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Vollbild | Beitrag vom 13.03.2021

Historiker über "Vorbehaltsfilme"NS-Propagandafilme gehören nicht in den Giftschrank

Andreas Kötzing im Gespräch mit Susanne Burg

Der Schauspieler Heinrich George und die Schauspielerin Kristina Soederbaum in dem NS-Propagandafilm "Kolberg" von 1945. Ein älterer Mann drückt eine jungere Frau. (picture-alliance/dpa/akg-images)
Der Schauspieler Heinrich George und die Schauspielerin Kristina Söderbaum in dem NS-Propagandafilm "Kolberg" von 1945. (picture-alliance/dpa/akg-images)

Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Alliierten NS-Propagandafilme. Und bis heute sind sogenannte "Vorbehaltsfilme" wie "Kolberg" oder "Jud Süß" immer noch nur selten zu sehen. Für Filmhistoriker Andreas Kötzing ist das nicht mehr zeitgemäß.

Susanne Burg: "Hitlerjunge Quex", "Kolberg" oder "Jud Süß" – die Titel dieser NS-Propagandafilme sind durchaus bekannt, aber öffentlich sehen kann man die Filme nur selten. Sie gehören – zusammen mit etwa 40 anderen Produktionen – zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen. Das heißt, sie dürfen nur mit einer wissenschaftlichen Einführung gezeigt werden. Wie es zu dieser Regelung kam, warum manche Propagandafilme auf der Vorbehaltsliste stehen, andere jedoch nicht, und wie sinnvoll das Verbot überhaupt noch ist nach mehr als 80 Jahren – diesen Fragen geht eine neue wissenschaftliche Studie nach, die vor Kurzem im Schüren-Verlag erschienen ist. "Von Kanonen und Spatzen" heißt sie. Der Filmhistoriker Andreas Kötzing hat sie gelesen. Herr Kötzing, welchen Zeitraum nimmt die Studie denn in den Blick und wie geht sie vor?

Andreas Kötzing: Na ja, das Buch ist ja die Doktorarbeit von Johanne Hoppe, einer Filmwissenschaftlerin aus Potsdam, die in ihrer Arbeit den Umgang mit den NS-Filmen tatsächlich nach 1945 untersucht hat, insbesondere die Verbotsgeschichte dieser Filme. Sie startet bei den Alliierten, die zunächst ja recht rigoros die NS-Propaganda gesperrt haben. Dann zeichnet sie in der Arbeit den Verlauf in den folgenden Jahrzehnten nach und schließt damit, wie ich finde, eine ganz wichtige Forschungslücke, denn es ist ja bekannt, dass heute die Murnau-Stiftung das frühe deutsche Filmerbe und damit auch den Großteil der NS-Filme verwaltet.

Aber die Stiftung wurde ja erst 1966 gegründet, und wie sah es eigentlich davor aus, wie wurden die Bestimmungen der Alliierten umgesetzt, welche Rolle hat damals die FSK gespielt, und wie kam es eigentlich, dass dann nach und nach immer mehr der ursprünglich verbotenen NS-Filme freigegeben wurden. Das sind so die zentralen Aspekte, die sie untersucht anhand von Aktenmaterial, aber auch natürlich anhand der Filme selbst, wobei ich eben ganz besonders spannend finde, dass sie auch diese fiktive Trennung von Propagandafilmen auf der einen Seite und vermeintlich unpolitischen Unterhaltungsfilmen auf der anderen Seite, auf dem ja letzten Endes diese ganze Zensurgeschichte der NS-Filme aufbaut, dass die eben sehr kritisch hinterfragt wird in dieser Studie.

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Burg: Ja, diese Aufteilung in Propagandafilme und Unterhaltungsfilme, die hält sich ja tatsächlich bis heute, obwohl sie sich doch eigentlich gar nicht klar trennen lässt, oder?

