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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.02.2018

Historiker zum Protest gegen US-Waffengesetze "Ein Marsch macht noch keinen Wandel"

Jürgen Martschukat im Gespräch mit Ute Welty

Emma Gonzalez bei einer Demonstration in Florida (AFP)
Die Schülerin Emma Gonzalez ist mit ihrer ergreifenden Rede bei einer Demonstration in Florida zum Gesicht der neuen Protestbewegung gegen die US-Waffengesetze geworden. (AFP)

Nach ihrer bewegenden Rede bei einer Demonstration ist die 18-jährige Schülerin Emma Gonzalez zum Gesicht der Protestbewegung gegen die US-Waffengesetze geworden. Der Historiker Jürgen Martschukat ist skeptisch, ob ihr Auftritt zu einer neuen Protestbewegung führen könnte.

Schießereien an Schulen in den USA sind trauriger Alltag. Allein in diesem Jahr kam es nach Angaben von Waffengegnern in US-Schulen bereits zu 18 Schusswechseln. Nach der Gewalttat in Parkland im Bundesstaat Florida starben zuletzt 17 Menschen. Nach ihrer bewegenden Rede bei einer Demonstration ist die 18-jährige Schülerin Emma Gonzalez zum Gesicht der Protestbewegung gegen die US-Waffengesetze geworden. Gonzalez sagt, sie gehöre zur "Generation Columbine", einer Schülergeneration, die mit Metalldetektoren in ihren Schulen aufwachsen musste. Ihre Grunderfahrung ist, dass Schulen gefährliche Orte sein können.

Langer Atem nötig

Ein Marsch mache noch keinen Wandel, sagte der Historiker Jürgen Martschukat im Deutschlandfunk Kultur. "Wir wissen, wie wichtig Märsche in der US-Geschichte werden können aus der Bürgerrechtsbewegung, aber da braucht es mehr", sagte der Professor für Nordamerikanische Geschichte in Erfurt. Gegen die mächtige Waffenlobby sei ein langer Atem nötig, um sich da durchzusetzen und eine anhaltende Präsenz zu halten. "Wenn da noch mehr nachkommt, dann kann da etwas daraus werden." Die Aufmerksamkeit konzentriere sich im Moment sehr stark auf Gonzalez, aber die Bewegung müsse größer werden und auf mehr Schultern ruhen. "Die Proteste müssen vielfältiger und anhaltender werden." Am Ende müsse es eine Veränderung der Kultur in den USA geben, aber auch ein Gesetzgebungsverfahren.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Generation Columbine, so nennt man die jungen Leute, die gegen Waffengewalt an amerikanischen Schulen protestieren in Erinnerung an das Massaker von Columbine 1999. Zuletzt war Parkland Ort eines solchen Geschehens, und zuletzt war es Emma Gonzales, die dem Protest ein Gesicht gegeben hat. Die Schülerin hatte in einer ergreifenden Rede die laschen Waffengesetze in den USA angeprangert und die Politiker, die entsprechende Spenden annehmen.

Heute ist Emma Gonzales zu Gast im amerikanischen Fernsehen, und der amerikanische Präsident trifft Überlebende von Parkland. Wie die amerikanische Politik und die amerikanische Gesellschaft nach Parkland reagieren, das beobachtet Jürgen Martschukat genau, Professor für nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt, der schon viel zur Geschichte der Gewalt geforscht hat. Einen schönen guten Morgen wünsche ich!

Jürgen Martschukat: Ja, schönen guten Morgen!

Welty: Schießereien an amerikanischen Schulen sind ja leider keine Seltenheit, und das Entsetzen danach ist verständlicherweise immer groß. Jetzt aber erscheinen die Proteste lauter und sind auch längerfristig angelegt, beispielsweise mit einer Demonstration im März. Kann daraus jetzt tatsächlich so etwas wie eine Bewegung erwachsen?

