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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.04.2005

"Hitlers schärfste Waffe"

ARD zeigt dreiteilige Doku-Reihe über die Gestapo

Von Jörg Taszman

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Gestapo-Chef Heinrich Himmler im Jahr 1938 (AP-Archiv)
Gestapo-Chef Heinrich Himmler im Jahr 1938 (AP-Archiv)

Die ARD zeigt eine dreiteilige Dokumentation über die Gestapo. Der erste Teil schildert den Aufbau der so genannten Geheimen Staatspolizei und die Bekämpfung der innenpolitischen Gegner. Im zweiten Teil geht es um Deportationen, Massaker und Vernichtung von Juden und Polen, während der letzte Teil sich dann wieder mit der brutalen Unterdrückung in den letzten beiden Jahren der Hitlerdiktatur beschäftigt.

"Das Wort Gestapo ist für mich das Symbol der staatlichen Willkür.
Das waren alles potentiell gefühllose Mörder.
Die Angst vor dieser Gestapo war so enorm.
Die waren ja keine Menschen. Die haben zugeschlagen, noch und noch."

Zu Beginn jeder Teil-Dokumentation lassen die Autoren Wolfgang Schön und Holger Hillesheim die Opfer der Gestapo zu Wort kommen. Danach beginnt ein chronologischer Abriss über die berüchtigte Gestapo mit der Zentrale in der Berliner Prinz Albrecht Straße 8. Zunächst nur für Preußen zuständig und geleitet von Hermann Göring, setzte Hitler bald seine alten Münchener Vertrauensleute Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich und Heinrich Müller ein, die in Dachau das erste KZ systematisch planten und ausbauten und ab dem 20.4. 1934 Göring ablösten und abwechselnd der Gestapo vorstanden.

Mit der Erfindung des nicht existierenden Röhm Putsches am 1.7. 1934 etablierten sich Himmler und Heydrich als Garanten des Terrors nach innen. Schon sehr bald gehörte auch die Diskriminierung von Juden zu ihren Aufgaben. Eine Zeitzeugin erinnert sich.

"Man darf sich nicht mit Juden einlassen… das war damals schon so, das habe ich sogar miterlebt, dass man eine Frau vorführte, die sich mit einem Juden "eingelassen" hatte. Und dann musste sie ein Schild tragen, dort stand drauf: Ich bin das allergrößte Schwein, ich lasse mich mit Juden ein."

Bei allen berüchtigten Eckdaten wie der Pogromnacht 1938 oder dem fingierten polnischen Angriff auf den Sender Gleiwitz war die Gestapo beteiligt. Wie sehr diese Geheimpolizei auf Terror, Folter und Denunziation setzte, wird in den eingestreuten Interviews der Überlebenden deutlich.

Im zweiten Teil arbeiten die Autoren ganz deutlich die Verantwortung der Gestapo als Terrorinstrument in den besetzten Gebieten Polens und Frankreichs heraus und rücken auch weniger bekannte Täter in den Vordergrund.

Besonders fatal war die Rolle der Gestapo beim Holocaust, wobei nicht nur Deportationen sondern auch Massenerschießungen geplant und durchgeführt wurden. Gerade in den letzten Jahren, als sich die Niederlage Hitlerdeutschlands abzuzeichnen begann, nach dem tödlichen Attentat auf Heydrich und dem Misserfolg der Männer des 20.Juli 1944, verstärkte die Gestapo den Terror nach innen und außen. Den Beginn neuer Verhaftungswellen bereitete oft die propagandistische Wochenschau vor.

Zitat Nazi-Wochenschau:

"Swing ist Trumpf. Wir befinden uns nicht etwa in Afrika, sondern in New York. Auf dieser Tanzveranstaltung der Nigger werden Urwalderinnerungen als neueste Errungenschaften amerikanischer Zivilisation aufgefrischt. Und weiße Menschen legen anscheinend Wert darauf, die Nigger noch zu übertrumpfen. "

Auf die Hetze gegen Swing- und Jazzmusik folgten Verhaftungen von Jugendlichen. Die Willkür kannte keine Grenzen mehr, oft reichten Lappalien aus, um ins KZ zu kommen. So wurde einer Halbjüdin, laut NS-Jargon "Mischling 1. Grades", zum Verhängnis, dass sie vergessen hatte, auf ihrer Lebensmittelkarte den Zwangsnahmen "Sara" zu schreiben. Sie kam nach Auschwitz und überlebte nicht. In solchen Details, die Menschenschicksalen nachgehen, liegt die Stärke dieses Dreiteilers.

"Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich bin da einer Verbrecherbande in die Hände gefallen."

Formell unterscheidet sich die Fernsehdokumentation leider nicht vom bekannten Strickmuster mit einem allwissenden Off-Kommentar, nachgestellten Szenen, dramatischer Musik und zu kurzen Interviewhäppchen. Leider werden auch Originalaufnahmen aus der Wochenschau viel zu schnell ausgeblendet und mit dem Kommentar unterlegt.

Trotz dieser Einwände ist die Dokumentation sehenswert, liegt ihr Verdienst doch in der inhaltlichen Vielfalt und einer durchaus kritischen Analyse in Betreff auf viele Täter, die straffrei ausgingen. Und eins wird deutlich: Nur weil zu viele Deutsche wegschauten und verdrängten, sich hinter Befehlen und Eiden versteckten, funktionierte der Unterdrückungsapparat bis zum bitteren Ende.

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