen Ereignisse" haben Hofmann&Lindholm Institutionen, Kulturschaffende und Privatpersonen gebeten, ihr Wissen um die Zukunft mit ihnen zu teilen und Ereignisse, die noch nicht geschehen sind, aber aller Wahrscheinlichkeit nach eintreten werden, so konkret wie möglich zu beschreiben und vorwegzunehmen.

Die Prognosen und Vorwegnahmen beziehen sich auf kulturelle Veranstaltungen, städtebauliche Maßnahmen, den technischen Fortschritt, politische oder betriebswirtschaftliche Veränderungen oder ganz private Prognosen, die auch den Tod zum Thema haben. Aus diesem Material sind akustische Vorinszenierungen entstanden, die als Pre-Enactment am entsprechenden Ort zu hören sind. Beim Spaziergang durch die Kölner Innenstadt stoßen Hörer*innen auf Spuren, die schon gestern auf heute verwiesen oder die schon heute auf morgen verweisen.


Mehr über das Radiokunst-Projekt "Radioortung":
http://www.dradio-ortung.de/index.html