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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.06.2015

Hilfsprojekt"Stille Universität" für Flüchtlinge gegründet

Kirsten Ben Haddou im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge steht am 07.10.2014 auf der kleinen Insel Dänholm, einem Stadtteil von Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern). Das Asylbewerberheim in Container-Bauweise, ausgestattet mit Bädern und Küchen, ist seit 1996 geöffnet. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Zu uns kommen auch jede Menge Akademiker als Flüchtlinge - genauso wie alle anderen landen sie zuerst meist in unwirtlichen Unterkünften (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund müssen sich bei uns oft mit Putz- oder Küchenjobs herumschlagen - oder dürfen gar nicht arbeiten. An der "Silent University" in Mülheim können sie ihr Wissen nun weitergeben.

Der kurdische Künstler Ahmet Ögüt hatte die Idee für die "Silent University". In London, Stockholm und Hamburg gibt es solche Projekte bereits, jetzt entsteht ein weiterer Ableger in Mülheim. Die künftige Leiterin Kirsten Ben Haddou klagt, Flüchtlinge könnten in Deutschland aufgrund einer restriktiven Arbeitsmarktpolitik meist nichts mehr mit ihrem Wissen anfangen. Die Stille Universität soll helfen, dieses Problem zu lindern.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Sie flüchten vor Kriegen und Gewalt, vor Armut und Chancenlosigkeit, sie sind studierte Leute. Was aber wird mit ihrem Wissen, wenn sie plötzlich nur noch einen Status haben: Flüchtling. Wir müssen uns ja nur mal vorstellen, wie das für uns wäre, wenn wir uns selbst nur noch so definieren müssten.

Das fragte sich auch der kurdische Künstler Ahmet Ögüt. Er hatte die Idee, und entstanden ist die Silent University, die sich im Rahmen des heute beginnenden "Impulse"-Off-Theater-Festivals in Mülheim gründet, und geleitet wird sie von Kirsten Ben Haddou. In London und Stockholm gibt es solche Projekte bereits und seit Ende letzten Jahres auch in Hamburg. Kirsten Ben Haddou ist Diplompädagogin mit dem Schwerpunkt interkulturelle Bildung, sie hat bei der medizinischen Flüchtlingshilfe in Bochum gearbeitet und kam darüber mit der Silent University in Kontakt. Schönen guten Morgen!

Kirsten Ben Haddou: Guten Morgen!

von Billerbeck: Was genau verbirgt sich denn hinter diesem Namen: Stille Universität?

Stille Universität bedeutet: Das Wissen wurde zum Schweigen gebracht

Ben Haddou: Ja, Stille Universität bedeutet, dass Wissen quasi zum Schweigen gebracht wurde. Dadurch, dass die Akademiker, die hier eben auch als Geflüchtete und Asylsuchende einreisen, ja von genau den restriktiven Gesetzgebungen genauso betroffen sind wie alle anderen Geflüchteten und ihr eigenes Wissen, ihre verschiedenen Kenntnisse und Fähigkeiten aufgrund des Geflüchteten-Status einfach auch hier nicht mehr weiter einsetzen können. Durch Arbeitsverbot, das ja auch mehrere Monate hier mindestens anhält, aber auch durch nachrangigen Arbeitsmarktzugang sind sie sozusagen zurückgeworfen auf sich und können mit diesem Wissen hier nichts mehr anfangen.

von Billerbeck: Nun wollen wir natürlich wissen, wie wir uns diese Uni, die da gegründet wird, vorstellen müssen. Doch eher nicht wie eine reguläre Universität mit Seminaren und Vorlesungen, oder?

Ben Haddou: Doch, im Grunde schon. Dennoch muss man sagen, es ist eine eher alternativ angelegte Universität, die versucht, einige Strukturen von institutionellen Universitäten aufzugreifen, aber es ist ein Projekt an der Schnittstelle von Kunst und Bildung und auch politisch, weil wir sozusagen mit der Silent University Ruhr, wie wir sie jetzt hier bei uns nennen, weil wir im Ruhrgebiet sind, auch etwas zeigen wollen.

