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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.11.2013

HörbuchMehr als eine Jungsgeschichte über Freundschaft

Nickolas Butler: "Shotgun Lovesongs"

Besprochen von Vanja Budde

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Ein Rodeo-Reiter fällt von seinem Pferd. (picture alliance / dpa / Alexander Shemetov/RIA Novosti)
Gefährliche Sportart: Ein Rodeo-Reiter fällt von seinem Pferd. (picture alliance / dpa / Alexander Shemetov/RIA Novosti)

Freundschaft und die Sehnsucht nach Heimat: Das sind die beiden zentralen Themen, um die das Hörbuch "Shotgun Lovesongs" kreist. Es beruht auf dem erfolgreichen Debüt des US-Autors Nickolas Butler. Dessen gleichnamiger Roman erzählt die Geschichte von vier Freunden, die sich seit der Kindheit kennen.

"Vor 13, 14 Jahren kletterten wir immer mit einem Rucksack voll geklautem Bier dort hoch, vielleicht auch noch mit zwei oder drei Joints. Damals war die Futtermittelmühle schon nicht mehr in Betrieb und bereits verfallen. Unten lag Little Wing, unsere Stadt, ein Ort, in dem es nicht viel zu sehen gab und der immer weiter vor sich hin schrumpfte. Es gab nicht einmal eine Ampelanlage, die in den Nachthimmel hätte blinken können. Und wir machten uns alle regelmäßig über die Stadt lustig, sprachen davon, weg zu gehen, irgendwohin, egal, wohin. Hauptsache, wir blieben nicht hier."

Und drei von ihnen gehen auch weg: Kip als Broker an die Börse von Chicago, Lee wird als Rockmusiker berühmt und tourt um die Welt, Ronny ist als Rodeo-Reiter unterwegs. Nur Henry bleibt in Little Wing, Wisconsin, im Mittleren Westen der USA. Er übernimmt die Farm seines Vaters und heiratet seine Jugendliebe Beth.

Beth: "Ich bin nicht eifersüchtig. Aber zu Beginn unserer Ehe, da kam es mir so vor, als verbinde ihn mit diesen anderen Jungs eine Vertrautheit, um die ich ihn beneidete. Und ich wollte diese Vertrautheit auch: Diese Gabe, gemeinsam durch die Gegend zu ziehen, nebeneinander her zu laufen, ohne jemals ein Wort zu sagen. Diese Art von Stille."

Auch das Hörbuch "Shotgun Lovesongs" wird nur selten laut. Gemächlich rollt die Handlung über die sanften Hügel der Prärie heran, die Little Wing umgibt. Jede der fünf Figuren hat ihre eigene Stimme, ihren individuellen Blick auf die Geschehnisse, die sich langsam zuspitzen:

Ronny fängt das Saufen an und hat einen schweren Unfall. Kip kauft die alte Futtermühle in der sterbenden Kleinstadt Little Wing und ruiniert sich fast damit. Und auch Lee, den umschwärmten, von Paparazzi verfolgten Star, zieht es nach dem Scheitern seiner Ehe mit einer mondänen Schauspielerin in seine ländliche Heimat zurück.

Gleitet nicht in den Kitsch ab

Henry: "‘Ich möchte hierher zurück kommen und hier leben und einfach nur ich selbst sein können. Mit euch. Ich wünschte, ich hätte euer Leben, sagte er schließlich. Wisst ihr, was ich meine‘? Ich küsste Beths Hand, nahm sie dann in meine und sah ihr in die Augen. Sie lächelte mich an, wurde rot und senkte schließlich den Blick."

In "Shotgun Lovesongs" wird durchaus auch mal geschossen und Blut fließt. Die eigentlichen Dramen spielen sich aber in den Beziehungen der Figuren zueinander ab, erzählt in geschickt montierten Rückblenden: New York und Chicago treten nur als laute, hektische Gegenpole zum heimatlichen Little Wing auf. Eine Idylle, trotz der finanziellen Sorgen der Farmer, wo jeder jeden kennt und die Kinder Ronny nicht hänseln, sondern Rücksicht nehmen.

In den Kitsch gleitet "Shotgun Lovesongs" aber nicht ab, dafür sorgt der lakonische Ton des Autors. Nickolas Butler ist übrigens selbst in der Kleinstadt Eau Clair in Wisconsin aufgewachsen.

Ronny: "An dem Freitagnachmittag vor der Hochzeit fuhr Lee mit mir nach Eau Clair, zu dem Männerbekleidungsgeschäft in dem kleinen Einkaufszentrum am Hastings Way. Wir aßen zusammen zu Mittag, in Lees Lieblingsrestaurant, dem ‚Chicken Unlimited‘, das direkt um die Ecke lag. Das war der letzte Laden, den es noch an der alten Landstraße gab. Wir saßen auf roten Barhockern und aßen Pommes und Hähnchenburger – und Quarkbällchen."

Eine einfühlsam erzählte Geschichte

Ronny ist nicht der schnellste Denker, aber sehr sensibel, wenn es um seine Freunde geht. Er spürt, dass zwischen Henry und Lee etwas nicht mehr stimmt.

Lee: "Es könnte sein, dass ich in Beth verliebt bin. Henry schwieg. Ich wartete darauf, dass er etwas sagte. Aber das tat er nicht."

Beth: "Er sah mich an, als sei ich eine Fremde. ‚Diese ganzen Jahre‘, sagte er, ‚hattet ihr beide dieses Geheimnis. All diese Abende, wenn er uns besuchen kam, mein Freund.‘ Henry, Henry, es tut mir so leid, Baby. ‚Du hast ihn gevögelt!‘ sagte er. ‚Mehr gibt es nicht zu sagen.‘"

Karoline Schuch als Beth sorgt mit ihrer warmen, erdigen Stimme und viel Präsenz dafür, dass "Shotgun Lovesongs"“ kein reines Jungs-Hörbuch ist. Sondern eine einfühlsam erzählte Geschichte von Freundschaft, Liebe, Heimat und Gemeinschaft. In unserer kalten, globalisierten Welt hat vielleicht gerade das diesem Roman so großen Erfolg beschert.

In dem Hörbuch kann man nun versinken, wie in einem warmen Schaumbad an einem gemütlichen Abend.

Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs
Gekürzte Lesung. Mit Karoline Schuch, Fabian Busch, Andreas Döhler, Florian Lukas, Barnaby Metschurat
Hörbuch Hamburg, Hamburg 2013
6 CDs, 400 Minuten, 19,99 Euro 

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11.10.2013 | KRITIK

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