Seit 10:05 Uhr Lesart

Dienstag, 22.10.2019
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Religionen | Beitrag vom 01.09.2019

Hitlers Verhältnis zu den KirchenChristsein wie ein Chamäleon

Von Stefanie Oswalt

Beitrag hören Podcast abonnieren
Umstrittene Hitler-Glocke im pfaelzischen Herxheim mit Inschrift "Alles fuers's Vaterland. Adolf Hilöter".  (imago/ epd/ Monika Franck)
Symbol für Hitlers Anbiederung ans Christentum: Die "Hitlerglocke" hing noch bis vor Kurzem in einer Kirche im pfälzischen Herxheim. (imago/ epd/ Monika Franck)

Dass Adolf Hitler nichts mit christlichen Werten und Nächstenliebe am Hut hatte, ist glasklar. Warum er dann aber bis zum Ende nicht aus der katholischen Kirche austrat, schon weniger. Wozu benutzte der Diktator das Christentum?

23. März 1933. Adolf Hitler spricht als Reichskanzler erstmals vor dem Deutschen Reichstag.

"Indem die Regierung entschlossen ist, die politische und moralische Entgiftung unseres öffentlichen Lebens durchzuführen, schafft und siegelt sie die Voraussetzungen für ein wirklich tief inneres religiöses Leben."

Kirchen sollten das Volkstum erhalten

Diese sogenannte Rede zum Ermächtigungsgesetz ist vielzitiert, denn Hitler stellt hier sein Regierungsprogramm vor und legt unter anderem dar, wie er sich das Verhältnis von Staat und christlichen Kirchen künftig vorstellt:

"Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren in der Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge respektieren. Ihre Rechte sollen nicht angetastet werden. Sie erwartet aber und hofft, dass die Arbeit an der nationalen und sittlichen Erhebung unseres Volkes, wie sie die Regierung zur Aufgabe gestellt hat, umgekehrt die gleiche Würdigung erfährt. Die nationale Regierung wird in Schule und Erziehung den christlichen Konfessionen den ihnen zukommenden Einfluss einräumen und sicherstellen. Ihre Sorge gilt dem aufrichtigen Zusammenleben zwischen Kirche und Staat."

Zentrumspartei stimmte für Hitlers Ermächtigung

Das klare Bekenntnis zu den Kirchen verfehlte seine Wirkung nicht: Auch die katholische Zentrumspartei stimmte für Hitler und sein Ermächtigungsgesetz. Damit verhalf sie ihm zu der benötigten Zweidrittelmehrheit, mit der die Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt und die Demokratie in Deutschland vorerst abgeschafft wurde.

Das Bekenntnis zum Christentum? Alles reines Kalkül, sagt Thomas Brechenmacher. Er ist Historiker an der Universität Potsdam und forscht über das Verhältnis von Katholischer Kirche und Nationalsozialismus.

"Die grundsätzliche Unchristlichkeit Hitlers geht aus allen seinen Schriften und Reden hervor," sagt Brechenmacher. "Dort, wo er vordergründig mit Christentum oder vermeintlichen Inhalten des Christentums argumentiert oder sich auf sie beruft, kann man eigentlich immer zeigen, dass das, was dahintersteckt, im Grunde taktisch ist. Das kann man schon sehen an seiner Regierungserklärung vom März 1933. Da haben sich alle gefreut, viele haben gesagt: Naja, dieser Revolutionsführer Hitler, da sieht man, jetzt wird er staatstragend und hat ein Amt. Jetzt besinnt er sich doch auf die wirklichen Werte und zu diesen wirklichen Werten gehört eben auch das Christentum."