Also, die Silent University bekommt tatsächlich und hat jetzt auch schon einen festen Platz in Mülheim, in der Innenstadt in einem ehemaligen Ladenlokal, und da erfolgt morgen auch die feierliche Eröffnung, am 12. Es ist ein Ort, wo man tatsächlich sitzen kann, wo man Regale hat, wo Bücher drin sind, mit denen man sich bilden kann, wo man Seminare vorbereiten kann. Wir haben Computer zur Verfügung, also, die Leute sind tatsächlich dort vor Ort.

von Billerbeck: Aber was unterscheidet diesen Ort von, sagen wir, einer gehobenen Sozialstation im Vergleich zu einer Universität?

Die Dozenten der Stillen Universität sollen Gehör finden

Ben Haddou: Also, wir können natürlich die Bildungsabschlüsse oder die Anerkennung, die hier durch den Flüchtlingsstatus fehlen, die können wir ja nicht ersetzen. Das heißt, wir können Akademikern ein Gehör geben, genau darum geht es eben auch. Wir wollen das Wissen, was zum Schweigen gebracht wurde, wieder hörbar machen.

Wir können das machen, indem wir Menschen zusammenbringen, die als Dozenten, also als geflüchtete Dozenten an der Uni Lehrende sind und die dort Vorträge, Seminare und et cetera, andere Kursinhalte vorbereiten und diese auch in der Öffentlichkeit präsentieren. Und natürlich, genauso wie wenn sie Dozent oder Dozentin an einer Uni sind, soll diese Arbeit möglichst auch entlohnt werden.

von Billerbeck: Wie machen sie das denn, woher, was haben Sie da für Geschichten von diesen geflüchteten Dozenten oder Professorinnen erfahren? Was für Berufe haben die, woher kommen sie?

Ben Haddou: Genau, das sind sehr unterschiedliche Berufe oder auch Wissenszweige. Also, der Eröffnungsvortrag wird jetzt von einem Herrn gehalten, der ist bereits seit sehr vielen Jahren in Deutschland, ist damals aus dem Iran geflohen, ist hier sozusagen gesettelt und halt Fachmann für Asylfragen. Er betreut selber seit vielen Jahren Flüchtlinge, auch sozial, psychosozial, und er wird genau am Eröffnungstag über diese Situation reden und über den Hintergrund, wie geht es akademischen Geflüchteten in Deutschland.

Dann haben wir zum Beispiel auch aus London Gäste, also auch ein wenig sozusagen ungewöhnliche Wissensinhalte: Am Samstag haben wir einen arabischen Kaligraf, der aus Mossul geflüchtet ist, zu Gast aus der Silent University London, und der wird über die arabische Kaligrafie sprechen und auch einen Workshop zu dem Thema anbieten.

von Billerbeck: Nun haben ja Universitäten die Angewohnheit, auf Langfristigkeit angelegt zu sein, dass man da eine Stelle hat als Professor oder als Dozentin, wenn man nicht befristet angestellt ist. Wie ist das mit Ihrem Projekt, wie nachhaltig ist das Ganze geplant?

Nachhaltigkeit: Die Fördergelder reichen für mehrere Jahre

Ben Haddou: Genau, Sie sprechen jetzt einen wichtigen Punkt an, nämlich das Wort Projekt. Also, Herr Ögüt möchte eigentlich gerne, dass wir wegkommen von ...

von Billerbeck: Das ist der Initiator.

Ben Haddou: ... pädagogischen Inhalten, von Projekten, die immer nur finanziert werden für bestimmte Zeiten. Das ist auch unser Ziel, es ist auch so, dass wir das auf mehrere Jahre bereits vorbereitet haben, da ist die Silent University Ruhr auch in einer etwas vorteilhaften Situation. Sie hat einen festen Ort, eine feste Koordination. Und durch Bundeskulturstiftung und ähnliche Fördergeber haben wir dort auch eine Zusage, wahrscheinliche Zusage für mehrere Jahre.

von Billerbeck: Kirsten Ben Haddou war das, die Leiterin der Silent University, des Silent-University-Projektes, muss man ja sagen, das heute im Rahmen des "Impulse"-Off-Theater-Festivals in Mülheim startet. Ich danke Ihnen!

Ben Haddou: Ja, ich danke Ihnen auch, Frau Billerbeck!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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