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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.05.2008

Hirnforscher: Den Geist der Kinder neu entzünden

Gerald Hüther plädiert für ein Lernen ohne Angst

Moderation: Joachim Scholl

Hüther: Jedes Kind, was auf die Welt kommt, ist hochbegabt. (AP)
Hüther: Jedes Kind, was auf die Welt kommt, ist hochbegabt. (AP)

Neurobiologische Forschungen haben ergeben, dass im Gehirn eine Kindes unendlich viele Verschaltungsmöglichkeiten existieren. Dieses "wunderbare Überangebot" gelte es zu nutzen, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Eltern und Lehrer müssten alles dafür tun, das Potenzial zu entwickeln und die Lernenden nicht durch Leistungsdruck zu frustrieren.

Joachim Scholl: Gerald Hüther ist einer der führenden Hirnforscher Deutschlands, er leitet die Klinik für Psychiatrie in Göttingen, hat als Autor mehrerer erfolgreicher Bücher den Sprung zum breiten Publikum geschafft und sich immer wieder temperamentvoll auch zu Bildungsfragen öffentlich zu Wort gemeldet. Er fordert eine andere, bessere Schule, auch gerade aus neurobiologischer Sicht. Jetzt ist er mit uns verbunden. Willkommen, Professor Hüther!

Gerald Hüther: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Wir haben in dieser Woche in unserem Programm von Deutschlandradio Kultur das Thema Schule zum Schwerpunkt, zur Themenwoche erhoben. Wir haben mit vielen Spezialisten gesprochen, mit Pädagogen, Psychologen, Soziologen das Thema in den Blick genommen. Sie, Herr Hüther, haben sich als Neurobiologe intensiv mit dem Vorgang des kindlichen Lernens befasst. Was hat Ihre Wissenschaft dazu herausgefunden?

Hüther: Das Wichtigste, was in den letzten Jahren aus dieser neurobiologischen Forschung herausgekommen ist, ist dass das kindliche Hirn enorm plastisch, enorm formbar, viel formbarer ist, als wir das bisher gedacht haben. Und dass es nicht durch genetische Programme zusammengebaut wird, sondern dass diese genetischen Programme, die wir Menschen haben, dazu führen, dass im Gehirn des Kindes ein Überangebot an Verschaltungsmöglichkeiten bereitgestellt wird. Das kann nicht alles benutzt werden. Ungefähr ein Drittel schrumpelt im Durchschnitt bei uns allen wieder weg bis wir ungefähr so in die Pubertät kommen. Aber dieses wunderbare Überangebot muss natürlich genutzt werden, und nur dann, wenn Kinder Gelegenheit haben, ihr Hirn auch auf eine vielseitige Weise zu benutzen, können da diese Angebote auch wirklich umgesetzt werden.

Scholl: Was passiert genau im Gehirn eines Kindes, das lernt?

Hüther: Kinder lernen immer. Und sie machen sich schon vom ersten Tag an lernend auf Entdeckungsreise. Sie kommen eben auch schon mit sehr viel Wissen auf die Welt. Sie haben vorgeburtlich schon Erfahrungen gemacht, es sind schon Netzwerke stabilisiert worden. Sie kennen eigentlich sogar schon ihre Mutter relativ gut, den Duft, die Sprachmelodie, und so ist dann das, was in der neuen Welt draußen für sie auftaucht an Sinneseindrücken eigentlich nicht immer ganz fremd, sondern es ist in gewisser Weise anpassbar, anhängbar. Es ist nicht anknüpfbar, wie wir das nennen, anknüpfbares Wissen. Das heißt, es erfährt etwas mehr, als es schon weiß. Dadurch kommt jedes Mal, wenn so eine neue Erfahrung gemacht wird, eine Erregung im Hirn, die stärker wird. Und dann gelingt es dem Kind, meistens mit Hilfe der Eltern am Anfang und später dann auch allein, das neue Wissen in den Schatz der bereits vorhandenen Erfahrungen zu integrieren. Und das bedeutet für das Gehirn, dass aus einem Unruhezustand plötzlich ein Zustand wird, in dem Synchronisation und Kohärenz auftaucht. Das heißt, es wird ruhig. Und dann springt immer dieses sogenannte Belohnungssystem an, dass die Hörer ja sicher alle schon kennen. Dann wird Dopamin ausgeschüttet, gleichzeitig kommt es noch zur Ausschüttung von endogenen Opiaten. Und das ist dann ein Zustand, so als hätte man einen kleinen Schuss Kokain und Heroin gleichzeitig genommen. Und das ist der Grund, weshalb alle Kinder am Anfang ihres Lebens sich so begeistert an das Lernen machen und an diese Weltentdeckung.

