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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.06.2013

Hitchcock intellektuell veredelt

Éric Rohmer / Claude Chabrol: "Hitchcock", Alexander Verlag, Berlin 2013, 287 Seiten

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Regisseur Alfred Hitchcock (dpa / picture alliance)
Regisseur Alfred Hitchcock (dpa / picture alliance)

Die beiden französischen Regisseure Érich Rohmer und Claude Chabrol werten in den 50er-Jahren den zu ihrer Zeit als kommerziell geltenden Hitchcock zu einem anerkannten Autorenfilmer auf. Dazu lieferten sie sich erbittere Text-Schlachten mit den Hitchcock-Gegnern und Ignoranten.

Zum ersten Mal erscheint der Filmklassiker aus dem Jahr 1957 auf Deutsch: Mit diesem Buch wurde der "Meister der Suspense" endgültig zum anerkannten Autorenfilmer. Die beiden Kritiker der Zeitschrift "Cahiers du Cinema" Claude Chabrol und Éric Rohmer hatten gerade alle 44 Hitchcock Filme in der Pariser Cinématheque gesehen.

Mitte der 1950er Jahre - ohne DVD und Internet – war das ein wahres Glück. Rohmer (Jahrgang 1920) und Chabrol (Jahrgang 1930) konnten also mit frischem Gedächtnis über die Filme des damals 58-jähringen, englischen, seit 1940 in Amerika arbeitenden Regisseurs schreiben. Der hatte außerdem 1954 in Süd-Frankreich mit Cary Grant und Grace Kelly "Über den Dächern von Nizza" gedreht und seine jungen intellektuellen Anhänger getroffen.

Hitchcock war nicht wenig erstaunt über deren ernsthafte Fragen; galt er doch zu diesem Zeitpunkt als ein Mann des Kinokommerzes, als solider Handwerker "mit einem ausgeprägten Sinn fürs Makabre". Im Umfeld der "Cahiers du Cinema", die die Autorentheorie für Filmregisseure entwickelt hatte, wurde Alfred Hitchcock allerdings schon damals als das gesehen, woran heute kein Zweifel besteht: Als großer Kinokünstler.

Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, François Truffaut und eben Claude Chabrol und Éric Rohmer lieferten sich in Frankreich erbittere Text-Schlachten mit den Hitchcock-Gegnern und Ignoranten. Dass erste sich am Ende durchsetzten, daran hatte dieses Buch keinen geringen Anteil. Chabrol und Rohmer betonen dabei, ihre Methode sei die des Nahebringens: "Indem man sich mit seinem Werk vertraut macht, lernt man Hitchcock schätzen und lieben."

Sie analysieren und beschreiben die Filme: Vom ersten Stummfilm 1922 bis (in einem Nachtrag) "Vertigo", der 1958 ins Kino kam – und der auf der Liste der besten Filme gerade "Citzen Kane" verdrängt hat. Sie nähern sich den Filmen enthusiastisch und mit genauem Blick, spüren Motiven und dramaturgischen Kniffen nach, beweisen etwa Bild- und Szenen-Dopplungen in dem Film "Shadows of a doubt / Im Schatten des Zweifels". Sie erklären den Umgang und die Bedeutung des Tons und sind dem "dramatischen Thema und der moralischen Idee" auf der Spur, finden und erklären die Metaphysik im Werk des Kinomannes.

Am Ende dieses leidenschaftlichen Buchs - das den Blick auf Hitchcock auch heute noch weitet, vor allem aber vorführt, wie Filmkritik und Filmanalyse vorbildhaft funktioniert - gibt es denn auch keinen Zweifel an dem Resümee: Hitchcock ist einer "der größten Erfinder von Formen in der Geschichte des Films". Und: Im Gegensatz zu seinen Figuren, lügen seine Bilder nie.

Besprochen von Manuela Reichart

Éric Rohmer/Claude Chabrol: Hitchcock
Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Robert Fischer
Alexander Verlag, Berlin 2013
287 Seiten mit 214 Abbildungen, 29,90 Euro

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