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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.11.2015

Hitler-Imitator im Zweiten WeltkriegAls London einen Spatz verehrte

Von Gabi Biesinger

Ein Haussperling, mit wissenschaftlichem Namen passer domesticus. (picture alliance / dpa /  Hinrich Bäsemann)
Wie dieser Spatz sah Clarence aus. Zu seiner Zeit gab es sogar Postkarten mit seinem Abbild. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)

Die Briten feierten Spatz Clarence während des Zweiten Weltkriegs wie einen Popstar. Der Haus-Sperling wurde zum Symbol für den Durchhaltewillen der Hauptstadt London. Und dank guter Pflege lebte er noch bis in die frühen 50er Jahre.

Clare Kipps war im Juli 1940 in London beim Zivilschutz beschäftigt. Auf dem Heimweg von einem Einsatz entdeckte sie auf ihrer Türschwelle eines Abends ein winziges Vögelchen, das aus dem Nest gefallen sein musste. Das Spätzchen war nackt, blind und ziemlich leblos. Mrs Kipps hob es auf, wickelte es in Stoff und wärmte es am Kamin. Mit einem Streichholz hielt sie das kleine Spatzenschnäbelchen offen und träufelte tropfenweise warme Milch hinein. Schließlich bettete sie das Tier in eine mit Watte ausgelegte Puddingschüssel, die sie in den Küchenschrank stellte. Sie fürchtete, das Vögelchen werde die Nacht nicht überleben, doch der Spatz war zäh, schilderte Mrs. Kipps in dem Buch, das sie später über ihren kleinen Spatz schrieb:

"Zu meiner Verwunderung hörte ich am nächsten Morgen einen schwachen anhaltenden Ton, der vom Schrank her kam, einen unglaublich feinen und doch glücklichen Ton, etwa so, wie ihn eine Stecknadel hervorbringen würde, wenn sie singen könnte. Und richtig, da lag das kleine Geschöpf in seiner Porzellanwiege und war warm und munter und verlangte ein Frühstück."

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Am dritten Tag öffnete der Spatz die Augen und betrachtete Mrs. Kipps fortan als seine natürliche Mutter. Sie nahm ihn bald mit zu ihren Zivilschutzeinsätzen und brachte ihm ein paar Kunststücke bei, mit denen er verängstigte Menschen während der Bombenangriffe unterhielt und entspannte. Die Kinder im Bunker gaben ihm den Namen Clarence. Clarence konnte Spielkarten blitzschnell mit dem Schnabel wenden, jonglierte mit Streichhölzern und trippelte im Ballettschritt.

Der Held der Devise "Keep calm and carry on"

Seine Lieblingsnummer war aber der Luftschutzkeller-Trick. Mrs. Kipps formte mit ihren Händen eine Höhle und rief "Fliegeralarm!" Sofort trippelte Clarence in den mit den Händen gebildeten Bunker. Erst wenn "Entwarnung!" gerufen wurde, kam er wieder heraus, unter dem Jubel und Applaus seines Publikums. Natürlich konnte Clarence auch singen und tschilpen. Und im Dunkel des Luftschutzkellers und mit etwas Phantasie gerieten seine Darbietungen zu wahrhaft politischen Statements:

"Seine berühmten Hitler-Reden, wie die Kinder sie nannten, hielt er uns zur Erbauung mit zum Hitler-Gruß erhobenen Flügel und sie nahmen an Länge zu, bis sie mit ganz kurzen Atempausen volle dreieinhalb Minuten dauerten. Zwar ähnelten sie etwas dem Geschwätz der Sperlinge in den Hecken, doch steigen sie wie bei einer Rede von einer feierlichen eindrucksvollen Feststellung in allmählichem Crescendo zum feurigen, leidenschaftlichen Höhepunkt an."

Clarence wurde zum Popstar, zum Helden der britischen Devise "Keep calm and carry on" - Ruhe bewahren und weitermachen. Wenn Clarence dabei war, ließen sich weinende Kinder klaglos Gasmasken aufsetzen. Das Rote Kreuz verkaufte Postkarten mit einer Zeichnung von Clarence und sammelte damit Spenden. Auch nach Kriegsende lebten Mrs. Kipps und Clarence noch ein paar Jahre glücklich zusammen. Sie musizierten gemeinsam - sie spielte am Klavier Chopin, er tschilpte dazu.

In ihrem Buch, "Clarence der Wunderspatz" liefert Mrs. Kipps ein auch für Vogelkundler interessantes und sehr präzises Protokoll über Clarence Entwicklung und Vorlieben. Kein geringerer als der renommierte Verhaltensforscher Konrad Lorenz rühmte Clarence mit dem Satz: "Meiner Meinung nach kann über diesen Spatz nicht überschwänglich genug geschrieben werden."

Clarence bekam Champagner als Medizin und Truthahn zu Weihnachten

Überschwänglich schrieb Mrs. Kipps in der Tat. Sie war Witwe und gab offen zu, dass Clarence ihr ein wichtiger Gefährte war, der in ihrem Bett schlief und sich gerne in ihren Ausschnitt kuschelte. Mit anderen Vogeldamen anzubandeln fand Clarence dagegen nicht so attraktiv:

"Gegen Ende eines aufregenden Tages konnte er immer noch, wie in den allerersten Jahren, zu mir fliegen, sich ankuscheln und mit einem Ausdruck zu mir aufsehen, den ich in den Augen eines kleinen Vogels nie für möglich gehalten hätte - so als wollte er sagen: "Du bist alles was ich brauche, und schließlich kann ein Junge keine bessere Freundin als seine Mutter haben."

Eine Krankheit, die Clarence dahinzuraffen drohte, konnte Mrs. Kipps auf den Rat ihres Arztes hin noch mit dem Einflößen von Champagner abwehren:

"Vierzehn Tage lang bekam er zwei Mal täglich seinen Champagner. Das Augenlicht kehrte ihm vollkommen wieder, die Federn wuchsen an den kahlen Stellen und auch die Hosen und die schöne gelbe Halsbinde erschienen wieder. Am Weihnachtstag saß er auf meinem Arm, teilte sich mit mir des Dank-opfer, den Truthahn, und trank mit dem Rest Champagner auf ein glückliches neues Jahr."

Einem herbeigerufenen Fotografen präsentierte Clarence noch einmal sein gesamtes Showprogramm, dann wurde er immer schwächer. Am 23. März 1952 starb Clarence geschmiegt in die Hand von Mrs. Kipps:

"Dass seine Intelligenz überragend war, glaube ich nicht. Ich bin klügeren Vögeln begegnet. Was ihn so interessant und reizend machte, war die Fähigkeit, durch das Medium der ungewöhnlichen Umgebung seine Vogelnatur in einer Sprache auszudrücken, die ein menschlicher Verstand begreifen und an der er teilhaben konnte. Und darin war er vielleicht einzigartig."

Mit Auszügen aus dem Buch:
"Clarence, der Wunderspatz" von Clare Kipps, Sanssouci-Verlag, 1976

 

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