Kirchenfreundlich und distanziert

Tatsächlich gelang es Hitler schon wenige Monate nach seinem Antritt, ein Konkordat mit dem Vatikan zu unterzeichnen, in dem er die Sicherung der Bekenntnisschulen und katholischen Vereine garantierte – ein enormer außenpolitischer Prestigegewinn, denn nicht einmal Kanzlern der katholischen Zentrumspartei war dies zuvor gelungen. Nicht zuletzt aufgrund dieses Erfolgs sei es für die Zeitgenossen schwierig gewesen, die tatsächliche Position Hitlers und der Nationalsozialisten zum Christentum zu erkennen, sagt Manfred Gailus. Er ist Historiker an der Technischen Universität Berlin und hat über die Verbindung von Nationalsozialismus und Protestantismus geforscht:

"Sie verhalten sich wie ein Chamäleon. Ein Chamäleon hat die Eigenschaft, immer die Farbe anzunehmen, die der Hintergrund hat. So haben es auch die Nationalsozialisten mit dem Religionsthema gehalten. Wenn es angesagt war, dann gab man sich kirchen- und christentumsfreundlich, wenn andere Kontexte waren, dann distanzierte man sich wieder mehr davon."

Das Rätsel des "positiven Christentums"

Schon im ersten, 25 Punkte umfassenden Programm vom Februar 1920 hatte sich Hitlers Partei zu einem "positiven Christentum" bekannt. Dieses dürfe aber nicht gegen das "Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen":

"Alle haben darüber gerätselt, damals schon und auch heute: Was war denn damit gemeint – positives Christentum?" sagt Manfred Gailus. "Es gibt keine hundertprozentige Erklärung dafür. Das war ein Schlagwort, ein schwammiger Begriff, unter dem fast jeder das verstehen konnte, was er wollte."

Und Hitler selbst? Die Frage nach Hitlers Christentum findet Historiker Brechenmacher eine "olle Kamelle": "Ja, weil er definitiv kein Christ war. Und das wissen wir auch – das ist nichts Neues. Das ist der eine Teil des Problems, der andere ist: Wenn er Christ gewesen wäre, was würde daraus folgen für die Beurteilung dessen, was er getan hat? Er war eben kein Christ, weil er von seiner gesamten weltanschaulichen Positionierung, von seinem Welt- und Menschenbild definitiv im Gegensatz zu all dem steht, was wir unter Christentum verstehen."

 Auf dem Papier blieb Hitler immer Christ

Brechenmacher räumt allerdings ein, dass Hitler formal immer Christ geblieben ist – eine Tatsache, die der katholische Theologe und Historiker Stefan Samerski ausdrücklich betont. Samerski ist Priester und Professor für Kirchengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er unterrichtet in Berlin an einer Zweigstelle der Päpstlichen Universität Gregoriana.

"Wenn Sie getauft sind, katholisch oder evangelisch, hat das den sogenannten Charakter indelebilis, das heißt, es hat den Charakter der Unwiderruflichkeit. Insofern ist Hitler, wenn er getauft ist – darüber gibt es Urkunden, wir sind bei Quellen, er ist zur Kommunion gegangen, er ist gefirmt – dann ist er vollwertiger Christ und das bleibt er, obgleich er viele Gräueltaten, Schandtaten, Verstöße gegen die Gesetze der Kirche verübt hat."

Hinzu kommt für Stefan Samerski: "Hitler ist in einem katholischen Milieu groß geworden – Religionsunterricht und alles Mögliche. Er kannte sich also aus, was katholisches Brauchtum war, alles was mit katholischer Kirche und öffentlichen Auftritten der katholischen Kirche zu tun hatte – da war er sehr versiert. Er ist katholisch sozialisiert. Das hat er sich natürlich zunutze gemacht – weniger vor 33 als nach 33."

Sonnenwende statt Ostern

Offiziell ist Adolf Hitler nie aus der Kirche ausgetreten. Er hat sogar bis 1933 seine Kirchensteuern gezahlt – erst als er 1934 zusätzlich das Amt des Reichspräsidenten übernahm und auch dessen Gehalt kassierte, teilte Hitler den Finanzbehörden mit, er werde als Staatsoberhaupt keinerlei Steuern mehr zahlen, weder profane noch kirchliche. Dem "Historischen Lexikon Bayerns" zufolge wurde er 1935 aus den Akten des Finanzamts München getilgt.

