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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.05.2011

Hochburg der Schmuggler

Rechtsfreie Räume in Pakistan

Von Marc Thörner

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Anhänger der Taliban in Mingora im Swat-Tal, Pakistan. (AP)
Anhänger der Taliban in Mingora im Swat-Tal, Pakistan. (AP)

Einerseits gilt Pakistan für die USA im Kampf gegen den Terrorismus als Hauptverbündeter, andererseits als Unsicherheitsfaktor, als potenzieller Hort eines heranwachsenden Islamismus. Es sind die weitgehend gesetzlosen Stammesgebiete in der Nähe zur afghanischen Grenze, die Al-Quaida-Terroristen und der Taliban-Führung als willkommenes Rückzugsgebiet dienen.

Studenten: "Slogan: Stop the Drone-attacks on FATA! Stop the Drone-attacks on FATA!”"

Peshawar, Nordpakistan: Am Rand einer lang gezogenen Verbindungsstraße, die vom quirligen Khyber-Bazaar zum Militärviertel führt, machen Studenten ihrem Ärger Luft.

Student: "”Wir demonstrieren gegen die Angriffe der US-Drohnen auf die Stammesgebiete. Die Menschen gehen inzwischen kaum noch auf die Straße, Kinder trauen sich nicht mehr in die Schulen. Das ist psychische Folter, das muss aufhören. Keine Drohnenattacken auf die Stammesgebiete mehr!"

Viele der jungen aufgeregten Männer wohnen in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan und fahren von dort aus täglich nach Peshawar zur Universität. Ihre Heimat, die Federal Administered Tribal Agencies, kurz FATA, liegt in einem Streifen zwischen Pakistan und der afghanischen Grenze und wird von speziell dafür ernannten Beamten aus der pakistanischen Hauptstadt Islamabad in Absprache mit den Stammesführern. Peshawar, die letzte große Stadt vor der Grenze zur Autonomiezone, hingegen gehört noch zum regulären Staatsgebiet Pakistans und ist Verwaltungssitz der Provinz Khyber-Pakhtunkwa.

Motorrikschas, Pferdetongas, Gefährte aller Art wie unentwirrbar ineinander verkeilt schieben sich entlang der Peripherie des labyrinthartigen Khyber-Basars. Von vielen Punkten der Stadt fällt der Blick auf die hoch auf einem Hügel thronende Zitadelle Balar Hissar. Wie schon unter Königin Viktoria, sitzt auch heute hier das paramilitärische Frontier Corps, das die ansässigen Volksstämme kontrollieren soll, geführt von pakistanischen Offizieren mit ihren US-Beratern. Denn hier an der pakistanisch-afghanischen Grenze findet Krieg gegen den Terror schon seit über hundert Jahren statt.

Hamid Jan: "”Sie haben Glück, dass Sie überhaupt ein Visum für das Grenzgebiet erhalten haben. Normalerweise lässt die Regierung keinen mehr bis hierher fahren. Denn die Lage wird schlimmer und schlimmer. Jeder Drohnenangriff auf die Stammesgebiete gebiert unzählige neue Terroristen.""

Sagt Hamid Jan. Mit einer Handvoll Gleichgesinnter arbeitet der junge Soziologe bei einer Organisation, die den Menschen in den Stammesgebieten Seminare zur Selbstorganisation und Konfliktlösung anbietet, ihnen Bildungsperspektiven eröffnet und dabei hilft, kleine Wirtschaftsprojekte umzusetzen. Unterstützt wird die Organisation zwar durch westliche Botschaften und durch die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, die GIZ. Dennoch wird durch die Konflikte ihre Arbeit immer schwieriger.

Denn seit die NATO in Afghanistan den Druck auf die Aufständischen erhöht hat, sind die vermehrt in die Stammesgebiete Pakistans ausgewichen. Dort haben die Kämpfer ihren Einflussbereich ausgeweitet und machen die ganze Gegend unsicher. Selbst Peshawar, meint Hamid Jan, sei inzwischenTeil des Kriegsschauplatzes.

Hamid Jan: "Islamabad steht unter gewaltigem öffentlichen Druck. Wenn diese Gefühle der Menschen außer Kontrolle geraten, gibt es vielleicht auch in Pakistan eine Revolte, die vielleicht sogar von der pakistanische Armee unterstützt würde, unter Führung eines Taliban freundlichen Kommandeurs."

Ein paar Blicke aus den Fenstern scheinen die Befürchtungen des Soziologen zu bestätigen. Auf dem Weg zum Sitz der Hilfsorganisation passiert der Wagen einen Checkpoint nach dem anderen, hinter denen Maschinengewehrnester aufgebaut sind. Öffentliche Einrichtungen der Stadt werden weitläufig durch Gassen aus Betonmauern umgeleitet. Immer wieder gibt es Kontrollen mit vorgehaltener Waffe. Der Grund sei, meint Hamid Jan, die Präsenz der Taliban, die längst in Peshawar und Umgebung die Initiative ergriffen hätten.

