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Zeitfragen | Beitrag vom 24.07.2019

Historiker zum Streitthema ImmunisierungEine kleine Geschichte des Impfens

Malte Thießen im Gespräch mit Philipp Schnee

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Ein Holzstich, koloriert, nach Zeichnung von Hermann Lueders (1836-1908) aus dem Jahr 1890 zeigt Robert Koch umgeben von Ärzten beim Impfen eines Mannes. (picture-alliance / akg-images / Hermann Lueders)
Der Mediziner und Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) führt vor einer Ärztedelegation in der Berliner Charité eine Impfung durch. (picture-alliance / akg-images / Hermann Lueders)

Impfen ist eine ideale Projektionsfläche: Deshalb stritt man vor 145 Jahren im Reichstag ähnlich wie heute über ein Impfgesetz, sagt der Historiker Malte Thießen - zu Zeiten der deutschen Teilung habe es sogar eine Art "Kalten Impfkrieg" gegeben.

Philipp Schnee: Ein Streitthema: Soll ich mich, meine Kinder impfen. Ist Impfen Privatsache oder Nicht-Impfen einfach unverantwortlich? In Kitas, in Schulen aber auch im Bundestag wird das bald wieder heftig diskutiert werden. Denn das Bundeskabinett hat eine Masern-Impfplicht beschlossen, die Gesetz werden soll. Und – diese Debatten sind so alt wie die Möglichkeit zu Impfen selbst. Malte Thießen ist Historiker an der Universität Münster und er hat diese Geschichte des Impfens untersucht.

Herr Thießen, fangen wir mal ganz vorne an, nicht beim Streit, sondern beim Fortschritt. Seit wann wird eigentlich geimpft und was waren so die ersten Krankheiten, gegen die geimpft wurde?

"Erste Versuche des Impfens schon vor gut 2000 Jahren"

Malte Thießen: Tatsächlich lassen sich so die ersten Versuche des Impfens schon vor gut 2000 Jahren feststellen. Erste Versuche gibt es in China, dort merkt man nämlich bei Pockenkranken, dass man, wenn man sich den Schorf der Pockennarben sozusagen durch die Nase einflößt, anschließend immunisiert ist. Das geht, können Sie sich vorstellen, dann meist noch gründlich schief, aber das sind so die ersten Versuche, um so etwas wie Impfen oder Immunität zu lernen.

Eine Spritze sticht in einen Arm. (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Aus ersten Impfversuchen vor über 2000 Jahren sei heute das Lebensgefühl Immunität geworden, sagt Malte Thießen. (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Schnee: 1874 wurde in Deutschland dann ja ein Impfgesetz eingeführt, also ab da ging es dann wahrscheinlich so richtig los mit dem, was man heute im Sinne des Herdenschutzes dann auch begreift. Die Pockenimpfung wurde da verpflichtend. Gab es damals auch schon eine Kontroverse um dieses Gesetz oder war die medizinische Leistung damals noch so überzeugend für die Menschen, dass sie das einfach alle befürwortet haben?

Thießen: Ja, tatsächlich reibt man sich manchmal die Augen, wenn man die alten Debatten vor jetzt ja gut 145 Jahren sich mal betrachtet. Das klingt ganz erstaunlich vertraut. Tatsächlich wird im Reichstag über Dinge gestritten, über die wir uns heute genauso streiten.

Es geht, klar, auch immer um die Skepsis vor dem medizinischen Fortschritt, es geht um Auseinandersetzungen zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde, auch das ist damals schon eine Auseinandersetzung, aber vor allem geht es eben um die Grundsätze der Gesellschaft. Es geht um die Frage, was eigentlich wichtiger ist, das Allgemeinwohl oder eben das Recht des Individuums, das Selbstbestimmungsrecht über seinen Körper.

Gefängnis- und Geldstrafen für Impfgegner

Schnee: Was ich bei Ihnen ganz erstaunlich fand, ich glaube, das war in der Weimarer Republik, also der ersten deutschen Demokratie, da gab es einen Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung mit, ich glaube, 300.000 Mitgliedern, also enorm vielen. Es gab auch eine Reichsimpfgegnerzentrale, schöner Name – das klingt alles nach enormen Widerständen. Warum sind denn so viele Menschen, warum waren denn so viele Menschen gegen das Impfen? Was war es genau, welches Unbehagen drückt sich da aus?

