Hipgnosis Songs Fund

Musik als Spekulationsobjekt

06:43 Minuten
Besucher stehen in einem Raum mit zahlreichen Goldenen Schallplatten in gläsernen Vitrinen.
Große Investmentunternehmen wie Hipgnosis haben Musik als Spekulationsobjekt für sich entdeckt. © Getty Images / Gamma-Rapho / Alain Benainous
Von Kristoffer Cornils · 14.12.2021
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Künstlerinnen und Künstler wie Bob Dylan, Neil Young oder Tina Turner haben die Rechte an ihrer Musik gegen sehr viel Geld verkauft. Besonders ein Name fällt in diesem Zusammenhang häufig: Hipgnosis. Was macht es mit Musik, wenn sie zum Anlagewert wird?
Was hat der Song namens „This Note’s For You“ von Neil Young mit dem Stück „All the Single Ladies” von Beyoncé gemein?
Es gibt zwei Antworten auf diese Frage. Die eine lautet: Beides sind selbstbewusste Ansagen von zwei Superstars, die darin ihre Unabhängigkeit besingen. Die andere Antwort scheint dem genau zu widersprechen: Beiden Songs ist gemein, dass beiden Superstars die Rechte an den Stücken nur noch teilweise gehören. Denn sie haben sie an das Investmentunternehmen Hipgnosis abgetreten.

Wettrennen um Kataloge von Künstlern

„Hipgnosis ist eigentlich ein Fonds, der Geld einsammelt, um entsprechend das Geld der Menschen zu vermehren, die das Geld investiert haben“, sagt Peter Tschmuck, Professor für Kulturbetriebslehre an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. „Sie kaufen eigentlich die Nutzungsrechte sowohl an Werken, also sprich an Urheberrechten oder auch an Verlagsrechten, und auf der anderen Seite kaufen sie aber durchaus auch Rechte an Musikaufnahmen, also die Master-Rechte, wobei ursprünglich der Schwerpunkt auf den Verlagsrechten gelegen ist.“
Der sogenannte “Song Fund” Hipgnosis wurde im Jahr 2018 von Merck Mercuriadis gegründet, dem ehemaligen Manager von Beyoncé. Abermillionen Euros hat das Investmentunternehmen ausgegeben, um die Kataloge von Superstars zu kaufen. Hipgnosis und andere ähnliche Unternehmen treten damit mit Major-Labels in Konkurrenz. Mittlerweile ist ein wahres Wettrennen um die Kataloge vor allem etablierter älterer Künstlerinnen und Künstler entstanden.
Dieser wirtschaftliche Trend ist auf technologische Entwicklungen zurückzuführen, wie auch Peter Tschmuck sagt: „Das hat natürlich sehr viel mit der ganzen Streaming-Ökonomie zu tun, weil mit der Streaming-Ökonomie erst klar geworden ist, dass Musikkataloge sehr viel wert sind und eigentlich das wichtigste Asset überhaupt darstellen.“