Scholl: Nun gibt es ja aber auch sozusagen bockige Kinder, die eben nicht so richtig lernen wollen, oder keine Lust dazu empfinden, schwer zu motivieren sind. Der Soziologe sagt, das liegt am Umfeld, der Pädagoge sagt, das liegt an den Eltern. Was sagt der Hirnforscher? Ist da im Kopfe etwas anders bei den Kindern, die nicht so gerne wollen?

Hüther: Das ist ganz sicherlich, wenn die dann in der Schule sind und null Bock auf Schule haben, dann ist auch schon im Kopf des Hirnes etwas passiert, dann sind eben auch schon entsprechende Verschaltungen durch Erfahrungen entstanden, die dem Kind gewissermaßen diese Vorstellung mit auf den Weg geben, dass Schule etwas Furchtbares ist, was man am besten vermeidet. Dann ist aber auch schon viel passiert. Das ist nicht angeboren, diese Haltung, null Bock auf Schule, sondern die muss man erzeugen. Durch unglückliche Verhältnisse muss man die erzeugen. Da kann man ein paar Punkte nennen: indem sich beispielsweise keiner dafür interessiert, was das Kind an eigenen Leistungen zu Stande bringt, indem man sich darüber beschwert, dass das, was das Kind an eigenen Leistungen zu Stande bringt, nicht gut genug ist, indem man große Erwartungshaltungen in das Kind hineinprojiziert und es damit überfordert, indem man es mit Menschen zusammenbringt oder mit Produkten, auch mit Spielzeug zusammenbringt, was viel zu perfekt ist, also dieser typische Klugscheißer und Alleskönner und Besserwisser, das sind die richtigen Frustranten für Kinder, die die Lust am Lernen und Entdecken rauben. Das geht nicht von alleine weg.

Scholl: Wie sieht es denn mit dem Punkt eigentlich der individuellen Begabung aus? Dem einen Kind fällt Rechnen leicht, dem anderen aber das Schreiben umso schwerer, beim anderen ist es wieder umgekehrt. Hat das auch neurobiologische Ursachen?

Hüther: Meist sind es frühe Fertigkeiten oder Fähigkeiten oder besondere Netzwerke, die ausgebildet werden, oftmals deshalb, weil irgendetwas anderes nicht so richtig funktioniert. Und mir wäre es lieber, wir würden davon sprechen, dass jedes Kind, was auf die Welt kommt, hochbegabt ist.

Scholl: Na ja, ich stelle mir gerade so meinen alten Herrn vor, wenn ich eine Fünf mit der Mathearbeit nach Hause gebracht hätte, dann hat er gesagt, du bist einfach stinkfaul, und er hat, glaube ich, ziemlich recht. Wenn ich ihm gesagt hätte, Papa, das liegt an meinem Dopaminausstoß, hätte ich wahrscheinlich eine gelangt bekommen.