Martschukat: Also erst mal muss man den jungen Leuten, die da jetzt protestieren und aus ihrer persönlichen Erfahrung anfangen, eine Politik zu entwickeln, ganz große Anerkennung für ihr Engagement zollen. Das ist wirklich ein sehr wichtiger Schritt, um da vielleicht auch eine Änderung zu erzielen. Gleichzeitig würde ich sagen, macht ein Marsch noch keinen Wandel, und wir wissen, wie wichtig Märsche in der US-Geschichte werden können, aus der Bürgerrechtsbewegung, aber da braucht es mehr.

Da wird es einen langen Atem brauchen, um gegen die mächtige Waffenlobby tatsächlich ein Gegengewicht zu setzen und sich da durchsetzen zu können und anhaltende Präsenz zu haben. Also wenn da noch mehr nachkommt, dann kann da was draus werden, aber das muss auch schon noch passieren dann.

Schüler warten mit Gepäck vor einem Bus (dpa/Mike Stocker)Schüler aus Parkland machten sich mit Bussen auf den Weg zu Kundgebungen und zum Parlament (dpa/Mike Stocker)

Schwierige politische Konstellation

Welty: Was ist denn dieses Mehr, was macht das aus?

Martschukat: Im Moment konzentriert sich ja die Aufmerksamkeit sehr auf diese eine junge Frau, auf Emma Gonzales, und die Bewegung muss einfach größer werden, die muss auf mehr Schultern ruhen. Die Proteste müssen vielfältiger und anhaltender werden. Man muss es tatsächlich schaffen, die dann auch in die politischen Verfahren reinzutragen.

Also am Ende des Tages wird eine Veränderung der Kultur stehen müssen, das ist sehr wichtig, aber es wird auch ein Gesetzgebungsverfahren da stehen müssen, was eben die Möglichkeiten, an Waffen zu kommen, und auch die Legalität bestimmter Waffen einschränkt, und das ist sehr schwierig. Das ist immer sehr schwierig, und das ist in der derzeitigen politischen Situation, also wie wir die Konstellation haben mit Präsident und Kongress und den beiden Häusern und der Macht der NRA, der National Rifle Association, besonders schwierig.

Welty: Emma Gonzales sagt von sich, sie gehört zur "Generation Columbine", eine Generation von Schülern, die mit Metalldetektoren an den Schulen aufgewachsen ist und mit Antiterrortrainings in den Klassenzimmern. Wie verändert das junge Leute?

Martschukat: Das kann natürlich nicht ohne Einfluss auf die Wahrnehmung von sich selber und auch der Umwelt, also der Gesellschaft, in der man lebt, bleiben, wenn man eben, Sie haben es angesprochen, an Schulen geht, wo es Metalldetektoren gibt und Verhaltensübungen im Unterricht, Kontrollen an den Türen. Das macht natürlich einen anhaltenden Eindruck.

Auch die Tatsache, dass es halt vergleichsweise regelmäßig Shootings an Schulen gibt, ist natürlich ein wichtiger Faktor, und dass auch diese Shootings an Schulen, auf die sich ja oft die Aufmerksamkeit sehr konzentriert, die öffentliche Aufmerksamkeit, beileibe nicht die einzigen sind. Ich hab das noch mal nachgeguckt, in den letzten fünf Jahren hat es 1600 sogenannte Mass Shootings in den USA gegeben, das heißt, Schießereien, Massaker, bei denen es vier oder mehr Tote oder Verletzte gegeben hat. Und das ist fast jeden Tag eins.

Die beiden Verkäufer sind schwarz gekleidet und hängen ein Schild an ein Gewehr. Im Hintergrund sieht man in einer Wandhalterung zahlreiche weitere Gewehre. (AFP / JEWEL SAMAD)Waffenkäufe sind in den USA selbstverständlich (AFP / JEWEL SAMAD)

Trump und die Waffenlobby

Welty: Expräsident Obama hat sich ja schon fast verzweifelt für strengere Waffengesetze eingesetzt, ohne wirklichen Erfolg, mit Trump sitzt jetzt ein Freund der Waffenlobby im Weißen Haus. Inwieweit beflügelt das den Protest?

