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Im Gespräch | Beitrag vom 08.11.2019

Historiker und Buchautor Christian von Ditfurth "Mein Blinddarm ist in Leipzig begraben"

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Der Autor Christian von Dithfurth steht vor einer modernen Glas-Beton-Fassade. (Rainer Hofmann  )
1973 trat Christian von Ditfurth in die DKP ein, zehn Jahre lang war er dort Mitglied. Ein Jahr verbrachte er in Ost-Berlin und wurde dort am Frank Mehring Institut in Marxismus-Leninismus geschult. (Rainer Hofmann )

Christian von Ditfurth ist Historiker, er hat Sachbücher über die SPD und das Internet geschrieben, vor allem aber ist der 66-Jährige erfolgreicher Krimi-Autor. Zehn Jahre war er Mitglied der DKP – eine Zeit, auf die er heute mit Unverständnis blickt.

"Ultimatum" - so der aktuelle Thriller von Christian von Ditfurth - führt ins Kanzleramt. Der Ehemann der Kanzlerin, ein gewisser Professor Süß, wird entführt, die Regierung erpresst und wie ernst es ist, zeigt die abgetrennte Hand des Entführten, die ins Polizeirevier geschickt wird. Die Kanzlerin, so Christian von Ditfurth, taucht nicht namentlich auf, aber es gibt Ähnlichkeiten.

"Ich glaube, dass sie in Zeiten der Krise durchaus gut ist, dass sie sich im Griff hat und dass, wenn es wirklich ernst wird – und im Roman wird es ernst, auch für sie persönlich –, sie dann in der Lage ist, die Dinge sachlich  zu sehen, also neben sich zu treten und sich  selbst zu kontrollieren. Insofern kommt sie sympathisch rüber, weil sie nicht ausrastet, sondern rational handelt, reagiert oder denkt."

In einer Baracke geboren

Christian von Ditfurth kam 1953 in Würzburg zur Welt. Die Eltern waren Flüchtlinge aus dem Osten und mussten nach dem Krieg bei null anfangen.

"Ich wurde in einer Baracke geboren, und die stand neben der Universitätsklinik in Würzburg, wo mein Vater als Psychiater tätig war, als Assistenzarzt."

Der Vater, Hoimar von Ditfurth, wurde später einem breiten Publikum durch die ZDF-Sendung "Querschnitt" bekannt; er verfasste auch mehrere populärwissenschaftliche Bücher.

"Damals ging es ihnen hundsmiserabel schlecht. Sie unterlagen einer Diktatur der Chefärzte.  In dem Fall meines Vaters, wusste er glaubwürdig zu berichten, war es besonders brutal.  Das Einzige, was er sich leistete neben einer Mietswohnung, in der es nur einen Ofen gab, war eine Lambretta, ein italienischer Motorroller, den er gebraucht gekauft hatte.  In das Kinderzimmer wurden Steroporwände eingezogen, weil es keine Heizung gab, um das nicht ganz so kalt werden zu lassen. Also, das waren keine leichten Zeiten."

Incognito in der DDR

1973 trat Christian von Ditfurth in die DKP ein, zehn Jahre lang war er dort Mitglied. Ein Jahr verbrachte er in Ost-Berlin und wurde dort am Frank Mehring Institut in Marxismus-Leninismus geschult. Die DDR-Bevölkerung hatte von der Präsenz westdeutscher Kader keine Ahnung. Christian von Ditfurth lebte dort mehr oder weniger incognito. Ein Beispiel für seine Geheimexistenz: seine Blinddarmoperation in Leipzig 1977.

"In der Leipziger Uniklinik fragte die Dame nach meinem Sozialversicherungsausweis, was üblich war, denn es wurde ja darüber abgerechnet. 'Der hat keinen Sozialversicherungsausweis', sagte die Dame. 'Als was dann?' Dann wurde telefoniert. Dann rief offenbar die Bezirksleitung der SED an und sagte: 'Den gibt es nicht, aber ihr müsst ihn operieren.' Und ich landete in einem Einzelzimmer, sah dann später diese Massensäle, die sie da hatten als Krankenzimmer und wurde höchstpersönlich vom Chefarzt dieser Klinik operiert, damit bloß nichts schiefgeht. Stellen Sie sich vor, eine Operation Westpatient geheim scheitert. Was machen Sie da mit dem?" Sein Blinddarm sei in Leipzig begraben.

Der Mauerfall überraschte ihn nicht

Heute blickt Christian von Ditfurth mit etwas Unverständnis auf seine Zeit bei der DKP zurück. 1983 trat er aus der Partei aus.  

"Dann hatte ich mein Studium ja beendet, erstaunlicherweise, und kam in eine normale Ortsgruppe in Hamburg. Das war ein Absturz der Sonderklasse. Es gab dort keine Diskussionen mehr, die glaubten einfach alles." Der Mauerfall kam für ihn nicht überraschend. Denn, so Christian von Ditfurth, die DDR war ein marodes System, das ohne die Unterstützung der Sowjetunion kaum eine Überlebenschance hatte.  

"Ich neige nicht zur Euphorie, ich bin also nicht rumgetobt wie viele andere. Aber da dachte ich, das ist für die Leute, die  unter dem System gelitten hatten, vor allem die, die gegen es gekämpft haben – das waren ja nur wenig - ist das ein guter Erfolg. Aber ich habe gleich gewusst, was auf sie zukommt."

(svs)

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