Interesse am Vermarkten von Klassikern

Der “Song Fund” Hipgnosis kauft überwiegend Rechte an Musik auf, die zehn Jahre oder älter ist. Gut 60 Prozent des Hipgnosis-eigenen Portfolios besteht deshalb aus Klassikern, die immer wieder gehört werden. Das heißt auch, dass ein Unternehmen wie Hipgnosis – aber genauso die Majors und die großen Musikverlage – ein Interesse daran haben, Musikfans olle Kamellen statt neuer Songs zu servieren. Universal machte vor einem Jahr bekannt, Bob Dylans gesamten Katalog aufgekauft zu haben, und die Bertelsmann Music Group ließ zuletzt viel Geld für die Kataloge von Tina Turner und Mötely Crüe springen. Warum aber dieser plötzliche Run von allen Seiten?
„Ich denke der Hintergrund liegt in der oligopolistischen Markstruktur begründet“, sagt Peter Tschmuck. „So, wie der phonographische Markt von drei großen Konzernen dominiert wird, ist das auch im Verlagsbereich der Fall. Und wir wissen aus der Oligopoltheorie heraus, dass nicht das Ziel die Gewinnmaximierung ist, sondern die Maximierung des Marktanteils.“ Das heiße: „Man versucht, sich möglichst stark am Markt zu positionieren und deshalb werden diese Kataloge aufgekauft.“
Hipgnosis rüstet derweil auf. Im Oktober wurde bekanntgegeben, dass die Investmentfirma Blackstone eine satte Milliarde US-Dollar in den Fonds investiert habe. Bemerkenswert dabei ist, dass Blackstone in Deutschland vor allem als Spekulant auf dem Berliner Wohnungsmarkt bekannt ist, nun aber auch in Musik macht. „Wenn so ein Rieseninvestor wie Blackstone in diesen Markt einsteigt, bedeutet das, dass hier besonders hohe Renditen zu erwarten sind“, urteilt Peter Tschmuck.

Trend aus der Pandemie

Das Großkapital wittert also offensichtlich Potenzial - nur, was haben eigentlich die Künstlerinnen und Songwriter davon, die Rechte an ihrer Musik abzutreten? Und warum verkaufen sie sie gerade jetzt, wo sie doch selbst gut am Streaming-Geschäft verdienen könnten?
Das sei auch ein Ergebnis der herrschenden Pandemie, meint Tschmuck. Zuvor hätten wohl 80 bis 90 Prozent der Künstlerinnen und Künstler ihr Einkommen aus dem Live-Business bezogen – und das sei zum Großteil weggefallen. „Das mag jetzt in jedem Fall ein anderer persönlicher Hintergrund sein, aber ich glaube alle diese Künstlerinnen und Künstler haben erkannt: Das ist eine zusätzliche Einkommensquelle, an die man vorher gar nicht so sehr gedacht hat.“

Auf Kosten von Songwritern?

Tatsächlich gehört das auch zum Narrativ von Merck Mercuriadis und seinem Song Fund Hipgnosis: Angeblich will der Unternehmer nämlich mit diesen Käufen die Rechte der Urheberinnen und Urheber stärken. Das könnte allerdings auf Kosten anderer Songwriterinnen und Songwriter gehen. Denn deren Songs könnten schnell zur Zielscheibe von Spekulantinnen und Spekulanten werden, die an ihrer Musik mitverdienen wollen, ohne dafür einen Cent auszugeben.
„Es wird ja gemunkelt, dass sobald ein Hit in die Hot 100 der Billboard-Charts kommt, sofort Rechtsanwälte losgeschickt werden, um zu überprüfen, ob hier nicht in irgendeiner Form Urheberrechte verletzt wurden und dann Songcredits einzuklagen. Und da kann man schon die eine oder andere Million verdienen.“ Das sei schon seit Längerem ein Geschäftsmodell. „Es kann sein, dass dieses Geschäftsmodell jetzt noch attraktiver wird und dass das jetzt noch verstärkt werden wird in der Zukunft.“

Auswirkungen nicht absehbar

Umso mehr natürlich, weil nicht nur die eigentlichen Künstlerinnen und Künstler, sondern auch ein Song Fund wie Hipgnosis mitsamt allen seinen Investorinnen und Investoren ein Interesse daran hätten, solche Klagen zu forcieren.
Eine bedenkliche Entwicklung, zumal wenn ein Künstler wie Neil Young, der in “This Note’s For You” gegen den Ausverkauf sang, heutzutage offensichtlich kein Problem mehr damit hat, selbst einen Song wie diesen zum Spekulationsobjekt eines Unternehmens wie Hipgnosis und den dahinterstehenden Investorinnen und Investoren zu machen. Welche Auswirkungen das auf die Musikkultur, mit der spekuliert wird, haben wird, ist noch nicht absehbar.

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