Martschukat: Ja, das beflügelt den Protest. Sicher, einerseits beflügelt das den Prozess sicher, man konnte neulich ja allerdings auch lesen, dass es die Leute, die eben eher Waffenanhänger und - anhängerinnen sind, beruhigt, also die Waffenindustrie hat durchaus Schwierigkeiten im Moment, weil dieses Gefühl, aufrüsten zu müssen, offensichtlich bei den Leuten etwas gemildert worden ist. Also das ist durchaus ambivalent.

Festzuhalten ist, dass die Waffenlobby substanziell in Trump und seinen Wahlkampf investiert hat und die politische Situation eben nicht gerade günstig ist, auch wenn er jetzt angekündigt hat, über kleinere Änderungen nachdenken zu wollen.

Welty: Donald Trump trifft sich ja auch heute mit Überlebenden, und Sie haben es gerade schon gesagt, er hat kleinere Korrekturen angeboten. Ist das mehr als ein Trostpflaster?

Martschukat: Es könnte einerseits ein Trostpflaster sein, es könnte aber andererseits eben auch genau diese Art von Eingeständnis sein, die dazu führt, dass wirkliche Veränderungen sagen wir mal abgeblockt werden. Das ist ja eine beliebte Strategie, in einem Detail nachzugeben, so wichtig das auch ist, den Zugriff auf diese halbautomatischen Waffen zu begrenzen und stärker zu kontrollieren.

Aber das kann wie gesagt das eine kleine Nachgeben in einem Bereich sein, was eine große tatsächliche Veränderung abblockt. Also da muss man einfach mal abwarten, was passiert, was sich daraus entwickelt. Was sicher ganz klar erkennbar ist, ist, dass es im Moment schwierig wird, mit diesem "thought and prayers", also Gedenken und Gebeten, die Leute erst mal wieder ruhigzustellen und in diese üblichen Rituale des Trauerns einzufallen und danach "politics as usual" weiterzumachen – das scheint im Moment schwieriger zu sein.

Unangemesse Reaktion

Welty: Aber das ist ja offensichtlich eine Situation, die Donald Trump sehr genau analysiert hat als der Instinktpolitiker, der er ja auch ist.

Martschukat: Na ja, er hat ja auch Berater, und die werden ihm da sicher auch etwas geflüstert haben, wie es jetzt opportun ist, zu reagieren. Seine ersten Reaktionen waren ja offensichtlich nicht gerade angemessen, also eine für seine Verhältnisse längere Rede dort zu halten und kein einziges Mal das Wort Waffen in den Mund zu nehmen dabei, sondern die Schuld oder die Verantwortung an alle möglichen Stellen abzulagern. Also die ersten Reaktionen waren ja schon sehr verhalten. Jetzt scheint sich so einer leichten Bereitschaft zur Veränderung etwas mehr Raum zu bieten, also ich bin da sehr skeptisch.

Welty: Das wollte ich gerade noch mal gefragt haben. Wenn Sie diese Konstellation insgesamt betrachten, wie groß ist die Chance auf eine wirkliche Veränderung – 10 Prozent, 20 Prozent?

Martschukat: In Prozent kann ich das nur schwer bemessen. Es gibt so eine ja auch fest etablierte Kultur des offensiven Schusswaffengebrauchs in der amerikanischen Geschichte, also bei Verlusterfahrungen, Verlust von Territorium oder Privilegien liegt es relativ nahe in der amerikanischen Kultur, an Waffengebrauch zu denken, und das ist was, was über Trump und Obama und die politischen Spiele in den letzten Jahren hinausgeht.

Deswegen glaube ich, dass tatsächlich eine nachhaltige Änderung zu schaffen, sehr schwierig sein wird, auch angesichts jetzt in kürzeren Zeiträumen gedacht, also angesichts doch der politischen Konstellation der Mehrheitsverhältnisse im Kongress. Und das wird sich ja auch jetzt bei den anstehenden sogenannten "midterm elections" im November vielleicht nur partiell ändern.

Welty: Jürgen Martschukat war das, Professor für nordamerikanische Geschichte in Erfurt. Haben Sie Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

   

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