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Konzert / Archiv | Beitrag vom 13.07.2021

Historisches Konzert: Ernest Ansermet mit DebussyDas Martyrium des Heiligen Sebastian

Moderation: Volker Michael

Marmorskulptur des Heiligen Sebastian, in einem gläsernen Sarg liegend, mit einem Pfeil in der Brust, in der Basilika San Sebastiano fuori le mura an der Via Appia Antica in Rom.  (imago / Peter Seyfferth)
Der Heilige Sebastian half Christen, die in Rom verfolgt wurden, und wurde dafür ermordet. (imago / Peter Seyfferth)

1955 gastierte der Schweizer Dirigent Ernest Ansermet beim RIAS Symphonie-Orchester. Es gab das erotisch aufgeladene Mysterienspiel "Le Martyre de Saint Sébastien" von Claude Debussy und eine groß besetzte mittelalterlichen Motette.

In der nächsten Zeit präsentieren wir historische Aufnahmen: Deutschlandfunk Kultur verfügt über ein wertvolles Archiv, in dem einzigartige Aufnahmen schlummern, die sonst nicht zu hören sind.

Dieses Konzert fand im Mai 1955 mit dem RIAS Symphonie-Orchester, dem heutigen Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, statt. Spielort war die West-Berliner Hochschule der Musik mit ihrem neuen Konzertsaal in der Hardenbergstraße. Dirigent war damals, zehn Jahre nach Kriegsende, der Schweizer Musiker Ernest Ansermet.

Vielseitiger Dirigent

Ansermet kam 1883 in der frankophonen Schweiz zur Welt und starb 1969 in Genf. Er war bekannt als Spezialist für französische Musik, für neuere Werke und für die Musik Igor Strawinskys, den er persönlich kannte. Sie können Ernest Ansermet in der Sendung auch in Gesprächen hören, die er damals mit dem RIAS führte.

Ernest Ansermet spricht in ein Mikrofon mit der Aufschrift "RIAS". (RIAS / Schubert)Ernest Ansermet im Gespräch mit SchülerInnen des Hoepner-Gymnasiums in Berlin-Charlottenburg 1968. (RIAS / Schubert)

Zum Beispiel diskutierte Ernest Ansermet im März 1968 mit Schülerinnen und Schülern des damaligen Erich-Hoepner-Gymnasiums in Berlin-Charlottenburg, wobei er auch seine Beziehung zum Schaffen Claude Debussys erklärte. 

Des Weiteren legte Ernest Ansermet seine Ansichten in einem Interview mit Egloff Schwaiger dar, das der Deutschlandfunk 1966 sendete.

Mittelaltermusik im Schmelzklang

Das erste Werk des Konzertes ist ausgefallen: Alte Musik im neuen Gewand. Hier wurde ein mittelalterliches Vokal-Werk von dem bayerischen Komponisten Rudolf von Ficker großsinfonisch aufbereitet, für Chor und hinzugefügtem Orchester. Vorlage war ein vierstimmiges Organum aus der Schule von Notre Dame – "Sederunt principes" – ein Gesang zum Tag des Heiligen Stephan von Perotinus. 

Porträt von Ernest Ansermet im Rahmen eines Konzerts 1952. (RIAS / Rudolph)Ernest Ansermet konnte Igor Strawinsky für Alte Musik begeistern und lenkte ihn somit auf den Pfad des Neoklassizistischen. (RIAS / Rudolph)

Das großbesetzte Hauptwerk des Abends war eine Tanz- und Bühnenmusik: Claude Debussys monumentales Mysterienspiel "Le Martyre de Saint Sébastien" für Sprecher, Vokalisten, Chöre und Orchester vor.

Diese Schauspielmusik hatte die exzentrische Tänzerin und Schauspielerin Ida Rubinstein 1911 bei Claude Debussy in Auftrag gegeben. Die Textvorlage für dieses Mysterienspiel um den Heiligen Sebastian stammt von Gabriele D’Annunzio, dem italienischen Symbolisten, der später eine protofaschistische Richtung einschlug.

Sebastian und Adonis

Für d‘Annunzio wie wohl auch für Debussy war Sebastian nicht nur ein urchristlicher Märtyrer, sondern quasi eine Verbindung von Jesus und Adonis, ein Wesen, das Standhaftigkeit und Schönheit in sich vereinigte. Auf vielen Gemälden der Renaissance erscheint Sebastian als hübscher, leidender Jüngling, als Objekt homo- wie heteroerotischer Fantasien.

Kirche überfordert

Claude Debussys Musik und das von Ida Rubinstein inszenierte Mysterienspiel erregten im eigentlich skandalgewohnten Paris der 1910-er Jahre besonderen Widerwillen.

Die Kirche erregte besonders, dass Ida Rubinstein selbst den Heiligen Sebastian spielte und tanzte und somit die weiblichen Seiten eines Märtyrers betonte, ja überhaupt die Grenzen zwischen den Geschlechtern und Religionen verwische.

Historische Konzerte
Konzertsaal der Hochschule für Musik Berlin-Charlottenburg
Aufzeichnung vom 2. und 3. Mai 1955

Perotinus/Rudolf von Ficker
Organum Quadruplum "Sederunt principes"

Claude Debussy
"Le Martyre de Saint Sébastien"
Bühnenmusik zum Mysterienspiel in 5 Akten von Gabriele d’Annunzio für Soli, Sprecher, gemischten Chor und Orchester

Anny Schlemm, Sopran
Ingeborg Oberreich, Alt
Sabine Zimmer, Alt
Wilhelm Borchert und Siegmar Schneider, Sprecher
Berliner Motettenchor
RIAS Kammerchor
RIAS Symphonie-Orchester
Leitung: Ernest Ansermet

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