Hüther: Ja, es wäre vielleicht gescheiter zu fragen, warum sie keine Lust auf Mathe haben. Schauen Sie, es geht doch eigentlich nicht darum, dass wir einfach nur den Kindern beibringen, wie Mathe, Englisch, Deutsch oder Naturwissenschaften gehen. Das haben die Pädagogen auch schon lange gewusst, bevor die Hirnforscher sich auf den Weg gemacht haben. Worum es geht, ist dass nicht die Kulturgüter von einer Generation zur nächsten gebracht werden, sondern dass immer wieder in den Kindern neu der Geist entzündet wird, der die Kulturgüter hervorbringt. Es nützt uns nichts, wenn wir am Ende Kinder haben, die perfekt Mathe können, und aber gar keine Lust mehr auf Mathe haben. Und das hängt daran, dass das Lernen niemals ohne Gefühle abläuft, sondern es ist immer ein Kontext. Und in diesem Kontext entstehen Gefühle. Dann gibt es diese wunderbare neurobiologische Grundregel, dass, was im Hirn gleichzeitig an Netzwerken aktiviert wird, das verknüpft sich auch miteinander. Und so hängen, wenn man sozusagen unter Druck und Angst und ohne Begeisterung, oder jedenfalls unter Bedingungen, wo das nicht so angenehm ist, wenn man da etwas lernen muss, hängen dann an dem Lerninhalt negative Gefühle. Und dann ist es relativ klar, dass man jedes Mal schon ein bisschen Bauchschmerzen kriegt, wenn wieder Mathe angesagt ist.

Scholl: Implizit in Ihren Worten enthalten ist schon die Kritik am bestehenden eigentlich Schulsystem, dass ja genau diese Förderungen, wie Sie sie empfinden, oder wie Sie als richtig und gut empfinden, eigentlich nicht leisten kann. Was wäre denn Ihrer Meinung nach besonders oder als Erstes zu ändern an der gegenwärtigen Schulpraxis, damit man das erreicht?

Hüther: Ich glaube, zunächst müssen wir uns darüber klar werden, dass wir eine Schule haben, die historisch gewachsen ist und die bestimmte Dinge tradiert aus einer Zeit, die inzwischen vorbei ist. Ich glaube, dass es im vorigen Jahrhundert tatsächlich in vieler Hinsicht nun immer wieder darauf ankam, Kinder so zu bilden, dass die, wenn die dann erwachsen waren, funktioniert haben, dass die gehorsam waren, dass die pünktlich bei der Arbeit erschienen sind, dass die immer schön die Hand gehoben haben und dass die dann die Knöpfe an den Maschinen immer im richtigen Augenblick gedrückt haben. Diese Zeit ist vorbei! Wir haben inzwischen eine völlig neue Bedarfssituation in der Wirtschaft. Und zwar suchen die Unternehmen händeringend Menschen, die mitdenken, die sich kreativ einbringen, die in Teams arbeiten können, die ein Interesse an ihrer Arbeit haben, die also genau diesen Geist und diese Haltung mitbringen, die so leicht verschwindet, wenn man Kinder unter Druck setzt, wenn man sie sehr früh ausliest und ihnen deutlich macht, dass sie nicht gut genug sind. Wir müssten uns also fragen: Wie entwickelt man die Potenziale der Kinder. Und die kann man eben nun mal leider nicht entwickeln, indem man Druck macht, sondern dazu müsste man die Kinder einladen.

Scholl: Da weht ein wenig so die Ideologie eines längst ad acta gelegten Modells heran, nämlich der antiautoritären Erziehung.

Hüther: Auf keinen Fall! Das, was sich gewissermaßen anbietet als Erziehungsmodell aus dieser modernen neurobiologischen Forschung, das heißt Supportive Leadership im Englischen. Das sind also Beziehungsstrukturen zwischen dem Lehrer, dem Erzieher, auch den Eltern und den Kindern oder Schülern, die so aussehen, dass da einer ist, der einfach mehr weiß, der mehr kann, der mehr Verantwortung hat und der mit all seinen Kräften, das muss ich in dieser Deutlichkeit einfach noch einmal betonen, mit all seinen Kräften sich darum kümmert und alles tut, was in seinen Kräften steht, damit das ihm anvertraute Kind seine Potenziale entwickeln kann. Und dazu gehört natürlich auch, dass man dem Kind beispielsweise die Gelegenheit gibt, den Nutzen von Disziplin zu erfahren. Das tut ein Supportive Leader. Antiautoritäre Erziehung ist das in keiner Weise.