Kötzing: Na ja, das ist ja genau der Punkt, auf den unter anderem schon der Filmemacher und Publizist Erwin Leiser in den 1960er-Jahren hingewiesen hat, um zu zeigen, dass Propaganda eben nicht nur aus offensichtlichen Motiven und Symbolen besteht, sondern wesentlich subtiler funktioniert, und dass gerade die Unterhaltungsfilme einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben, das NS-System zu stabilisieren. Im Umgang mit den Filmen nach 1945 – das zeigt Johanne Hoppe sehr gut in ihrer Arbeit – hat man ja auch häufig geglaubt, es reicht, wenn man aus den Unterhaltungsfilmen Hakenkreuze oder Personen in Naziuniform herausschneidet.

Mit solchen Schnitten wurden sehr viele Ufa-Filme entnazifiziert, wenn man das so will, um sie dann wieder im Kino oder später im Fernsehen zeigen zu können, wobei man nicht zuletzt außer acht lassen sollte, dass es auch natürlich ökonomische Gründe hatte. Denn es gab damals wirklich eine große Nachfrage im Publikum nach den alten Ufa-Filmen, die wollten tatsächlich die Leute sehen – im Kino und dann später auch im Fernsehen.

Der Umgang in der DDR mit NS-Filmen

Burg: Die Autorin Johanne Hoppe beleuchtet ja nicht nur den Umgang mit den NS-Filmen in der Bundesrepublik, sondern auch den Diskurs in der DDR. Wie ist man denn dort mit der Propaganda umgegangen?

Kötzing: Schon ein Stück weit konsequenter, indem man die meisten offenkundigen Propagandafilme tatsächlich verboten hat und diese dann auch verboten geblieben sind und selbst für interne Zwecke, zum Beispiel in der Forschung, nur in Ausnahmefällen gesichtet werden konnten – allerdings mit einer ganz großen Ausnahme: Nämlich der antibritischen Titanic-Verfilmung von Herbert Selpin, die aufgrund ihrer antibritischen Ausrichtung wiederum sehr anschlussfähig für die eigene SED-Propaganda war und in der DDR tatsächlich wiederholt im Kino gezeigt wurde.

Ein bisschen differenzierter ist die Lage bei den Unterhaltungsfilmen aus der NS-Zeit. Da würde ich durchaus auch eine kleine Kritik an der Studie von Johanne Hoppe üben wollen, weil sie da, finde ich, etwas oberflächlich ist. Da war die Kulturpolitik in der DDR keineswegs so konsequent, denn die Ufa-Reprisen hatten auch in der DDR ein ziemlich treues Publikum – in den 50er-Jahren erst im Kino, später dann mit einem festen Sendeplatz im Fernsehen oder auch in der Unterhaltungssendung "Willi Schwabes Rumpelkammer", die ein großes Publikum im DDR-Fernsehen hatte.

Das hätte man für meine Verhältnisse schon noch ein bisschen stärker beleuchten können in der Arbeit, denn zum Beispiel der Montagabend-Ufa-Film im DDR-Fernsehen, das war eine ganz, ganz wichtige zentrale Sendung, die auch von vielen Zuschauern im Westen übrigens verfolgt wurde.

"Zensurfragen sind zeitbedingte Entscheidungen"

Burg: Bis heute stehen 44 Titel unter dem Vorbehaltsverbot, zwischenzeitlich waren es aber mal viel mehr. Nach welchen Kriterien findet denn die Einteilung der Filme heute statt?

Kötzing: Na ja, so ganz klare Kriterien gibt es da nicht. Das kritisiert Johanne Hoppe auch zwischen den Zeilen in ihrer Studie zu Recht, wie ich finde, denn das Kuratorium der Murnau-Stiftung, das darüber entscheidet, handelt nicht immer so ganz transparent. Auf Nachfrage kann man zwar die aktuelle Liste bekommen oder jetzt eben auch hier in der Studie von Johanne Hoppe nachlesen, aber warum jetzt welcher Film, wann genau mit welcher Schnittauflage von der Liste der Verbotsfilme gestrichen wurde, das kann man nur noch sehr schwer nachvollziehen, beziehungsweise man bräuchte dafür noch viel mehr und intensivere Forschungen.

Letzten Endes sind solche Zensurfragen ja auch immer sehr zeitbedingte Entscheidungen, in denen sich auch so ein gesellschaftlicher Wandel widerspiegelt – was traut man dem Publikum heute zu. Es gab ja auch schon diverse Anläufe, dieses Vorbehaltsverbot aufzuheben und andere Regelungen für diese Filme zu finden, aber diese Initiativen waren bislang leider nicht erfolgreich.