Thießen: Ich glaube, das Interessante daran ist, und das können wir auch heute noch beobachten, dass Impfen immer ein Stück weit eine Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Ängste ist. Und genau deshalb mobilisiert das Impfen tatsächlich von Beginn an immer wieder große Impfgegnerverbände. Die großen Zahlen haben Sie ja genannt, tatsächlich Hundertausende, die in den Verbänden zusammenkommen.

Und das hängt damit zusammen, dass sich das Impfen instrumentalisieren lässt für Ängste zum Beispiel vor der Moderne überhaupt, also vor einem Eingriff in Gottes Wille oder überhaupt die Natürlichkeit des Lebens. In der Weimarer Republik bleibt man eigentlich beim Bewährten, man führt das fort, was im Kaiserreich eingeführt worden ist. Es gibt tatsächlich nach wie vor die Impfpflicht gegen Pocken, die Pocken sind eigentlich das einzige Impfprogramm, was man als Staat in der Zeit systematisch durchführen kann.

Das heißt, die Impfpflicht bleibt bestehen, und das führt auch dazu, dass Impfgegner zum Teil ins Gefängnis gehen müssen beziehungsweise hohe Geldstrafen zahlen müssen und dass Zwangsimpfungen durchgeführt werden.

Schnee: Also eine recht hart durchgezogene Impfpflicht in der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik. Wann lockert sich denn dann diese staatliche Einstellung gegenüber dem Impfen?

Thießen: Das war tatsächlich einer der überraschendsten Befunde, die ich in meinen Forschungen herausgefunden habe, dass es erste Lockerungen tatsächlich ausgerechnet im Dritten Reich gibt. Wir kennen das Dritte Reich ja als Biodiktatur – und zwar vollkommen zurecht – mit schlimmen Maßnahmen wie Zwangssterilisation, die Euthanasie und vielem anderen. Aber beim Impfen lässt sich tatsächlich nach der Machtergreifung eine gewisse Lockerung feststellen.

Liberalisierung der Impfpflicht während der NS-Diktatur

Schnee: Wie ist das erklärbar, dass es genau oder gerade im Nationalsozialismus dann zu einer Liberalisierung führt, was man ja gemeinhin nicht mit diesem Regime und auch dieser Ideologie verbindet?

Thießen: Es gibt da unterschiedliche Gründe. Das eine ist – eigentlich das Naheliegendste –, dass innerhalb der NSDAP viele Befürworter der Naturheilkunde und auch Gegner der Schulmedizin zu finden sind. Interessanterweise setzen sich diese Strömungen aber gar nicht durch. Die NSDAP, insbesondere auf Druck der Wehrmacht, erkennt ziemlich schnell, so ganz schwachsinnig ist das mit dem Impfschutz nicht, gerade wenn man an ferne Kriege denkt.

Deshalb ist die Freiwilligkeit bei der Pockenimpfung dann erst mal offiziell vom Tisch, sie wird aber inoffiziell gelockert, sodass es tatsächlich im Laufe der 30er-Jahre nur noch zu 60 bis 70 Prozent Impfungen gegen Pocken gibt.

Ein vielleicht noch interessanteres Beispiel ist die Einführung der Diphtherieschutzimpfung Ende der 1930er-Jahre, denn diese Impfung wird explizit als freiwillige und nicht als Pflichtimpfung eingeführt – und das ist tatsächlich etwas, worüber sich Historikerinnen und Historiker erst mal die Augen gerieben haben. Wie lässt sich das erklären?

Aufklärung und Angstpolitik wirksamer als Zwang

Schnee: Und wie lässt es sich erklären?

Thießen: Ich glaube, es gibt mehrere Gründe für diese erstaunliche Freiwilligkeit – gerade im Dritten Reich. Der wichtigste Grund ist der Erfolg und das Aufkommen von Pharmaunternehmen. Pharmaunternehmen gibt es schon länger, aber in den 30er-Jahren und gerade bei der Diphtherieschutzimpfung entwickeln die Unternehmen ein ganzes Arsenal an Werbemaßnahmen, von Broschüren, von Radiobeiträgen. Filme sind zu sehen und sogar Theaterstücke werden aufgeführt, mit denen die Impfung propagiert werden soll.

