Historiker über Kronprinz Wilhelm von Preußen

    "Resonanzverstärker des Nationalsozialismus"

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    Major a.D. von Neufville, Joseph Goebbels und Kronprinz Wilhelm von Preussen sitzen an einem Tisch.
    Vor allem nach dem 30. Januar 1933 habe Wilhelm von Preußen die Nähe zu den Nazi-Größen gesucht (hier mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels), sagt Historiker Lothar Machtan. © picture-alliance / dpa
    Von Jürgen König · 18.08.2021
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    Wie standen die Hohenzollern zu den Nazis? Ein neues Buch des Historikers Lothar Machtan verspricht die erste "valide" Biografie des Hohenzollern Wilhelm von Preußen. Seine "Nähe zu den Nazis" sei "eklatant", aber "erratisch" gewesen.
    "Nicht erkenntnisfördernd", schreibt Lothar Machtan in seinem Buch, sei die Frage nach der "erheblichen Vorschubleistung" des letzten deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen gegenüber den Nationalsozialisten, die Frage zu beantworten, sagte er bei der Buchvorstellung, sei nicht Sache der Historiker, sondern einzig und allein der Juristen.
    "Historiker können eigentlich nur, im guten Ranke’schen Sinne, sagen, wie es wirklich gewesen ist – auf der Grundlage der Quellen, die sie eben eruiert haben. Aber wie das zu bewerten ist und gerade juristisch zu bewerten ist - können sie nicht. Und sollten sie auch nicht, weil das ein Präjudiz wäre. Und das ist für meine Begriffe die Aufgabe der Judikatur, und ich muss sagen: Ich bin da ganz zuversichtlich, ich vertraue sozusagen der Rechtsprechung, dass sie sich ein umfassendes Bild macht aufgrund der Forschungslage, der Forschungsergebnisse – und dass sie da zu einem Ergebnis kommt", sagt Machtan.

    Recherchen im hohenzollernschen Familienarchiv

    Die aktuelle Debatte bewege sich auf einer "primär-moralischen Ebene", schreibt Lothar Machtan, bis heute gäbe es keine "valide" politische Biografie des Wilhelm von Preußen, nicht einmal eine "Tiefenbohrung" zu den Jahren, in denen er politisch aktiv war.
    Die im November 2019 bekannt gewordenen Gutachten der "herangezogenen Fachhistoriker" hätten "Antworten zu Fragen" geliefert, "die auf normative Wertungen zielten". Bei der Buchvorstellung spricht Machtan von der "schmalen Quellenbasis" dieser Gutachten. Genau hier will er mit seinem Buch ansetzen: "Ich wollte sozusagen das gesamte verfügbare Material, was es zu diesem Themenkomplex gibt, eruieren, auswerten und dann in eine Darstellung bringen."
    Auch im hohenzollernschen Familienarchiv in Hechingen konnte Lothar Machtan recherchieren, seine dortigen Forschungen seien "ergebnisoffen" möglich gewesen und "bedingungslos" gefördert worden.

    Vermögensrechtliche Fragen "zweitrangig"

    Der bei der Buchvorstellung anwesende Georg Friedrich Prinz von Preußen bekannte sich in einem Grußwort zur "Aufarbeitung auch der dunklen Kapitel der Familiengeschichte", er wolle einen "offenen Diskurs", "vermögensrechtliche Fragen" seien "zweitrangig".
    Für eine "intellektuelle Debatte im Verständnis gegenseitiger Toleranz" warb in einem weiteren Grußwort Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, CDU: "Als historisch interessierter Privatmann" sei er gekommen, so Altmaier, er sei "nicht Partei in den Auseinandersetzungen, die geführt" würden.
    Zu einer Diskussion dieser "Auseinandersetzungen" kam es während der Buchvorstellung nicht - im Mittelpunkt stand das Buch. Lothar Machtan beschreibt Wilhelm von Preußen als einen Mann, der "keine gezielte Strategie" verfolgte, der an einem "chronischen Mangel an Machtfähigkeit" litt und doch 1931/32 davon träumte, die Monarchie wiederzubeleben. Seine "Nähe zu den Nazis" sei "eklatant" gewesen, dabei aber "erratisch".

    Lebemann ohne politisches Talent

    "Was es schwermacht, diese Person zu bewerten, ist eben erstmal dieser innere Widerspruch zwischen dem vergnügungssüchtigen Lebemann, der eigentlich ein ganz anderes Leben haben will als das Leben eines Politikers; die andere Geschichte: dass er eben hereingezogen wird oder dass die Leute ihm weismachen, jetzt oder nie hätte er eine Chance, nochmal hochzukommen. In diesem Widerspruch bewegt er sich, nicht wissend, oder vielleicht auch nicht zugebend, dass er eigentlich gar kein politisches Talent hat – und dass er nicht in Lage ist, einer politischen Rolle auch nur ansatzweise gerecht zu werden, aber das gesteht er sich und anderen Leuten nicht ein", sagt der Historiker.
    Vor allem nach dem 30. Januar 1933 habe Wilhelm von Preußen die Nähe zu den Nazi-Größen gesucht, als Symbolfigur wurde er, wie es im Buch heißt, zum "Resonanzverstärker des Nationalsozialismus", doch spätestens 1935 war es damit endgültig vorbei.
    Um "Transparenz und Nachvollziehbarkeit" sei es ihm gegangen, schreibt Machtan, verbunden mit der Einladung, "jetzt endlich mit dem Diskurs zu beginnen".

    Lothar Machtan: "Der Kronprinz und die Nazis – Hohenzollerns blinder Fleck"
    Duncker & Humblot, Berlin 2021
    300 S., 29,90 Euro

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