Hörspielmagazin, vom 31.10.2018

Hörspiel-Debüt der Lyrikerin Frieda Paris"Ich habe einen Hörspiel-Ruhepuls, der flattert"

Frieda Paris im Gespräch mit Lene Albrecht

Auf den Spuren ihrer Heroinnen wanderte die Lyrikerin Frieda Paris durch Rom, hörte auf zu schlafen und notierte ihre Eindrücke auf Zettel. Zwei Jahre später finden sie sich in ihrem Hörspiel-Debüt "Ruhepuls, Rom", das nun erstmals gesendet wird – ebenso wie Auszüge aus der Doktorarbeit ihrer Mutter.

Frieda Paris sitzt auf einem Stuhl in einem Gartencafé, hat eine dunkle Mütze auf und einen weißen Mantel an (Annabelle-Theresa Kuhm )
Lyrikerin und Autorin Frieda Paris (Annabelle-Theresa Kuhm )

Lene Albrecht: Frieda Paris, Sie sind 1986 in Ulm geboren, haben u.a. in Paris studiert und wohnen jetzt in Wien. Wie geht denn Ihre persönliche Geschichte mit der Stadt Rom?

Frieda Paris: Die Geschichte beginnt mit Geschichten, die in Rom spielen, wie etwa "Was ich in Rom sah und hörte" von Ingeborg Bachmann. Vor zwei Jahren bin ich das erste Mal nach Rom, um herauszufinden, warum die Stadt so eine Faszination auf Schreibende ausübt. Dort habe ich aufgehört zu schlafen. Als ich zurückkam, war ich völlig fertig. Aus den mitgebrachten Notizen und dieser körperlichen Erfahrung entstand dann ‚Ruhepuls, Rom’.

Lene Albrecht: Im Hörspiel heißt es "Die Stadt ist voller Schlüssel." Für mich ist die Stadt beim Hören zum heimlichen Star geworden, vielleicht, weil sie ein Stück weit darauf beharrt, sich selbst zu erzählen. Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie erstmals die akustische Umsetzung der Regisseurin Anouschka Trocker gehört haben?

Frieda Paris: Ich lag auf dem Sofa, nach dem Hören war ich ziemlich fertig, eine ähnlich körperliche Erfahrung. Ich habe die Stadt gespürt. Besonders an einer Stelle, wenn es heißt "Ich sehe den Rücken der Stadt." und dann nimmt sich Anouschka so viel Zeit für dieses laute Rom, das eben nicht poetisch aufgeladen ist.

Lene Albrecht: Das Stück hat eine sehr eigenwillige Logik. Wir springen in Zeit und Raum, bewegen uns durch ein poetisches Koordinatensystem. Warum brauchte es diese Form – Sie hätten den Stoff ja auch linear erzählen können?

Frieda Paris: Das konnte ich noch nie. Ich bin Lyrikerin. Und das Hörstück ist ähnlich entstanden, wie ich Gedichte schreibe. Es beginnt mit einer Notiz, die taucht viel später in einer Manteltasche wieder auf. Dann lese ich sie und versetze sie in einen anderen Raum oder eine andere Zeit. Linearität interessiert mich nicht. Es gab bei dem Stück keinen Anfang und kein Ende und so bin ich dann auch mit dem Stoff zur Dramaturgin Stefanie Hoster gegangen. Dass sie gesagt hat, das machen wir, ohne wirklich zu wissen, wie es endet, war ziemlich großartig.

Lene Albrecht: Ziemlich großartig fand ich, dass an einer Stelle die Figuren selbst verloren gehen. Als die Protagonistin den Überblick verliert, ist es Padre Squirrel, der mit ihr die Ordnung wiederherstellt.

Frieda Paris: Die Frage ist, ob es Padre Squirrel wirklich gibt; oder ob die Protagonistin alle Figuren schreibt. Es ist auch ein Stück, das vom Schreiben spricht.

Lene Albrecht: "Wer gestern mein Kuss war, ist heute eine Zeile", heißt es. Darf man sich denn schreibend Welt aneignen, darf man sich für das Schreiben Beziehungen aneignen? Menschen?