Und diese Impfkampagnen, diese Werbekampagnen, die haben erstaunlichen Erfolg. Das führt dazu, dass man Ende der 30er-Jahre Untersuchungen durchführt und die freiwillige Diphtherieschutzimpfung vergleicht mit der Pflichtimpfung gegen Pocken. Und man merkt, die Pockenimpfung hat im Schnitt so zwischen 60 und 80 Prozent Impfquote, die Diphtherieschutzimpfung weit über 90, oft über 95 Prozent.

Das heißt, man lernt unterm Strich, dass Aufklärung, aber auch Propaganda, Angstpolitik sehr viel wirksamer sind, als jeder Zwang.

Ökonomisierung des Impfens in den 1930er Jahren

Schnee: Wenn Sie das jetzt so erzählen, stellt sich die Frage: Es gibt ja immer diesen Vorwurf, diese Verschwörungstheorie, Impfen sei Pharmapropaganda aus Profitinteresse. Kann man dann sagen, dass dieses Narrativ auf die NS-Zeit zurückgeht, so wie Sie es beschrieben haben, weil dort sozusagen die Medien entdeckt werden, um die Leute zum Impfen zu bringen – und weil die Unternehmen so die treibende Kraft werden beim Impfen?

Thießen: Tatsächlich ist die NS-Zeit wirklich eine wichtige Umbruchzeit in der öffentlichen Wahrnehmung von Impfungen. Und das hängt damit zusammen, dass die Pharmaunternehmen eine unheimlich starke Stellung gewinnen. In den 30er-Jahren merken wir eine Vermarktlichung, eine Ökonomisierung des Impfens.

Und genau das ist, würde ich sagen, eine Geburtsstunde für Skepsis, für Ängste vor einer Pharmaindustrie, die nur Profit machen will – und das natürlich im Zweifelsfall, so dann die Legenden, auf Kosten dann auch der Gesundheit Einzelner.

Schnee: Ich gehe jetzt mal einen Schritt weiter in die Nachkriegszeit. Ich habe auch mal bei uns im Radioarchiv nach dem Stichwort impfen gesucht und unter anderem das hier aus dem Jahr 1961 gefunden.

O-Ton Radiobeitrag 1961: Und nun zu einem Thema, das von der kommunistischen Propaganda in jüngster Zeit für ihre Zwecke missbraucht wurde. Der Direktor des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Professor Georg Henneberg, gibt einen Überblick der Maßnahmen, die in West und Ost zur Verhütung der Kinderlähmung ergriffen worden sind.

"Man kann wirklich von einem Kalten Impfkrieg sprechen"

Schnee: Da musste ich dann schon zweimal nachhören. In dieser Moderation des RIAS, also des Rundfunks im amerikanischen Sektor, wird das Impfen in direkten Zusammenhang mit kommunistischer Propaganda gebracht. Das sind ja schon ganz schön harsche Worte. War Impfen wirklich so ein Schlachtfeld des Kalten Krieges?

Thießen: Tatsächlich würde ich aus heutiger Perspektive, wenn man sich die Quellen anguckt, genau das bestätigen. Man kann wirklich von einem Kalten Impfkrieg sprechen. In der DDR bekommt das Impfen eine ganz wichtige Funktion für das Selbstverständnis, die Schaffung der neuen Gesellschaft, des neuen Menschen – alles das hängt zusammen mit einem präventiven, aufgeklärten Gesundheitsbewusstsein, so versucht man es zu vermarkten. Und das heißt, Erfolge bei Impfungen, hohe Impfquoten stehen sozusagen für die Erfolge des Sozialismus.

Schnee: Und war die DDR auch so erfolgreich beim Impfen?

Thießen: In der Tat ist die DDR sehr viel schneller mit Impfpflichten dabei. Und mit diesen Impfquoten brüstet man sich natürlich gerne, zum einen nach innen, man demonstriert also, wir sorgen für eure Sicherheit, wir schützen euch, aber vor allem eben nach außen. Man hält dem Systemgegner, dem Westen, vor, dass der sich nicht um seine Bürger kümmere, und vergleicht die hohen Impfquoten im Osten mit denen im Westen.