Scholl: Wenn Sie, Professor Hüther, einen Vortrag zum Thema halten oder an einem Diskussionsabend teilnehmen, da kommen 300 Leute und 200 müssen weggeschickt werden, weil der Platz nicht reicht. Daran ermisst sich schon, wie sehr die Debatte momentan auch interessiert. Inwieweit reagieren nun aber auch die Bildungsexperten auf Ihre Thesen? Wie sehr zieht denn dieses neurobiologische Argument? Also ich könnte mir vorstellen, dass im Grunde jeder zustimmt, wenn es heißt, wir müssen freie, kreative Geister ausbilden. Aber dazu brauche ich eigentlich keine Hirnforschung für diese Erkenntnis, oder?

Hüther: Nee, braucht man keine Hirnforschung. Aber es ist schön, dass man diese Erkenntnisse hat und dass man sie auch noch mit naturwissenschaftlichen Verfahren belegen kann. Es hat immer schon diese sogenannten Reformschulansätze gegeben. Die waren aus dieser neurobiologischen Perspektive ziemlich gut. Und vieles, was die damals gesagt haben, bestätigen unsere Befunde, die wir heute haben. Worüber wir nachdenken müssen und was uns Probleme bereitet, ist ein gewachsenes Schulsystem mit riesigen Verwaltungsstrukturen, dass jetzt wie ein großer Frachtdampfer unterwegs ist mit Lehrern, die zum Teil in manchen Bundesländern zwei Drittel über 50 sind, die das schon immer so gemacht haben. Und dieses Schiff fährt. Und es ist unglaublich schwer, so ein Schiff umzubewegen. Ich kenne viel Kultusbehörden, die das versuchen und die dabei auch viel Kreativität an den Tag legen, aber es ist eben außerordentlich schwer. Das ist der eine Punkt. Der zweite ist der, dass diejenigen, die Schule organisieren, auch letztlich sogar die Lehrer selbst und die Eltern, die unglückliche Erfahrung gemacht haben, dass Schule eigentlich eine Einrichtung ist, die nun nicht gerade Begeisterung auslöst. Wenn Reinhard Kahl in seinem Film "Treibhäuser der Zukunft" Schulen zeigt hier in Deutschland, die so sind, dass die Schüler weinen, wenn die Ferien anbrechen, weil sie dann nicht mehr in die Schule gehen dürfen, dann heißt es, es ist möglich, Schulen so umzugestalten, dass diese Schulen zu Orten der Weltentdeckung und der Weltgestaltung werden. Aber dazu braucht man offenbar andere Mittel als die, die wir im Augenblick einsetzen. Und dort, wo mehr Druck gemacht wird, wo noch mehr Angst geschürt wird, kriegt man vorübergehend natürlich erst mal die Leistung, aber auch gleichzeitig an diese Lernerfahrung das Gefühl angehängt, dass Lernen eine Mühsal ist, dass es beschwerlich ist, dass es wehtut, dass es Bauchschmerzen bereitet. Und diese Gefühle werden dann alle angehängt an diese Vorstellung von Schule. Und wenn Sie später wieder mal jemanden einladen, zu einer Bildungsveranstaltung zu kommen, dann kriegt der schon Bauchschmerzen, weil ihm das in der Schule angetan worden ist.

Scholl: Eine neue, bessere, andere Schule, aus der Perspektive des Hirnforschers Gerald Hüther von der Universität Göttingen. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Hüther!

Hüther: Ich danke Ihnen auch!

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