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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.12.2012

Hochseetüchtiges Kabarett

Das Hamburger Theaterschiff "Seemöve"

Von Axel Schröder

Hält Kurs: Das Theaterschiff  "Das Schiff" am Nikolaifleet in Hamburs (picture alliance / dpa / Patrick Lux)
Hält Kurs: Das Theaterschiff "Das Schiff" am Nikolaifleet in Hamburs (picture alliance / dpa / Patrick Lux)

Seit Mitte der 70er-Jahre wird auf der "Seemöve" nicht mehr Getreide über den Rhein geschippert, sondern literarisches und musikalisches Kabarett gemacht. Seitdem liegt das Theaterschiff vor der Hamburger Speicherstadt. Wirtschaftlich war das Fahrwasser schon mal ruhiger.

Nur zwei von 70 Plätzen sind leer auf dem Theaterschiff "Seemöve". Unter Deck, an Backbord – also: links – ist die kleine Bühne untergebracht. Ein niedriges Podest, auf dem drei Männer mit rotweißen Zipfelmützen offenbar den Geschmack des Publikums treffen. Gegeben wird das "Weihnachtsbaumkomplott". Eine Mischung aus Kabarett-Klassikern der 20er- und 30er-Jahre, selbst- und umgeschriebenen Nummern.

1912 lief die "Seemöve" vom Stapel. Länge: 34 Meter 50. Das einzige hochseetüchtige Theaterschiff Europas, heißt es im Theaterprospekt. Dort, wo früher Getreide meterhoch im Lagerraum stand, stehen heute die Stuhlreihen, eng an eng, fast stoßen die Fußspitzen an die Bühnenkante. Ganz hinten ist eine kleine Bar eingebaut. In der Pause steigt Michael Frowin von der Bühne. Der Schauspieler, Sänger und künstlerische Leiter der "Seemöve" erklärt den Charme des Schiffs:

"Ich finde einmal, dass man aus jeder Pore merkt, dass man auf einem Schiff ist. Auch im Gegensatz zu vielen anderen Theaterschiffen, die es ja in Deutschland gibt, die alle eine eigene und tolle Atmosphäre haben, aber oft wirklich nur noch irgendwo liegen. Und dadurch, dass unser Schiff noch ein fahrendes Schiff ist, wir fahren ja tatsächlich mit dem Schiff auch raus. Also, es hat noch den Charme eines alten Schiffs. Und diese unmittelbare Nähe zum Publikum, diese sehr intime Atmosphäre, die sich hier ergibt beim Spielen, die ist, glaube ich, schon ziemlich einmalig. Zumindest sehr besonders."

Neben Michael Frowin sitzt Heiko Schlesselmann. Gemeinsam mit seinem Vater Gerd führt er die Geschäfte des Theaters. Die Idee, das Anfang der 70er-Jahre ausgemusterte Schiff umzubauen und als Bühne zu nutzen, hatten der Hamburger Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und Autor Eberhardt Möbius und seine Frau Christa. Heute wachen Vater und Sohn - bei allen Freiheiten des künstlerischen Leiters – über die Ausrichtung des Programms.

Heiko Schlesselmann:"Es gibt eine grobe Linie. Das ist das musikalisch, literarische Kabarett. Das heißt, bei uns soll es eigentlich nicht so trockene Lesungen oder szenische Darstellungen von Literaten geben, sondern es soll immer Musik, Klavier, Gesang dabei sein. Wo auch Texte von den verschiedenen Literaten gesungen werden. Auch, wenn sie vorher nicht gesungen worden sind. Und die generelle Linie geben unser künstlerischer Leiter Michael Frowin und der musikalische Leiter Jochen Kilian vor, weil die sagen: 'Komm, lass uns doch mal was in die Richtung machen', und dann suchen wir uns einen Regisseur, eine Regisseurin, und dann wird am Buch gearbeitet, und dann überlegen wir uns was, und so entsteht dann ein Abend."

Dabei sei es zurzeit vor allem wichtig, wieder mehr Publikum anzulocken. Eine Auslastung von über 90 Prozent ist Vergangenheit, heute sind es – mit Ausnahme des populären Weihnachtsprogramms – knapp 70 Prozent. Das Durchschnittsalter liegt – geschätzt – bei weit über 60 Jahren. Aber erstens, so Schlesselmann, sei ein älteres Publikum an sich ja kein Problem und zweitens sei man schon dabei, auch jüngere Generationen zu gewinnen:

"Also, man merkt, dass die jungen Leute schon wieder mehr Interesse entwickeln, literarisches und musikalisches Kabarett zu erleben. Ob das jetzt die Texte sind von Georg Kreisler, von Erich Kästner, von Tucholsky. Man merkt, dass die Leute wieder Lust haben, sich damit zu beschäftigen und in ein Theater zu gehen, was das auch in sehr hochwertiger Art auf die Bühne bringt. Aber das ist ein langer Weg. In Hamburg gibt es unglaublich viele gute Theater, auch für junge Leute. Und da muss man versuchen, da jetzt den Stamm aufzubauen, der dann auch 15 Jahre lang treu bleiben wird."

Damit das gelingt, tritt auf dem hundertjährigen Schiff ein zwölfköpfiges, sehr junges und prominentes Ensemble an: Anna Schäfer, mittlerweile fernsehbekannte Kabarettistin, singt und tanzt auf der "Seemöve", die Schauspielerin Julia Schmidt präsentiert die skurrilen Weisheiten von Wilhelm Busch, Nadja Eustermann die scharfen Analysen von Kurt Tucholsky. Wie aktuell die Chansons und Gassenhauer aus den 20er- und 30er-Jahren sind, zeigt der künstlerische Leiter Michael Frowin nach der Pause. Im Roaring Twenties-Kleid schmettert er einen alten Claire Waldoff-Hit. 80 Jahre alt und – angesichts der großen Beliebtheit von Schönheitsoperationen - immer noch aktuell:

"Ick lass mir doch die Neese nicht verpatzen, wegen Emil seine unanständje Lust! Ick lass mir doch dit Fett nicht aus die Oberschenkel kratzen, wegen Emil seine unanständje Lust!"

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