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Studio 9 | Beitrag vom 21.06.2016

HochschulenBrexit würde akademischen Austausch erschweren

Von Peter Sawicki

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Aufnahme vom 24.04.2005 (picture alliance / dpa / Chris Radburn)
Für Nicht-Briten bald nicht mehr erreichbar? Blick auf die Universität Cambridge (picture alliance / dpa / Chris Radburn)

Kommt es tatsächlich zu einem Brexit, würde das die Studienmöglichkeiten von Nicht-Briten auf der Insel stark einschränken. Der DAAD glaubt sogar, dass damit das Erasmus-Austauschprogramm in Großbritannien zu Erliegen käme.

Wenn man Rabea Ullah auf das britische Referendum über den Verbleib in der EU anspricht, blickt man in ein besorgtes Gesicht. Stimmen die Briten in dieser Woche tatsächlich für "Out", wäre auch das Weltbild der Studentin vom Großbritannien-Zentrum der HU Berlin nachhaltig erschüttert.

"Ich kenne das nicht anders, dass Großbritannien in der EU ist. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, dass sie sich vielleicht dazu entscheiden, nicht mehr in der EU zu sein."

Rabea Ullah ist ein Großbritannien-Fan. In Berlin vertieft sie im Master-Studiengang "British Studies" ihre Kenntnisse des Landes, schon als Bachelor-Studentin hatte sie ein Jahr an der University of Kent in Canterbury verbracht. Am Lehralltag dort schätzt sie die intensivere Betreuung.

"Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass einfach wie gelehrt wird in Großbritannien, ist ganz anders als bei uns gelehrt wurde. Und das ist eben auch interessant zu sehen. Okay, da hat man kleinere Seminare, da wird mehr auf eine einzelne Person eingegangen als in Deutschland, wo wir zum Beispiel 40 Leute im Seminar hatten und dort nur 15."

Neben den kleinen Seminargrößen macht auch das Renommee britischer Unis per se einen Aufenthalt in Großbritannien attraktiv – sei es im Rahmen des Erasmus-Programms oder als komplettes Studium. 2013 gab es knapp 16.000 deutsche Studierende auf der Insel – Platz drei auf der Liste der beliebtesten Auslandsziele.

Ende von Erasmus in Großbritannien?

Doch das könnte bei einem Brexit anders werden. Es dürfte das Ende der Teilnahme Großbritanniens an Erasmus bedeuten, erklärt Markus Symmank, Referatsleiter für Erasmus-Mobilität beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

"Das würde dem Programm, wenn ich es so zuspitze, die Grundlage entziehen. Denn wenn es sich bei dieser Frage des Austritts auch um die Frage der Einschränkung der Personenfreizügigkeit handelt, dann ist die Personenfreizügigkeit die eigentliche Grundlage auch für den akademischen Austausch. Wenn die Personenfreizügigkeit eingeschränkt würde, dann ließe sich das Erasmus-Programm als solches gar nicht aufrechterhalten."

Höhere Studiengebühren befürchtet

Hinzu kommt, so der DAAD-Experte, dass bei einem Brexit Studieren und Promovieren in Großbritannien allgemein deutlich teurer werden dürfte.

"Zumindest würde die Verpflichtung wegfallen, dass Großbritannien europäische Studierende so behandelt wie die eigenen sozusagen. Wenn das entfallen würde, wäre natürlich auch der Möglichkeit Tür und Tor geöffnet, die Studiengebühren für Europäer zu erhöhen."

Heißt: Statt etwa 9.000 Pfund würde ein Master auf der Insel bald das Doppelte kosten. Bislang müssen nur Studenten aus Nicht-EU-Staaten diese erhöhten Gebühren zahlen. Für eine Promotion wäre jährlich statt 4.000 Pfund gar das Vierfache zu bezahlen. In der Folge dürfte auch die Zahl deutscher Akademiker in Großbritannien sinken. Sie stellen bislang eine der größten ausländischen Gruppen an britischen Hochschulen.

Kultureller Austausch geht zurück

Dazu gehört auch Sophie van Hüllen. Sie hat ihren Doktor an der Londoner School of Oriental and African Studies gemacht und lehrt dort Entwicklungsökonomie. Nach wie vor, sagt sie, habe das britische System einige Vorzüge zu bieten.

"Was ich auf jeden Fall beim englischen System als Vorteil sehe, ist, dass es sehr viel durchlässiger ist. Es gibt weichere Übergänge, hier ist es halt so, dass man schon wesentlich früher damit anfängt, die gleiche Lehre und Forschung zu machen, die man in der Professur hat."

Für diejenigen, die auf eine finanzielle Förderung angewiesen sind, wären die erhöhten Gebühren eine große Hürde, glaubt Sophie van Hüllen.

"Und in dem Moment wäre es natürlich eine Überlegung für deutsche Stiftungen zu sagen: 'Ja, warum machen Sie denn dann Ihren Doktor nicht in Deutschland?'"

Und auch für britische Hochschulen selbst entstünde aus kultureller Sicht ein Nachteil, sollte sich der akademische Austausch mit Kontinentaleuropa reduzieren.

"Natürlich sind es unglaublich viele Deutsche, viele Italiener, viele Spanier, die hier auch einen Großteil der Studenten stellen. Und wenn das wegfallen würde, dann wäre das schon ein arger Verlust für die englischen Universitäten."

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