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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.10.2011

Historische Fantasy mit realen Fakten

Umberto Eco: "Der Friedhof von Prag", Carl Hanser Verlag, München 2011, 519 Seiten

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Umberto Eco kombiniert gerne historische Fantasy und reale Fakten. (AP)
Umberto Eco kombiniert gerne historische Fantasy und reale Fakten. (AP)

Der erfundene Meisterspion, Urkundenfälscher und Zyniker Simon Simonini steht im Zentrum des neuen Romans von Umberto Eco. An ihm spiegelt der Autor wesentliche Abschnitte des 19. Jahrhunderts - und erzählt von der Entstehung des Antisemitismus.

Natürlich erwartet man sich von Umberto Eco traditionsgemäß ein materialgesättigtes Eintauchen in die Geschichte, ein Kompendium von Künsten, Politik und kulturellen Zeichen. Seit dem epochemachenden "Der Name der Rose" steht Eco für das postmoderne Spiel, das historische Fantasy und reale Fakten geschickt kombiniert, und es ist völlig klar, dass der neue Roman "Der Friedhof von Prag" daran anknüpft und augenzwinkernd weiter an Erzählerfiktionen und ihrer gleichzeitigen Aufhebung arbeitet.

"Der Friedhof von Prag" ist tatsächlich jener berühmte alte jüdische Friedhof, in dem die Grabsteine kunterbunt durcheinanderwachsen wie ein Urwald, ein romantisches, fast surreales Ensemble, das schon immer mythische und mystische Assoziationen freisetzte. Eco verwendet ihn als Leitmotiv im Schaffen seiner Hauptfigur Simon Simonini. Dieser erfundene Meisterspion, Urkundenfälscher und Zyniker durchläuft wesentliche Abschnitte des 19. Jahrhunderts an entscheidender politischer Stelle: Er greift in die italienische Nationwerdung ein, verkleidet sich im Auftag des Königreichs Piemont als Anhänger des Nationalhelden Garibaldi und wechselt virtuos die Fronten, wenn es darauf ankommt. Er emigriert nach Paris, als die Luft in Italien für ihn zu dünn zu werden droht und leistet dann seine Dienste für die dort Regierenden – die theatralische Umwandlung der Republik durch Napoleon III., die Pariser Kommune, die dritte Republik mit der Dreyfus-Affäre prägt er im Auftrag verschiedenster Geheimdienste mit.

Seine Obsession ist, vermittelt durch seinen Großvater, das Judentum: Auf die Juden richten sich alle Aggressionen derer, die sich zu kurz gekommen wähnen. Geprägt wird er gleichzeitig durch die katholische Kirche. Die Jesuiten und die Freimaurer beschäftigen ihn gleichermaßen – ein altes Thema Umberto Ecos –, und im Lauf der Zeit präzisieren sich Simoninis antijüdische Aktivitäten und Schriftsätze in einem Text, der auf verschlungenen Wegen in Russland unter dem berühmten Namen "Die Protokolle der Weisen von Zion" erscheinen wird.

Dieses berühmteste antisemitische Pamphlet der Geschichte wird von Eco in einen gespenstischen fiktionalen Zusammenhang gestellt. Dabei sind ständige Verweise auf die aktuelle Medienpolitik Silvio Berlusconis und dessen Ausnutzung der Massendemokratie eingebaut. Literarisch knirschen die Scharniere in diesem Buch des öfteren gewaltig, man merkt das Konstruierte und Gewollte. Als zeitpolitisches Zeugnis ist Ecos neuester Roman aber von großem Interesse.

Besprochen von Helmut Böttiger

Umberto Eco: Der Friedhof von Prag
Roman. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
Carl Hanser Verlag, München 2011
519 Seiten, 26 Euro

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