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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.03.2016

"Hiob" am Deutschen Theater BerlinDie Größe kleiner Gesten

Von André Mumot

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Joseph Roths "Hiob" am Deutschen Theater Berlin (31.03.2016). Im Bild: Bernd Moss als Mendel Singer und Alexander Khuon als Menuchim. (imago/DRAMA-Berlin.de)
Auf der Bühne: Bernd Moss als Mendel Singer und Alexander Khuon als Menuchim. (imago/DRAMA-Berlin.de)

Es ist ein zweieinhalbstündiger Glücksfall: Regisseurin Anne Lenk macht am Deutschen Theater Berlin aus Joseph Roths Roman "Hiob" ein hinreißendes, ergreifendes Bühnenerlebnis.

"Wie ist das möglich", sagt Bernd Moss als Mendel Singer gegen Ende, "dass man die ganze Welt in einem Lied hört?" Das ist einer dieser Sätze, sanft und erschöpft und zaghaft hineingesprochen in die Bühnendunkelheit, die nachklingen, mit erstaunlicher Wahrhaftigkeit.

Auch in diesem Abend glaubt man manchmal die ganze Welt zu hören, oder vielleicht eher einen tiefen, existentiellen Grundton, der uns miteinander verbindet. Das ist es wohl auch, was Joseph Roths 1930 erschienen Roman bis heute auszeichnet, - dass er in einer schlichten, zugleich aber sehr spezifischen Geschichte menschliche Entfremdungserfahrungen, menschliche Trauer, menschliche Erlösungshoffnung wie in einem Brennspiegel einfängt und in eine hinreißende, schwingende, wunderschöne Sprache übersetzt.

Es ist kein Text, der sich besonders für die Bühne eignet - besteht er doch vor allem aus intensiven, detailreichen Beschreibungen und nur aus wenigen Dialogen. Das Theater aber schreckt so etwas bekanntlich wenig, und Regisseurin Anne Lenk beweist an diesem Abend durchaus, dass der "Hiob" bühnentauglich sein kann, wenn man seiner Sprachmacht vertraut, wenn man ihn ernst nimmt.

Erzählt ohne großen Aufwand

Die Geschichte der jüdischen Familie Singer, die vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus dem russischen Schtetl nach New York emigriert, wird dabei im Deutschen Theater Berlin ohne äußerlichen Aufwand nacherzählt. Man könnte es auch mit Fug und Recht szenische Einfallslosigkeit nennen, was hier vorherrscht. Nur minimalen Spielraum gönnt die Regisseurin ihren Figuren vor semitransparenter Rückwand, die sich erst nach hinten öffnet, als die Protagonisten Amerika erreichen. Doch, abgesehen von einigen wenigen Projektionen, passiert auch dann nicht viel. Nicht einmal die aktuelle Flüchtlingsproblematik wird assoziativ herbeigerufen - aus gutem Grund.

Es ist ja alles da, im Text: Welche traumatischen Opfer die Entscheidung fordert, die Heimat zu verlassen. Wie sich der alte Mendel Singer nicht zurechtfindet im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie er sich der Euphorie nicht anschließen mag, weil er entwurzelt ist und seiner kulturellen Identität beraubt.

Anne Lenk gelingt das Kunststück, den prototypisch zugespitzten Figuren der Romanvorlage, die immer eingebettet bleiben in etwas Größeres, Allgemeingültigeres, eine hinreißende, feinstimmige Lebendigkeit und Tiefenschärfe zu verleihen, indem sie ihre Inszenierung zu einem Fest hingebungsvoller Schauspielerei werden lässt.

Um die späteren Schicksalsschläge umso intensiver nachfühlbar zu machen, zeigt sie ausgelassene Zärtlichkeiten, Lebensfreude und einen stets pulsierenden familiären Zusammenhang, in dem Almut Zilcher als Übermutter Deborah ein strahlendes, glucksendes, trauervolles und dann wieder euphorisch umarmendes, immer liebendes Zentrum für ihren Nachwuchs bildet (allesamt hervorragend: Edgar Eckert, Camill Jammal, Lisa Hrdina, Alexander Khuon).

Die große Stunde von Bernd Moss

Am Ende dann, im verzweifelten Ringen mit Gott, schlägt die große Stunde von Bernd Moss. Sein Mendel Singer ist eine erschütternde, herzergreifende Glanzleistung, schon deshalb weil er den enttäuschten Dulder nie überzieht, sich nie neben ihn stellt, ihn nie überlaut, nie aufgesetzt wettern, nie forciert übers Sentimentalitätsziel hinausschießen lässt.

Ja, der ganze Abend ist ein zweieinhalbstündiger Glücksfall leiser, klug konzentrierter Menschenerzählung, einer, der zeigt, wie kleinste Gesten groß werden können, wenn man ihnen Raum gibt, einer, der das Publikum zum Hinschauen und Zuhören bringt, weil er selber so aufmerksam lauscht auf jede Hebung, jedes Senken des Textes, jede Verzweiflungsnuance und jedes noch so kleine Glücksgefühl, auf Blicke, Berührungen, auf eine über den Boden gezogene Krücke und auf das kleine glucksende Geräusch, das Alexander Khuon als fast stummer Menuchin mit seiner Wange zustande bringt.

Es ist so leise, dass man es kaum hören kann. Man muss die Luft anhalten. Aber man wird es nicht vergessen.

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