Frieda Paris: Die Antwort ist ein großes Wort: Verantwortung. Mich reizt das Spiel mit Realität und Fiktion. Auch das Spiel mit der Realität, die durch Fiktion entsteht. Das muss ich als Autorin entscheiden, diese Entscheidung muss ich aber auch tragen. Wenn jemand danach fragt, ob das biografisch ist, kann ich sagen ja und nein. Es ist die Summe vieler Teile und Teilnehmenden. Ich esse gerne Chips, das ist biografisch. Für mich liegt es aber immer an der Sprache, die das Abheben in die Fiktion schaff.

Lene Albrecht: In diese sehr poetische Sprache bricht immer wieder die Sprache der Mutter mit ihrer Promotion, die sehr formal ist. Was hat es damit auf sich gehabt?

Frieda Paris: Es ist tatsächlich die Doktorarbeit meiner Mutter, die ich im letzten Jahr in die Hand bekommen habe, weil ich danach gefragt habe. Ich war fasziniert von diesem Titel. Ich bin 32 und hatte die Doktorarbeit meiner Mutter noch nicht gelesen.

Lene Albrecht: Zumal eine mit diesem Titel...

Frieda Paris: An einer Stelle wird beschrieben, dass man abgeschlagene Trinkgläser als Mordinstrument verwenden kann. Die Formulierung fand ich drastisch, aber auch poetisch. Ich dachte anfangs, das ist dann einfach eine Stimme im Studio, aber Anouschka, die Regisseurin, und Stefanie Hoster, haben mir klargemacht, dass diese Stimme eine Berechtigung hat und zur Erzählung gehört. Es ist die Stimme der Doktorarbeit, Schrägstrich, der Mutter, die sich dann auch ein bisschen als Regulativ dazu schaltet.  

Lene Albrecht: Und es gibt ein großes Spiel mit der Erwartung. Man wartet auf ein richtig blutiges Ende – was dann aber nicht kommt.

Frieda Paris: Am Ende geht sie auf ihren Schuhen ihres Weges – und gibt die Schuhe zurück.

Lene Albrecht: Als die Frage auftaucht, warum die Arbeit eingesteckt wurde, taucht dieser sehr schöne Satz auf: "Aus Angst vor einem..."

Frieda Paris: "...unbedeutenden Ende." Da kommt natürlich die flatternde Autorin in mir durch, die sich überlegt, muss es denn dieses Show-Down geben? So habe ich mich eingeschrieben, also ist der Text auch immer Notizbuch meinerseits. Vielleicht ist das problematisch, vielleicht auch nicht mehr, weil das einfach die Art ist, wie ich wahrnehme.

Lene Albrecht: Oder man denkt schon schreibend, so taucht es ja auch auf im Stück auf. Es gibt keine Denkstimme mehr, sondern nur noch die Schreibstimme.

Frieda Paris: Das ist auch eine Art, wie man das Stück hören kann. Vielleicht spielt alles nur in einem Zimmer mit Bett und Tisch, und es wird einfach nur geschrieben. Und es ist vielleicht nicht alles passiert, aber wir hören alles, was passiert sein kann.

Lene Albrecht: Ist ein nächster Besuch in Rom geplant, jetzt, wo das Hörspiel fertig ist?

Frieda Paris: Tatsächlich bin ich in der ersten Novemberwoche für sechs Tage in Rom. Ich werde mich darüber freuen, dass das Hörspiel bereits abgeschrieben ist. Ich kann mich in meine Bar setzen. Ich kann spazieren und vielleicht nach Ostia fahren, und werde dort Notizen machen. Mal sehen, wo diese Notizen dann landen. Irgendwann.

Lene Albrecht: Vielleicht in einem neuen Hörspiel.

Frieda Paris: Ich habe auf jeden Fall einen Hörspiel-Ruhepuls, der flattert.

Frieda Paris, geboren 1986 in Ulm, lebt in Wien. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Paris und Studium der Sprachkunst in Wien. 2016 START-Stipendiatin des Bundeskanzleramtes Wien. Schreibt Lyrik, veröffentlicht im Online- und Printjournalismus. Zuletzt: ‚Tracing Pjotr Zak’ (EURORADIO/Ars Acustica Group 2017).