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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.04.2011

Historikerin: Eichmann kein Schreibtischtäter

Bettina Stangneth fordert intensivere Geschichtsforschung

Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann am Schreibtisch in seiner Zelle im Gefängnis Ramle in Israel. (picture alliance / dpa)
Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann am Schreibtisch in seiner Zelle im Gefängnis Ramle in Israel. (picture alliance / dpa)

Die Historikerin Bettina Stangneth hält es für überfällig, das Bild Adolf Eichmanns vom Schreibtischtäter und Rädchen im Getriebe der NS-Judenverfolgung zu korrigieren. Dieses Bild habe Eichmann selbst geprägt, als er vor Gericht saß.

"Das kann man auch gut verstehen – er wollte sich natürlich unsichtbar und klein machen. Das stimmt aber nicht", sagte Stangneth, Autorin des Buches "Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders". Vor fast 50 Jahren, am 11. April 1961, begann der Prozess gegen Eichmann in Jerusalem.

Die Historikerin und Philosophin Stangneth bezeichnete den ehemaligen Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt als Mann, "der im Zickzack durch Europa fährt, von Empfängen bei hohen Politikern kommt, um sich dann anzusehen, wie Menschen erschossen und umgebracht werden, und überall und nirgends ist – soviel unterwegs, dass seine eigenen Mitarbeiter manchmal nicht wissen, wo er ist." Laut Stangneth war Eichmann "ein Praktiker, er ist unterwegs, er interessiert sich für das, woran er, wie er es nennt, arbeitet – also das Morden –, und er möchte dieses Prozess perfektionieren."

In den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland sei das Bild Eichmanns vom Schreibtischtäter vielen Menschen zupassgekommen, so die Einschätzung der Historikerin: "Wenn man selber einfach nur ein Rädchen im Getriebe ist, und sogar ein Mann wie Eichmann, der an einer solchen Schaltstelle saß, letztlich nur ein Rädchen im Getriebe ist, dann galt das natürlich rückwirkend auch für all die, die nicht so stark belastet gewesen sind wie er." Das Bild von einem Bösen, "das nicht aus einem Menschen selber kommt, sondern aus dem System, nämlich der Bürokratie, ist etwas, das sehr verführerisch ist – weil wir dann nämlich alle Opfer sind und keine Täter mehr übrig bleiben", so Bettina Stangneth.

Ihrer Meinung nach muss die Forschung über die Geschichte der frühen Bundesrepublik intensiviert werden: "Man sieht ja in der Diskussion über das Werk über das Auswärtige Amt, dass wir immer versuchen zu fliehen, zurück in die NS-Geschichte." Stangneth forderte: "Wir müssen uns endlich beschäftigen mit den Folgen der NS-Geschichte, nämlich der Zeit von 1945 bis 1960, 1965 und uns ansehen, was wirklich passiert ist und wo die Täter wirklich geblieben sind."

Das vollständige Gespräch mit Bettina Stangneth können Sie mindestens bis zum 9.9.2011 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

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