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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2014

HörspielVon der Zerbrechlichkeit aller Dinge

Gaito Gasdanow: "Das Phantom des Alexander Wolf"

Von Andreas Schäfer

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Der Schauspieler Sebastian Blomberg als Hellmuth von Mücke, aufgenommen am Montag (04.04.2011) in Wuppertal auf einer Pressekonferenz anlässlich der Dreharbeiten zum Kinofilm "Die Männer der Emden". 
Der Schauspieler Sebastian Blomberg spricht den Erzähler im Hörspiel, einen russischen Weißgardisten.

Gaito Gasdanow gilt als der Camus Russlands. Hierzulande wurde er schlagartig bekannt, als 2012 sein Roman "Das Phantom des Alexander Wolf" von 1947 erstmals auf deutsch erschien - eine Kriminal- und Dreiecksgeschichte in einem. Das gleichnamige Hörspiel schafft es, die Gefühle der Figuren lebendig werden zu lassen.

Russischer Bürgerkrieg, Anfang des 20. Jahrhunderts. In der Steppe kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung zweier junger Männer. Schüsse fallen. Der eine Mann glaubt sich getroffen, doch nicht er, sondern sein Pferd stürzt tot zusammen. Er rappelt sich wieder auf.

"Dann sah ich, wie der Reiter die Zügel fahren ließ und das Gewehr zur Schulter hochwarf. (Schuss!) In diesem Augenblick schoss ich."

Er trifft. Der andere fällt zu Boden. Um zu sehen, wen er getötet hat, geht der Ich-Erzähler zu ihm.

"Es war ein Mann von vielleicht 22 Jahren. Sein blonder Kopf lag zur Seite geneigt auf dem staubigen Weg, zwischen seinen Lippen sprudelten rosa Schaumblasen. Er öffnete seine trüben Augen, sagte nichts und schloss sie wieder."

Der Name des Erschossenen: Alexander Wolf.  Der Krieg geht vorüber, aber die Erinnerung an den Moment, in dem er fast gestorben wäre und selbst zum Mörder wurde, lässt den Erzähler nicht los. Der Schusswechsel ist die Urszene in dem Roman "Das Phantom des Alexander Wolf" des russischen Exil-Autoren Gaito Gasdanow. Aus ihr erklärt sich, warum das Leben des Ich-Erzählers, der später als Journalist in Paris lebt, verschattet, warum er sich selbst ein unwirkliches Phantom bleibt.     

"In allen Gefühlen, die ich stets hatte...blieb ein düsterer und leerer Raum."

All die Jahre hatte er... "an einer besonders hartnäckigen Persönlichkeitsspaltung gelitten..., gegen die ich vergeblich anzukämpfen suchte".

Gasdanow schrieb das Buch schon in den Vierziger Jahren, auf Deutsch erschien es mit großem Erfolg erst 2012. Denn Gasdanow kombiniert die Spannung einer Kriminalhandlung mit einer leidenschaftlichen Dreiecksgeschichte und versetzt das Ganze mit Reflektionen über Schuld und Schicksal, Sinn- oder Sinnlosigkeit und Realität und Illusion. Denn – das ist der Clou: Der Erschossene – jener Alexander Wolf – ist nicht tot, sondern hat ebenfalls überlebt, ähnlich gezeichnet wie der Erzähler, nur spiegelverkehrt. Nachdem er dem Tod ins Auge gesehen hatte, ist ihm alles gleichgültig. Alexander Wolf ist das Prinzip Fatalismus schlechthin.

"Endlich keine Tragödien mehr!"

"Vor vielen Jahren bin ich meinem Tod begegnet...Aber es ließ mich entkommen. Er hat mich verfehlt...Jetzt gehe ich langsam in seine Richtung...Jede Liebe ist der Versuch, sein Schicksal aufzuhalten. Es ist die naive Illusion einer kurzen Unsterblichkeit."

Der Anfang des Hörspiel ist noch enttäuschend konventionell. Unterlegt von üblichen Illustrationsgeräuschen liest sich Sebastian Blomberg mit forcierter Verhaltenheit durch die Exposition: Über ein Buch erfährt der Erzähler, dass der für tot Gehaltene lebt. Er macht sich auf die Suche nach ihm, findet aber nicht Wolf, sondern trifft die schöne Jelena.

"Im Licht des Cafés erst bemerkte ich ihre Besonderheit. Sie hatte einen überraschend großen Mund mit vollen begierigen Lippen. Als sie zum ersten Mal lächelte, und dabei ... ihre ebenmäßigen Zähne entblößte, - woher wussten sie dass Johnson gewinnen würde?  – da huschte mit einem Mal ein Ausdruck von Wärme – Intuition - ...über ihr Gesicht..."

Erst mit dem Erscheinen Jelenas, die von Valery Tscheplanowa wunderbar nuanciert, mit anspielungsreicher und nie zu aufdringlicher Sinnlichkeit gesprochen wird, findet das Unheimliche der Geschichte einen adäquaten Ausdruck. Introspektionen vermischen sich mit dialogischer Intimität. Geräuschüberblendungen und der sparsame Einsatz kristalliner Töne entsprechen dem Verfahren, durch schwebendes Umkreisen der Gefühlszustände noch das Pathetischste leicht erscheinen zu lassen. Das Hörspiel fängt sogar mehr noch als das Buch das Magische an Gasdanows Schreiben ein: seine Gabe, die emotionalen Konsequenzen der unerhörten Begebenheit in allen Schattierungen zu erfassen.

"Auch unterschied sie sich von anderen Frauen dadurch, dass sie eine äußerste Anspannung und Herausforderung aller Kräfte erforderte, seelischer wie körperlicher, und dass die Nähe zu ihr, so meine verworrene Empfindung, eine unwiderrufliche zerstörerische Anstrengung verlangte."

"Endlich keine Tragödien mehr!", jubiliert der Erzähler, der sich durch Jelena von seiner Melancholie und seiner Fixierung auf den Tod geheilt sieht. Aber natürlich irrt er. Denn natürlich ist auch Jelena schicksalhaft mit Alexander Wolf verbunden und die Liebe zu ihr nur das Vorspiel zum finalen Showdown mit dem fremden Zwilling.  

"Den Tod bringen oder ihm entgegengehen. Auf keine andere Weise ließ sich die blinde Bewegung aufhalten."

Töten oder Getötet werden? Nein. Im Gerüst dieser unguten Logik erzählt dieses Hörspiel vor allem von menschlicher Unergründlichkeit  - und der "ungewöhnlichen Zerbrechlichkeit aller Dinge".

 

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf
Hörverlag, Februar 2014
1 CD, 14,99 Euro
Sprecher: Sebastian Blomberg, Helmut Krauss, Gerd Wameling, Valery Tscheplanowa und Wolfgang Michael

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