Hölle aus Eis

04.03.2011
In "Erzählungen aus Kolyma" beschreibt Warlam Schalamov Alltag und Überleben in Stalins Gulags: Drastisch und unerbittlich - auch für den Leser. Das Hörbuch "Durch den Schnee" präsentiert nun eine Auswahl - gelesen von Hanns Zischler.
"Was ich im Lager gesehen und erkannt habe: 1.Die Fragilität der menschlichen Kultur und Zivilisation. Der Mensch wurde innerhalb von drei Wochen zur Bestie – unter Schwerarbeit, Kälte, Hunger und Schlägen."

17 Jahre Lagerhaft hat Warlam Schalamov überlebt, als er Mitte der 50er Jahre beginnt, seine Erfahrungen niederzuschreiben. Damit kehrt er zurück in die Hölle, der er nur durch eine Ansammlung von "Zufällen" entkommen ist. Die Hölle trug viele Namen: weite Teile Sibiriens gehörten zu Stalins System der Vernichtung durch Arbeit, durch Hunger und Kälte. Der "Gulag" kannte in seiner Hierarchie einen extremen Pol der Grausamkeit : das war "Kolyma", am gleichnamigen Fluß im äußersten Nordosten Russlands.

"Ein Thermometer bekamen die Arbeiter nicht zu sehen, und das war auch nicht nötig, zur Arbeit ausrücken mussten sie bei jeder Temperatur. Außerdem konnten Alteingesessene den Frost auch ohne Thermometer fast exakt bestimmen: wenn Frostnebel herrscht, dann sind es draußen minus 40 Grad. Wenn die Luft beim Atmen mit Geräusch ausfährt, doch das Atmen noch nicht schwer wird, sind es 45; wenn das Atmen ein Geräusch macht und Kurzatmigkeit dazu kommt, sind es 50 Grad. Bei über 50 Grad – gefriert die Spucke in der Luft."

Hanns Zischler liest ernst, sehr verhalten – und das ist die große Stärke seiner Rezitation: der Inhalt dieser Prosa bedarf keiner weiteren Steigerung durch betonte Emotionen. Tod und Erniedrigung sind allgegenwärtig, die Menschen erfrieren, verhungern, werden erschossen. In Schalamovs Erzählung "Zimmerleute" steht der 30-jährige Häftling Potaschnikov kurz vor dem tödlichen Kollaps. Er phantasiert von warmem Essen oder davon, sich während der Arbeit einfach auf die gefrorenen Steine zu legen und zu sterben. Ein letzter Funke Überlebenswillen keimt in ihm auf, als zwei Zimmerleute benötigt werden. Potaschnikov, Angehöriger der "Intelligenzia", gibt vor, Handwerker zu sein, um wenigstens kurze Zeit in die Wärme einer Tischlerei zu gelangen. Bis heraus kommt, dass er keinen Axtstiel herstellen kann, vergehen ein bis zwei Tage. Und das genügt. Der Überlebensinstinkt des Häftlings reicht nicht weiter als bis zum nächsten Tag.

"Der Frost, der selbe, der die Spucke einfrieren lässt, ergriff auch die menschliche Seele. Im Frost konnte man an nichts denken. Alles war einfach. Bei Kälte und Hunger war das Hirn schlecht versorgt, die Hirnzellen trockneten ein. Genau so die Seele – sie war eingefroren, eingeschrumpft und bleibt vielleicht für immer kalt. All diese Gedanken hatte Potaschnikov früher – jetzt war nichts geblieben, als der Wunsch, den Frost lebendig durchzustehen, zu überstehen."

1929 wurde Warlam Schalamov, 22 Jahre alt, erstmals verhaftet - wegen der illegalen Verbreitung von Lenins berühmtem Brief, dem sogenannten "Testament". Der Jura-Student Schalamov war aktiver Teilnehmer der politischen Opposition, hatte aber auch Kontakte zu literarischen Kreisen geknüpft. Nach drei Jahren Haft im Nordural kehrte er nach Moskau zurück, arbeitete als Journalist und Schriftsteller. 1937 kam die erneute Verhaftung, diesmal wegen "konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit". Es folgten 17 Jahre sogenanntes "Arbeitsbesserungslager" in der Kolyma. In seinem eingangs erwähnten Text "Was ich im Lager gesehen und erkannt habe" von 1961 betont Schalamov, dass sein Schicksal keine Ausnahme war, sondern eines von Millionen.
"Die Repressionen betrafen nicht nur die oberen, sondern alle Schichten der Gesellschaft – in jedem Dorf, in jeder Fabrik, in jeder Familie gab es entweder Verwandte oder Bekannte, die Repressalien ausgesetzt waren."

Schalamov stellt mit seinen Erzählungen eine auch heute noch aktuelle Kernfrage - wie ist die systematische Vernichtung des Menschen durch den Staat möglich in einer Welt, die Literatur und Musik und Kunst hervorgebracht hat? Und welche Spuren hinterlässt dies in der Psyche einer Nation? Wer einmal im Lager war, so Schalamov, der kann ihm auch später in Freiheit nicht wirklich entrinnen. Schalamovs eigenes Leben belegt dies auf bittere Weise – er starb 1982 in einer psychiatrischen Klinik in Moskau. Am Ende dieses zutiefst aufwühlenden Hörbuchs hält man noch einmal den Atem an: Schalamov rezitiert zwei seiner Gedichte aus den Kolymaer Heften. Eines davon heißt: "Ich bin ein Bettler " - "Ja Nischijj"

Besprochen von Olga Hochweis

Warlam Schalamov: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Der Hörverlag 2010,
2 CDs, 154 Minuten, 19,95 Euro