Niemand erkenne sie, aber sie seien mitten unter der Bevölkerung. Sie beobachteten - und dann schlügen sie zu. Tatsächlich hat es in den letzten Jahren eine Serie von verheerenden Attentaten in der pakistanischen Provinzhauptstadt Peshawar gegeben.

Hamid Jan: "”Wir sitzen hier nebeneinander, ganz normal im Auto, aber glauben Sie nicht, dass das ein Grund ist, sich zu entspannen. Wir können nicht mal sicher sein, dass unser Fahrer uns jetzt nicht belauscht und dass er nicht zu den Taliban gehört. In jedem Augenblick, können wir angegriffen werden, im Handumdrehen sind Ihr Körper und meiner verbrannt und niemand wird uns mehr erkennen.""

Im Büro von der Hilfsorganisation CAMP holt Hamid Jan sein Handy aus der Tasche und führt einen Videoclip vor, den ein Taliban-Kommandeur selbst aufgenommen hat. Das Dokument zeigt den Versuch, einen etwa 16-Jährigen als Attentäter zu rekrutieren.

"Der Taliban-Chef hält dem Jugendlichen einen Sprengstoffgürtel hin. Zieh das an, sagt er. Aber der Angesprochene sträubt sich. Nein, antwortet er, ich bin noch nicht bereit. Der Taliban und seine Freunde lachen und machen sich über den Jugendlichen lustig. Seht euch den an - warum zögert er. Wie kann man nur so blöd sein. 5000 der schönsten Frauen warten schon im Himmel. Und der Idiot will hier bleiben. Hast du nicht verstanden? Wenn es soweit ist, musst du einfach nur hier auf diesen Knopf drücken. Der junge Mann fängt an zu weinen. Gebt mir Zeit, lasst mich mit meiner Familie sprechen. Ich bin zu Hause das einzige Kind. Mach dir keine Sorgen, wiegeln die Taliban ab. Wir kennen doch dein Dorf. Wir informieren deine Leute anschließend über alles."

Früher war es kein Problem, in die Stammesgebiete zu kommen. Von Peshawar aus führte die Fahrt auf Serpentinen in die Berge. Irgendwo im Gebiet legten Milizionäre des Frontier Corps eine über die Straße eine gespannte Kette auf die Erde – und die Grenze zu den Stammesgebieten war überschritten.

In einer Gesundheitsstation hatte Mullah Mohammed, ein einsamer Sanitäter aus Peshawar, versucht, die örtlichen Stammesführer zu überzeugen, dass die Behandlung von Lepra und Augenkrankheiten etwas Gemeinnütziges sei, etwas, wofür es sich lohne, zu arbeiten. Für sein Vorhaben brauchte er ein Grundstück.

Mullah Mohammed: "”Die Stammesleute sind hier ausgesprochen mächtig. Ein paar von ihnen behaupten, dass das Grundstück ihnen gehört, ehe die Gesundheitsstation gebaut wurde. Sie pochen auf ihr Recht und drohen uns damit, dass sie nicht locker lassen, auch wenn der Streit noch Jahre dauern sollte.""

Es war ein Problem, das sich nur durch Verhandlungen lösen ließ. Mullah Mohammed traf sich mit den Ältesten der Gemeinschaft. Nüsse wurden gereicht. Tee floss in die Tassen. Nachdem Höflichkeiten und Neuigkeiten ausgetauscht waren, versuchte der Sanitäter, die Honoratioren zu überzeugen, dass eine Krankenstation in ihrem eigenen Interesse ist.

Mullah Mohammed: "”Wir bezeichnen das als Jirga. Zehn bis zwölf Stammesälteste kommen zusammen. Sie urteilen über Mord- oder andere Streitfälle.""

Das Recht Selbstverwaltung in den pakistanischen Stammesgebieten legten bereits die Briten fest. Diese Gesetze wurden 1947, nach der Unabhängigkeit von Großbritannien so gut wie unverändert übernommen und sind bis heute in Kraft. Noch immer basieren sie auf Blutrache, sehen andererseits massiven Widerstand gegen den Zentralstaat auch Kollektivstrafen gegen ganze Stämme vor.

Nur knapp 18 Prozent aller Menschen in den Stammesgebieten können lesen und schreiben. Wasserversorgung, Stromgewinnung, Straßenbau - die Zentralregierung hat sich kaum um die Dinge gekümmert, die nötig wären, damit sich eine lokale Wirtschaft entwickeln kann. Etwa 60 Prozent leben unter der nationalen pakistanischen Armutsgrenze, das heißt, sie verdienen durchschnittlich nur halb so viel wie die ohnehin schon schlecht bezahlten Menschen in Karachi Lahore oder Quetta.

Für die meisten gibt es nur zwei wirklich lukrative Arten, Geld zu verdienen: Im Schmuggel und beim Opiumanbau. Da hier keine zentralstaatlichen Gesetze herrschen, ist beides nicht ausdrücklich verboten.

