Hörspielmagazin, vom 05.03.2019

Hörspiel "Heterotopia"Wie verborgene Gedanken hörbar werden

Von Luise Voigt

Die Stimmen erzählen intim und voller Überraschungen. Aber wer spricht da eigentlich? Und was ist der Anlass? "Heterotopia"-Autorin Luise Voigt mit einem Essay über ihr radio-künstlerisches Konzept und einen fragwürdigen Identitätsbegriff.

Luise Voigt (Björn SC Deigner)
Luise Voigt (Björn SC Deigner)

Seit meinem ersten Hörspiel "Weltall Erde Mensch" (2005) interessiert es mich, in meinen Arbeiten reale Personen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen aus unterschiedlichen Gründen in der medialen Öffentlichkeit unterrepräsentiert sind oder deren Äußerungen streitbar oder grenzüberschreitend sind.

Die Grundlage dieser Hörspiele sind Aufnahmen von Interviews, die ich mit Personen führe, denen ich im Voraus Anonymität garantiere. Ich sage: "Ihr könnt alles sagen, was ihr wollt, niemand kann euch zurückverfolgen."

Die Stimmen verfolgen keinen Zweck

Man könnte erwarten, dass nun alle Kellertüren aufgehen, die tiefsten menschlichen Abgründe, die unmöglichsten politischen Ansichten zu Tage träten. Aber es entsteht etwas viel Interessanteres und in der medialen Öffentlichkeit viel Selteneres: Diese Stimmen sind nicht strategisch, nicht verstellt, nicht aufgeregt und sie verfolgen keinen Zweck.

Ich vermeide hier bewusst das Wort "authentisch", ich halte "Authentizität" für eine in die Irre führende Gedankenkonstruktion, die uns sehr wenig über uns und unsere Mitmenschen zu sagen hat. "Authentizität" macht, vereinfacht formuliert, einen Gegensatz zwischen Spiel und Echtheit auf, wobei eben das als authentisch wahrgenommen wird, was nicht gespielt ist.

Was ich unter anderem in meinen Interviews gelernt habe, ist, dass sich eine Person, drei Stunden befragt zu einem Thema, mindestens einmal vollständig im Kreise dreht, sich selbst also in aller Pracht mathematischer Vollkommenheit so sehr selbst widerspricht, dass man alles bisher Gesagte als aufgehoben gelten lassen könnte – zumindest, wenn man sich in der Logik von "meine Meinung", "meine Position", "mein Spezialgebiet" bewegt.

Vorstellungen - "bewusstlos tradiert" 

Es ist aber nicht so, dass die Befragten nicht meinten, was sie sagten, als sie sich im Kreise drehten, es macht vielmehr den Spielcharakter unseres Denkens (unseres Daseins) deutlich. Ich meine damit nicht jene Art von Spiel, bei der man eine Strategie verfolgt, um einen Gegner zu besiegen, sondern ein freies Spiel, ein tänzelndes, tastendes Sich-in-Bewegung-setzen-lassen von den eigenen Assoziationen, ein Perpetuum mobile.

Ich suche in meiner Arbeit immer nach dem, was wir bewusstlos tradiert haben, versuche fragwürdigen Verhaftungen auf die Spur kommen, zum Beispiel der tief in uns verankerten Vorstellung einer in sich gefestigten Position als Identitätskriterium. In sich schlüssige Weltbilder lassen sich in Serie drucken, es ist problemlos, sich ein passendes auszuwählen und anzuziehen. Überzeugungen, vielleicht mit der allerbesten Absicht, die Welt besser zu machen, gefunden und formuliert, führen oftmals nur die Menschen zusammen, die dieselben Überzeugungen teilen und von da an lässt sich ein bequemes und selbstgerechtes Leben führen, in dem die Anderen eben "die Anderen" sind und bleiben.

Dem gegenüber steht jenes flexible, liquide Individuum, das sich unsere freien Märkte wünschen und dem ein fehlendes Rückgrat Erfolg garantiert, weil es "für alles offen ist". Auch eine Idee, die wir längst in unser Leben und die unschuldigsten Alltagshandlungen integriert haben; ohne Bewusstsein dafür, dass es sich dabei eben nur um eine Idee handelt, um eine Spielverabredung, die wir jederzeit anders setzen können.

"Authentizität" als Propaganda 

Diese Spielverabredungen um uns herum als das, was sie sind, wahrzunehmen, versetzt uns nämlich in die Lage, zu entscheiden, ob wir genauso weiter spielen oder lieber ein neues Spiel mit anderen Verabredungen beginnen wollen. Das bedeutet nicht, dass Gesagtes und Getanes weniger "echt" ist. Die Konsequenzen bleiben dieselben.

Aber entgegen der Propaganda von "Authentizität" kann das Leben als Spiel helfen, über den Tellerrand unserer eigenen Befindlichkeiten hinaus, auf unsere Umgebung zu blicken und die Mitspieler darin zu entdecken, einen gemeinsam geteilten Raum mit gemeinsamen Spielregeln, in dem es erlaubt ist, umzugestalten. 

Nachdem ich die Interviews geführt habe, lasse ich das Material von Schauspielerinnen und Schauspielern im Studio reenacten. Wir behandeln das Material wie eine musikalische Partitur. Jedes Atmen, jeder grammatische Fehler, die Wortmelodie, der Sprechrhythmus, alles versuchen wir so genau wie möglich zu erfassen. Eine ungeheure Arbeit, die man später, wenn wir es gut gemacht haben, nicht mehr hört. Wenn die Stimme am Ende klingt, als würde jemand bei einem Glas Wein so daherreden, werden viel Handwerk, Intuition und Konzentration eingeflossen sein.

Im Spiel bleiben die Regeln verhandelbar

Das Schauspiel ist jenes "unauthentische" Handwerk, das uns am nächsten ist. Wenn Schauspieler sprechen, ist das eine Tat, die Konsequenzen hat. In, für uns, vermeintlich konsequenzlosen Räumen spielen sie das, was wir spielen, nur besser und konsequenter.

Es existieren philosophische Ansichten, nach denen wir in einer Simulation leben, eine Simulation sind. Eine verheißungsvolle und richtige Idee, die uns in die Lage versetzt, die Spielregeln selbst in die Hand zu nehmen, kurz: zu handeln. Das Gegenteil davon ist "Authentizität", sowie alles was sich als "echt", "wahr", - und am allerschlimmsten - "natürlich" bezeichnet und uns damit jeder Möglichkeit eines Einwands, einer Neuverhandlung, beraubt.