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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.03.2015

Historiker Moshe Zimmermann"Netanjahu baut diesen Erzfeind Iran auf"

Moshe Zimmermann im Gespräch mit Dieter Kassel

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Moshe Zimmermann sieht keine Chance auf ein linkes Bündnis in Israel (imago stock&people)
Der Historiker Moshe Zimmermann sieht im "Feindbild Iran" ein Ablenkungsmanöver der Regierung Netanjahu. (imago stock&people)

Eine Lösung für die Spannungen zwischen Israel und Iran ist offenbar nicht in Sicht. Der Historiker Moshe Zimmermann befürchtet, dass die Regierung Netanjahu das Feindbild Iran weiter nutzen werde, um von ihrer eigenen Planlosigkeit im Palästinenser-Konflikt abzulenken.

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann nimmt die Einstellung Israels zum Iran als zutiefst pessimistisch wahr – und als Ablenkung vom Palästinenser-Konflikt.

Vor dem Hintergrund der Iran-Atomverhandlungen in Lausanne betonte Zimmermann im Deutschlandradio Kultur, dass die israelische Regierung offenbar das bedrohliche Feindbild Iran brauche und bewusst weiter ausbaue, um von anderen Problemen abzulenken:

"Es ist offenkundig, dass Netanjahu diese Feindschaft oder diese Auseinandersetzung mit Iran benutzt, um vom Konflikt mit den Palästinensern abzulenken und letztlich von der Möglichkeit einer Einigung mit den Palästinensern. Wenn man gescheit ist, weiß man Bescheid: Hat man einen großen Feind, muss man mit dem kleinen Frieden schließen. Das tut Netanjahu nicht – eher umgekehrt."

Der Iran liefere Netanjahu einen guten Vorwand dafür, keine Zeit für eine Beschäftigung mit den Palästinensern zu haben. Er halte es jedoch für "eher unwahrscheinlich", dass Iran, sollte er im Besitz von Atomwaffen sein, diese auch gegen Israel einsetzen werde, sagte Zimmermann weiter. Zwar sei Israel in dem Fall besonders bedroht, doch eine Atommacht Iran sei eine Bedrohung auch für den Rest der Welt. Aber: "Wenn jemand eine Atombombe besitzt, muss er die nicht benutzen. Die letzte Atombombe explodierte ja im August '45." Das wüssten auch die Israelis.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Deutschlandradio Kultur, "Studio 9", um jetzt ganz genau 6.47 Uhr – das bedeutet: Etwas mehr als elf Stunden haben die fünf UN-Vetomächte und Deutschland noch Zeit, die Verhandlungen mit der Delegation des Iran in Lausanne zu einem Ende zu bringen, das möglicherweise zum ersten Mal nach zwölf Jahren auch ein konkretes Ergebnis bedeuten könnte. Es heißt immer Atomstreit, und es geht eigentlich um etwas ganz Einfaches und doch Hochgefährliches: Dem Iran soll eine friedliche Nutzung der Kernenergie ermöglicht werden. Gleichzeitig soll aber verhindert werden, dass der Iran auf diesem Wege auch in den Besitz von Atomwaffen gelangt – und dass der Iran Atomwaffen bekommen könnte, davor herrscht natürlich besonders große Angst in Israel.

Und wir wollen jetzt deshalb darüber reden, wie man dort auf diese Verhandlungen in Lausanne blickt, und wir sprechen darüber mit Moshe Zimmermann, der Publizist und Historiker ist unter anderem Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Schönen guten Morgen, Herr Zimmermann!

Moshe Zimmermann: Hallo, guten Morgen!

Kassel: Auf diese Verhandlungen, die ja noch nicht zu Ende sind und deren Ergebnis noch nicht feststeht, blickt man in großen Teilen der Welt nun doch mit einem, ich sage mal, verhaltenen Optimismus. Tut man das auch in Israel?

Zimmermann: In Israel gibt es überhaupt keinen Optimismus, gleich, was der Ausgang sein wird. Hat man ein Abkommen, gilt es in Israel – zumindest in den Augen von Netanjahu – als falsch. Hat man kein Abkommen, hat man den Weg offen für einen Präventivschlag von seiten Israels. So oder so sieht es eher düster aus, und so war es auch in den letzten Jahren. Israel hat Iran als Erzfeind betrachtet, wahrscheinlich zu Recht, weil es so seit 79 zwischen Israel und Iran steht. Aber die Lage hat sich nicht verbessert, auch, nachdem Ahmadinedschad abgewählt wurde und ausgeschieden ist. Und so bleibt man in Israel immer tief in einer pessimistischen Stimmung.