Burg: Sie sagten, man kann einen gesellschaftlichen Wandel erkennen. Was gibt es denn da für einen Wandel, den man erkennen kann anhand der Filme?

Kötzing: Ich glaube, man kann sagen, dass man sich nach und nach reduziert hat auf die Filme, die tatsächlich ganz, ganz offensichtliche Propagandafilme sind, sprich, mit antisemitischen Inhalten, mit kriegsverherrlichenden Inhalten oder wo eben tatsächlich NS-Ideologie ganz offensiv im Vordergrund stand, aber das war ja eben nicht die Mehrheit der Filme. Ganz am Anfang, in den 50er-Jahren, da hat man tatsächlich noch sehr viel stärker darauf geachtet, alles unter Verschluss zu halten, was in irgendeiner Art und Weise nach außen hin den Nationalsozialismus repräsentiert hat.

Davon ist man ein Stück weit zurückgekommen, da hat man wahrscheinlich tatsächlich auch den Impuls gehabt, dass man bei bestimmten Sachen, bei denen man vorher noch gedacht hätte, sie hätten einen negativen Einfluss auf das Publikum, inzwischen eben davon ausgeht, dass der Einfluss nicht mehr so groß ist und deswegen die Filme von diesem Vorbehaltsverbot ausgenommen werden.

"Brauchen eine pädagogisch begleitete DVD-Edition"

Burg: Es ist bekannt, dass viele der NS-Filme, die in Deutschland nur mit Einschränkungen gezeigt werden dürfen, mit wenigen Klicks im Internet zu finden sind. Auch im Ausland existieren DVD-Editionen, teilweise ziemlich zwielichtig, die man ohne große Probleme bestellen kann. Wie sinnvoll ist es dann, die Regelung in Deutschland noch immer aufrechtzuerhalten?

Kötzing: Ich glaube, das ist letzten Endes eine politische Entscheidung, und die wird immer dringender werden, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den nächsten Jahren ja die Urheberrechte nach und nach erlöschen werden und die Filme dann gemeinfrei werden 70 Jahre nach dem Tod der beteiligten Künstler – ähnlich wie vor einigen Jahren auch bei der wissenschaftlichen Edition von "Mein Kampf", die ja auch erst dann tatsächlich in Angriff genommen wurde, als sich abgezeichnet hat, dass diese Gemeinfreiheit droht.

Es gibt in der Wissenschaft auch schon lange einen Konsens darüber, dass wir eine wissenschaftlich fundierte und pädagogisch begleitete DVD-Edition der wichtigsten Propagandafilme dringend brauchen und dass diese auch erstellt werden muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass so eine Edition dann nicht zum Verkaufsschlager bei Media Markt werden würde, dazu sind die Filme in meinen Augen viel zu sperrig und auch zu wenig anschlussfähig für ein jüngeres Publikum.

Aber wir müssen uns diesem Diskurs über die NS-Propaganda natürlich trotzdem stellen und auch darüber aufklären, gerade weil wir im Moment beobachten können, dass überall in Europa so viele rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien auf dem Vormarsch sind, die nicht nur die NS-Verbrechen verharmlosen, sondern sich zum Teil auch ähnlicher Propagandamittel bedienen.

Deswegen ist es ja so wichtig, dass das erhalten bleibt und dass wir darüber reden und dass man auch ein jüngeres Publikum darüber aufklärt. Und das geht eben nur, wenn man die Filme auch sieht. So eine kritische Edition zum NS-Propagandafilm hätte meines Erachtens außerdem auch den Vorteil, dass der Mythos um diese Filme abgebaut werden könnte, denn gerade diese ganze Giftschrankmentalität, die trägt doch eher dazu bei, dass sie in bestimmten Kreisen noch immer so mystifiziert werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Johanne Hoppe: "Von Kanonen und Spatzen: Die Diskursgeschichte der nach 1945 verbotenen NS-Film"
Schüren Verlag, 2021
368 Seite, 34 Euro

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