Die Folgen zeigen sich auch in Hasan Khel. Der Flecken besteht nur aus einer ungeteerten Serpentinenstraße. Links und rechts davon führen Trampelpfade zu den Lehmhäusern, die oberhalb oder unterhalb der Straße an die Hänge gebaut sind. Rieselnde Gebirgsbäche, Schluchten - dann eine Anlage von saftig aussehenden Terrassenfeldern.

Stammesangehöriger: "Das ist Opium. Das Ganze Dorf lebt davon, das ist der Haupterwerbszweig unserer Leute. Im Augenblick sind die Pflanzen noch klein, sie werden aber einen Meter hoch. Dann schneiden wir sie und wir verkaufen sie auf dem Basar. Ein Kilo erbringt zwischen 2 und 3000 Rupien Gewinn, im Augenblick liegt der Preis bei 3000 Rupien, rund 40 Euro. Wir verkaufen das Opium erst mal auf den lokalen Märkten an die großen Schmuggler. Die schaffen es dann bis nach Karachi oder Peshawar oder ins Ausland."
Trotz vielfacher Beteuerungen aus der Hauptstadt Islamabad hat sich daran bis heute nichts geändert.

Karkhano unmittelbar vor der Grenze zu den Stammesgebieten. Es ist der letzte Ort, der sich heute noch einigermaßen gefahrlos passieren lässt. Sein Markt gilt als der größte Schmuggelbasar der Welt. An der Zufahrt stauen sich Lastwagen, weil nach der von Islamabad verhängten Straßenblockade die NATO-Transporte nicht mehr weiter Richtung Grenze kommen. Hamid Jan bugsiert unser Auto geschickt zwischen den Riesenlastwagen hindurch, wechselt die Spur und steuert einen unübersehbar großen Parkplatz an.

Hinter einer lang gezogenen Mauer öffnet sich eine Verkaufsfläche, an der nichts improvisiert oder informell scheint. Alles sieht aus wie die pakistanische Variante eines deutschen Mega-Supermarktes auf der grünen Wiese. Wichtigstes Schmuggelgut sind elektronische Geräte.

Händler: "Die meisten unserer Waren stammen aus China. Chinesische DVD-Player zum Beispiel sind viel billiger als japanische und haben trotzdem eine gute Qualität."

Der unscheinbare Laden erweist sich als Vertretung eines weitverzweigten Schmuggelimperiums. Zunächst, erklärt der Händler, landen die Waren in Karachi an, werden dann per Lastwagen zu Strohmännern nach Afghanistan gebracht, die offiziell die Bestellungen tätigen. Dann allerdings fließen dieselben Waren heimlich über die Grenze zurück – und erst jetzt, ohne Einfuhrzölle, kann man sie günstig verkaufen.

Händler: "Wir unterhalten Filialen in allen großen Städten Pakistans. Außerdem kommen Ladenbesitzer aus dem ganzen Land zu uns, um hier ihre Lager aufzufüllen."

An der Universität von Peshawar beschäftigt sich Professor Shajahan mit Fragen der Geostrategie, insbesondere der Handelswege. Dieser Schmuggel sei, sagt er, das Rückgrat der gesamten pakistanischen Wirtschaft. Gesteuert werde der Schattenhandel vom politisch-militärischen Establishment, den bekannten Namen der Großgrundbesitzer und Beamtenschaft, den alten Familien, die seit der Unabhängigkeit das Land beherrschen. Hier, meint er, werde der größte Reibach gemacht und nicht beim Waffenhandel.

Shajahan: "Die sind sehr einflussreiche Leute. Korruption ist so. Jeder weiß, wie das geht und wohin das Geld fließt. Das macht nicht ein Mensch, das ist eine Kette. Und Kette - das ist immer von oben bis unten. Familien. Es können auch Beamte sein. Es können auch Sicherheitsbeamte sein. Es können auch Regierungsbeamten sein, einflussreiche Persönlichkeiten."

Um den Schmuggel betreiben zu können, meint Shajahan, komme die pakistanische Elite nicht ohne den rechtsfreien Raum der Stammesgebiete aus. Walid Afridi, ein schlaksiger und glattrasierter junger Mann studiert an der Universität von Peshawar. Außerdem ist auch ein Malik, ein Stammeschef - trotz seiner jugendlichen Alters. Afridi verfügt über einiges an Land, Gefolgsleuten und Waffen. Jemand wie er könnte eigentlich zufrieden sein. Doch Afridi ist über die Verhältnisse empört.

Walid Afridi, Malik: "”Wir lesen immer in den Zeitungen, dass ausländische Regierungen angeblich in die Entwicklung der Stammesgebiete investieren. Vor Ort sehen wir nichts davon. Hier verändert sich nichts. Es gibt keine Beschäftigungsmöglichkeiten, weder Maßnahmen zur Alphabetisierung noch zur Bildung. Aber die Leute wollen Bildung, sie wollen Arbeit. Die Regierung enthält den Menschen in den Stammesgebieten das alles absichtlich vor. Denn wenn die Regierung den Bewohnern der Stammesgebiete Chancengleichheit und Ausbildung anbieten würde - wie lange könnten die Regierungsmitglieder dann noch ihre Profite aus den Stammesgebieten ziehen?""

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