Es gibt, weil Sie jetzt gerade das Beispiel 1961 eingespielt haben, ein ganz wunderbares Beispiel. 1961 macht die DDR dem Bundeskanzler Konrad Adenauer ein Angebot, nämlich Entwicklungshilfe zu leisten.

DDR bietet der BRD beim Impfen Entwicklungshilfe an

Schnee: Also die DDR möchte der BRD Entwicklungshilfe leisten?

Thießen: Genau, exakt! Und zwar bietet die DDR der Bundesrepublik drei Millionen Impfdosen gegen die Kinderlähmung an, und zwar wegen der erschreckenden Meldung, wie es heißt, natürlich mit süffisantem Unterton, wegen erschreckender Meldungen, dass doch die Impfquote so niedrig sei im Westen und so hohe Sterblichkeitszahlen im Westen zu vermelden seien, während man im Osten ja vollkommen frei von der Seuche sei, wie es dann heißt.

Das heißt, man demonstriert mit diesem großzügigen Angebot, was natürlich sofort zurückgewiesen wird, auf welchem Stand man steht und wer im Wettbewerb um die gesündere Gesellschaft die Nase vorn hat.

Ein unter der Rubrik "Sonstige Impfungen" mit "2. Masernimpfung" abgestempelter Impfausweis aus DDR-Zeiten, aufgenommen am 26.04.2015 in Leipzig (dpa-Zentralbild / Jan Woitas)Impfausweis aus DDR-Zeiten mit dokumentierter "2. Masernimpfung" (dpa-Zentralbild / Jan Woitas)

Schnee: Sie sagen ja auch: Immunität, das ist heute ein Lebensgefühl. Was genau meinen Sie damit?

Thießen: Die Vorstellung, dass man gegen Infektionskrankheiten sich nicht schützen kann, ist für uns etwas Ungeheuerliches, geradezu Mittelalterliches. Das kann man immer wieder an neuen Seuchen beobachten, zuletzt zum Beispiel bei Ebola oder Sars. Krankheiten, gegen die noch keine systematischen Impfprogramme oder zumindest noch keine etablierten Programme bestehen, wecken plötzlich überall Ängste. Wie kann das sein, dass in einer modernen Welt wie der unseren Infektionskrankheiten eine Bedrohung sein können?

Und das, glaube ich, ist einerseits ein Zeichen dafür, dass uns die Debatten auch in Zukunft noch lange verfolgen werden, aber andererseits eben auch ein Ausdruck des Erfolges von Impfungen, dass sie heutzutage so selbstverständlich geworden sind, dass wir eigentlich Immunität schon geradezu als natürliche Grundausstattung unseres Körpers empfinden.

"Impfungen sind immer wieder Opfer ihrer Erfolge"

Schnee: Heute wird ja auch argumentiert, nicht die wenigen Gegner, sondern die Sorglosen, also die Impfmüdigkeit sei das größere Problem. Zeigt sich das auch in der Geschichte, also ist Impfen eher eine Motivationsfrage?

Thießen: Tatsächlich sind eben Impfungen immer wieder Opfer ihrer Erfolge. Je stärker Impfungen sich durchsetzen – und die Krankheiten zurückgedrängt werden –, desto sorgloser wird man. Das ist eine wahrscheinlich, ich glaube, nachvollziehbare Entwicklung. Und ich glaube, das ist tatsächlich das größere Problem an Impfmüdigkeit, als an harter Impfgegnerschaft.

Es gibt immer einen harten Kern, glaube ich, an Impfgegnern, und ich bin mir nicht sicher, ob man die Hardcore-Impfgegner tatsächlich mit guten Gründen überzeugen kann. Wichtiger ist es, glaube ich, die Sorglosen oder die Impfmüden zu gewinnen mit Aufklärungskampagnen und Unterstützungsmaßnahmen, das sind, glaube ich, die gezielteren Maßnahmen.

Das sind zumindest die Maßnahmen, die, wenn man historisch zurückblickt, sehr viel effektiver dann für einen hohen Herdenschutz gesorgt haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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