Ablenken vom eigentlichen Problem

Kassel: Benjamin Netanjahu hat ja, so scheint es mir, die vergangenen Wahlen dann doch noch gewonnen, weil er so ausdrücklich vor den Feinden Israels gewarnt hat und gesagt hat, nur er könne die Bevölkerung wirklich davor schützen. Braucht also die israelische Regierung regelrecht dieses Feindbild Iran?

Zimmermann: Man kann auf zynische Art und Weise das auch so bestätigen. Man muss ja sehen, was der Zweck dieser Feindschaft für Netanjahu selbst bedeutet. Netanjahu baut diesen Erzfeind auf, um eigentlich von einem anderen Feind abzulenken, nämlich von den Palästinensern. Es ist offenkundig, dass Netanjahu diese Feindschaft, also diese Auseinandersetzung mit Iran benutzt, um eben vom Konflikt mit den Palästinensern abzulenken und zuletzt eigentlich von der Möglichkeit eines Abkommens mit den Palästinensern. Wenn man gescheit ist, weiß man Bescheid: Hat man einen großen Feind, muss man mit dem kleineren Feind Frieden schließen. Das tut Netanjahu nicht, eher umgekehrt. Er versucht, es so aufzubauen, so darzustellen, dass die Feindschaft oder dass die Gegnerschaft mit Iran so eindeutig steht, dass man keine Zeit hat angeblich für Verhandlungen mit den Palästinensern. Er stellt es auch so dar: Die Palästinenser – und das ist für ihn die Hamas – werden von Iran unterstützt, also ist das A und O der Geschichte Iran und nicht die Palästinenser, und ganz bestimmt nicht Verhandlungen mit der Autonomiebehörde, die nicht mit Iran zu tun hat.

Kassel: Glauben Sie, Herr Zimmermann, denn wirklich, wenn der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelänge, glauben sie wirklich, dass er dann Israel mit diesen Waffen angreifen würde?

Zimmermann: Es ist eher unwahrscheinlich. Das Problem ist ja kein Problem nur für Israel. Wenn jetzt die Atomwaffen fliegen oder eine Atombombe fliegt, dann ist nicht nur Israel bedroht, dann ist die gesamte Umgebung bedroht, dann ist auch Europa bedroht. Die atomare Macht Iran ist eine Bedrohung für die ganze Welt. Deswegen ist so eine Sache für die Welt, für allem für die Amerikaner, auch für die Russen, ihre Nachbarn, zu lösen. Israel ist höchstwahrscheinlich besonders bedroht, weil es der direkte Gegner von Iran ist. Aber wir wissen Bescheid: Wenn jemand eine Atombombe besitzt, muss er die nicht benutzen. Die letzte Atombombe explodierte ja im August 45, und seitdem gab es mehrere atomare Mächte, inklusive Pakistan, Indien und Nordkorea, und die Atomwaffe wurde nicht benutzt. Dass man eine Atomwaffe besitzt, bedeutet nicht, dass unmittelbar die auch benutzt wird, und das wissen auch die Israelis. Trotzdem benutzt man dieses Szenario, um eben diese Gegnerschaft mit Iran auf den Höhepunkt zu bringen.

Israel hatte früher gute Beziehungen zu Iran

Kassel: Nun stehen ja nicht alle Israelis hinter Netanjahu, es haben ihn ja auch nicht alle gewählt. Gibt es denn in Israel, Ihrer Erfahrung nach, überhaupt Menschen, die sich ein friedliches Zusammenleben mit dem Iran vorstellen können?

Zimmermann: Das kann man sich sehr gut vorstellen. Die Beziehung zu Iran vor Khomeini war eher freundlich. Israel hat mit dem Iran gute Geschäfte gemacht, gute Beziehungen, es gibt sehr viele Juden, die aus dem Iran gekommen sind, eingewandert sind. Eine Möglichkeit gibt es schon. Das Problem ist eben einerseits die islamistische Tendenz des iranischen Regimes, das ist eine klare Gefahr seit dem Jahr 1979, auf der anderen Seite ist es der Versuch der israelischen Regierung, nicht ein Abkommen mit den Palästinensern zu erreichen, und deswegen gibt es für die Iraner auch einen Vorwand, um ihre sehr negative Haltung gegenüber Israel aufrechtzuerhalten.

Kassel: Der Publizist und Historiker Moshe Zimmermann über das Verhältnis Israels zum Iran und den Blick, den man von dort aus gerade auf die Verhandlungen in Lausanne wirft. Herr Zimmermann, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. Einen angenehmen Tag noch!

Zimmermann: Ebenfalls nach Deutschland!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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