Je stabiler Hitler seine Macht etablierte, desto offener versuchte er, die Kirchen aus dem gesellschaftlichen Leben herauszudrängen: Gerade Anhänger der Katholischen Kirche wurden ab 1937 zunehmend verfolgt. Und die nationalsozialistischen Chefideologen versuchten, christlichen Glauben und christliche Riten aus dem Alltag zu entfernen: Heldengedenktage, Lebens- und Sonnenwendfeiern traten an die Stelle christlicher Feiertage.

Hitlers Taten schließen ihn automatisch aus der Kirche aus

Sicher ist auch, dass sich Hitler durch seine Verbrechen aus kirchenrechtlicher Sicht zunehmend in den Zustand der Abtrünnigkeit, der Häresie brachte, sagt Historiker Thomas Brechenmacher:

"Er war Häretiker, weil er wesentliche Glaubensinhalte oder dogmatische Inhalte der katholisch-christlichen Weltanschauung nicht teilte und weil er häretische Lehren verbreitete. Zu diesen häretischen Lehren gehörten nach der Auffassung der vatikanischen Institutionen erstens eben der sogenannte Kult um Blut und Rasse. Zweitens ein überdrehter Nationalismus, also ein Hypernationalismus. Und drittens totalitaristische Staatsauffassungen. Wenn man genau die Dinge liest, die in den sogenannten Kanones stehen, also vor allem im Kirchenrecht von 1917, das gültig war zu dieser Zeit, dann stellt man fest, dass Straftatbestände wie Häresie automatisch zur Exkommunikation führen. Das heißt also, dass Gläubige, die sich Häresien aneignen, exkommunizieren sich dadurch von selber."

Das Sprachrohr Gottes?

Kaum vorstellbar, dass Hitler sich über diese Rechtslage den Kopf zerbrochen hat. Rhetorisch immer noch dem religiösen Vokabular verpflichtet, zog der Diktator in den Krieg: Er sah sich legitimiert durch einen "Herrgott", den "Allmächtigen", das "Schicksal" und die "Vorsehung". Mit Berufung auf diese Größen marschierte er in fremde Länder ein, ermordete Teile der Zivilbevölkerung, vernichtete in Deutschland und ganz Europa kaltblütig Menschen, die nach nationalsozialistischer Ideologie als "minderwertig" galten.

Hitler, sagt Historiker Brechenmacher, habe für sich einen direkten Draht zu Gott reklamiert: "Also, er ist nicht irgendwie der kleine Adolf, dem das jetzt so einfällt, sondern er ist das Sprachrohr Gottes, er setzt den göttlichen Willen um, oder in anderer Formulierung: den göttlichen Auftrag."

Ein Schlachtengott kann nicht christlich sein

Der Theologe Stefan Samerski ergänzt: "Der Gott Adolf Hitlers ist sicher nicht der Gott Jesu Christi. Das war sicherlich der Gott seiner Bewegung, der Gott des Nationalsozialismus, so ein Fatum, etwas Numinoses ... so eine Art germanischer Schlachtengott oder so ein antiker Kriegsgott. Was ist ein Schlachtengott? Der stärkere Gott ist der Gott, an den das Volk glauben kann. Und wenn jetzt Hitler alle Schlachten gewinnt, natürlich fühlt er sich dadurch bestätigt, aber sein Gott ist dadurch auch bestätigt und sein Gottesbild vor allen Dingen."

Wichtiger als jeder andere Glaube war Hitler der Glaube seines Volkes an ihn, den Führer. Den hatte er erfolgreich gepredigt: Bis zum bitteren Ende waren Millionen Deutsche bereit, ihm zu folgen, als ob er ein göttlicher Heilsbringer sei.

Religionen

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur