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Zeitfragen | Beitrag vom 07.04.2021

Historiker Johannes Fried zum ChristentumHat Jesus die Kreuzigung überlebt?

Johannes Fried im Gespräch mit Winfried Sträter

Jesus am Kreuz vor blauem Himmel (imago images/CHROMORANGE/Horst Schunk)
Johannes Fried stützt sich in seinen geschichtswissenschaftlichen Forschungen auf die Passionsdarstellung im Johannesevangelium. (imago images/CHROMORANGE/Horst Schunk)

Was hat der historische Jesus mit dem Christentum zu tun? Dieser Frage ist der Geschichtswissenschaftler Johannes Fried nachgegangen. Seine These: Jesus könnte die Kreuzigung überlebt haben. Und der Apostel Paulus habe keine Ahnung von Jesus gehabt.

Die Quellenlage über die Zeit und das Leben Jesu sei katastrophal, sagt der Historiker Johannes Fried, der sich an der Universität Frankfurt am Main und als Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes einen Namen gemacht hat:

"Das älteste Zeugnis ist Paulus, und Paulus hat von Jesus keine Ahnung."

Fried stützt sich in seinen geschichtswissenschaftlichen Forschungen auf die Passionsdarstellung im Johannesevangelium. Darin wird ein Augenzeugen zitiert, der in einer erstaunlichen Präzision das Geschehen schildert – mit Details, die seine Kenntnis über die damalige Zeit bezeugen. Als Historiker müsse er mit Wahrscheinlichkeiten rechnen, und daher komme es darauf an, dass die verschiedenen Zeugnisse übereinstimmen.

Dass Jesus nach der Grablegung lebend gesehen wurde, ist in den Evangelien überliefert. Auch nach den Zeugnissen von Kirchenvätern sagt Jesus: "Warum esst Ihr nicht, speist mit mir!" Für Fried sind das Hinweise auf ein Weiterleben Jesu nach der Kreuzigung. Dass man eine Kreuzigung überleben kann, geht bereits aus antiken Texten hervor und entspricht modernen medizinischen Erkenntnissen.

Soldat könnte Jesus das Leben gerettet haben

Beim gekreuzigten Jesus habe es einen hämorrhagischen Pleura-Erguss gegeben: einen Erguss von Blut und Wasser im sogenannten Pleura-Spalt, in den sich die Lunge ausdehnen kann, wenn sie atmet. Bei einer Verletzung kann in diesen Spalt Wundwasser und Blut kommen – lebensgefährlich.

Doch dann stach der Soldat am Kreuz mit der Lanze in die Brust Jesu, und es floss Wasser und Blut. Eine unbeabsichtigt lebensrettende Tat. Solche Ergüsse gibt es heute bei Unfällen, und im Ersten Weltkrieg erlebte ein Enkel des Historikers Leopold von Ranke einen solchen Pleura-Erguss, überlebte die Kriegsverletzung und starb hochbetagt 1985.

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Für Fried ist daher klar, dass Jesus die Kreuzigung überlebt haben kann. Konkret gibt es jedoch keine gesicherten Erkenntnisse, wie er nach seiner Kreuzigung und Grabflucht weitergelebt und gewirkt haben könnte. Fried vermutet, dass er weiter als Wanderprediger unterwegs gewesen sei.

"Was wir aber sicher sagen können, ist: Es gibt Traditionen, die darauf hinweisen, dass Jesus nach dem Grab gelehrt hat. Einige sagen eineinhalb Jahre, andere elf Jahre. Das sind Hinweise, dass er nicht im Grab gestorben ist, sondern nach dem Grab weitergelebt und gelehrt hat. Ein Zeugnis sagt sogar zu Jüngern, die ihn begleitet haben: ‚Schreibt auf, was ich Euch lehre!‘"

Die Theologie des Visionärs Paulus

Das Christentum, das dann unter dem maßgeblichen Einfluss des Apostels Paulus entstand, habe mit dem historischen Jesus aber nichts zu tun. Paulus sei ein Visionär, der drei Visionen hatte.

Mit Blick auf die christliche Abendmahlsfeier fragt Fried: "Ist es möglich, dass die ganze Abendmahlskonstellation auf eine Vision von Paulus zurückgeht und nicht auf Jesus selbst? Die Antwort ist: ja! Nehmen Sie das mal wörtlich, das Abendmahl: Dies ist mein Leib! Und, schlimmer noch: Dies ist mein Blut! Esset und trinket! Welcher Jude trinkt Blut? Das ist unmöglich! Eine solche Formel ist im klassischen Judentum in der Zeit des Jesus undenkbar."

Fried verweist auf den kulturellen Kontext des Apostels Paulus, der aus Tarsus kam, in dem der Mithras-Kult lebendig war, bezogen auf den Stier-Besieger Mithras. Dazu gehörte das symbolische Mahl mit dem Blut und dem Fleisch des Stieres. Dies könnte der Hintergrund der christlichen Abendmahlsfeier sein.

Zugleich habe Paulus mit den Begriffen "Glaube – Liebe – Hoffnung" eine reiche Theologie begründet. Einen Hinweis auf das Leben Jesu gebe es bei Paulus jedoch nicht.

Nach Überzeugung von Fried ist nicht der historische Jesus der Grund, auf dem sich das Christentum entfaltet hat, sondern die Theologie des Visionärs Paulus, dem der reale Jesus fremd war.

(wist)

Johannes Fried: "Jesus oder Paulus. Der Ursprung des Christentums im Konflikt"
C. H. Beck-Verlag, München 2021
200 Seiten, 22 Euro

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